Wie viel Privatsphäre soll ein Mama- oder Family Blog wahren?

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Bloggen ist cool.
Und trendy.
Mittlerweile gibt es kaum einen Promi, der nicht einen Lifestyle-, Beauty-, Fashion-, Sport-, Reise- oder Foodblog besitzt. Und kaum ist das erste Baby auf der Welt gibt’s etwas weniger Style, dafür mehr über Babybrei, schlaflose Nächte und Kinderpartys.
Aber nicht nur in der Promi-Welt ist bloggen über Schwangerschaft, Babys, Kleinkinder und Erziehung hoch im Kurs. Ganz allgemein hat man so ein bisschen das Gefühl, dass Mama- und Family Blogs wie Pilze aus dem virtuellen Boden spriessen.
Frauen erzählen in den kleinsten Details über ihre Schwangerschaftsgebrechen, posten ihre Bäuche, erläutern ihre Geburtsschmerzen, zeigen Bilder aus dem Gebärsaal, teilen ihre Stillerfahrungen und machen Live-Videos, wenn sie ihre Babys stillen:
Willkommen in den virtuellen Wohnzimmern dieser Welt.

Wenn der eigene Blog plötzlich bekannt wird

Was als Hobby angefangen hat, kann plötzlich eine ansehnliche Leserschaft erreichen. Tausende Follower auf Instagram und nochmals so viele Fans auf Facebook, machen aus einer „normalen“ Mama plötzlich eine „Influencerin“. Eine, auf die man hört, deren Produktempfehlungen man glaubt, deren Gewohnheiten man kennt. Gehört man plötzlich zu diesem „erlauchten Influencer Kreis“, bekommt man tolle Produkte zugeschickt, die sich bei Mama-Bloggern ja vor allem an die Kinder richten. Wer mit den Firmen kooperieren will, der muss quasi die eigenen Kinder „in Szene“ setzen, die Kinder mit den Kleidern, Hüten, Regenjacken, Kinderwagen, Spielzeugen ablichten, damit dann auch das Geld für den Blog-, Facebook-, oder Instagrampost fliesst.
Das heisst, man präsentiert sich, seinen Alltag, seine Kinder viele Gewohnheiten aus dem Familienalltag.

Diesen Alltag zu zeigen oder eben darüber zu bloggen, gehört bei vielen Mama- und Family Bloggern zum eigentlichen Konzept dazu:

„Was tun wir am Sonntag?“
„Was essen wir zum Frühstück?“
„Welche Regenstiefel ziehen die Kinder im Herbst an?“
„Wie sieht unser Wohnzimmer aus?“
„Zeigen wir doch den Leuten, wie unsere Kinder mit uns zusammen das leckere Knuspermüsli herstellen.“

Viele Blogger öffnen Tor und Tür zu ihrem Leben

Türe öffnen Privatsphäre, Blogger

Sie lassen ihre Leser an fast allem teilhaben.
An ihren Kindergeburstagen, an den Trotzphasen, an der ersten Schwimmstunde, an der Klavier-Vortragsübung, am ersten Schultag, an Ausflügen, an Darmerkrankungen, Windpocken, an Freud und Leid.
Man sitzt zu Hause, vielleicht manchmal auch ein bisschen einsam und teilt den Familienalltag mit der grossen weiten Internetwelt. Man bloggt über das Leben, seinen Alltag und über den seiner Familie.
Einige tun das ganz unverblümt und sehr offen, zeigen ihre Kinder am Strand, im Familienbett, beim Kuchen mampfen oder im Sandkasten. Andere sind etwas zurückhaltender, zeigen die Kinder nur von hinten, mit einem lustigen Smiley auf dem Kopf oder gar nicht.

Und doch haben sie alle etwas gemeinsam:
Sie erzählen viel, manchmal fast alles aus ihrem Familienleben.
Wann das Kindlein pupst und wie das riecht, dass es sich immer im Schlaf die Windeln auszieht, dass es das jüngere Geschwisterchen haut und laut brüllt. Sie erzählen detailliert von den Trotzanfällen im Supermarkt und wie rot der Kopf beim Brüllen war und geben ihren Kindern lustige Namen wie „Lausimausi“ oder „Zappelphilipp“.
Und ja, es ist lustig. Man freut sich als Leserin, muss manchmal kichern und denkt immer mal wieder:
„Genau so, ist oder war das bei uns auch!“
„Klar!“ werden die Meisten von euch jetzt wahrscheinlich denken: „Genau DAS ist ja der Sinn eines Blogs“.

Was ist ein Blog? Auszug aus Wikipedia
Das oder auch der Blog /blɔg/ oder auch Weblog /ˈwɛb.lɔg/ (Wortkreuzung aus engl. Web und Log für Logbuch) ist ein auf einer Website geführtes und damit meist öffentlich einsehbares Tagebuch oder Journal, in dem mindestens eine Person, der Blogger, international auch Weblogger genannt, Aufzeichnungen führt, Sachverhalte protokolliert („postet“) oder Gedanken niederschreibt.

Man schreibt ja eben genau deshalb einen Blog, weil man aus seinem Familienleben erzählen will.
Genau hier setzt mein Artikel an und ich es gibt diese eine Frage, die ich mir schon so oft gestellt habe:

Wie viel Privatsphäre muss, soll ein Mama-/Family Blog wahren?

Türe öffnen Privatsphäre, Blogger,

Es geht hier nicht darum, soll/darf man seine Kinder auf dem eigenen Blog zeigen?
Diese Diskussion wird schon seit länger Zeit ständig geführt und hat hohes Konfliktpotential.

„Nein, Kinderfotos haben dort nichts zu suchen und wenn, dann entscheidet mein Kind das dann irgendwann mal alleine, wo und auf welchen Seiten es präsent sein möchte und in welcher Form.“

„Kinder gehören zu unserem Leben dazu, also darf/soll man sie auch online zeigen, egal ob auf Blogs, auf privaten Facbook Profilen oder in geschlossenen Mamagruppen. Schliesslich könnte ja theoretisch jeder mein Kind fotografieren und dieses Bild dann irgendwo hochladen…“

Es geht hier wie gesagt nicht um diese (auch sehr wichtige) Foto-Frage, sondern viel mehr darum:

Was soll die Welt über meine Familie, über meine Kinder, ihre Gewohnheiten und Macken alles wissen?

So lange der Blog klein, überschaulich und unbekannt ist, wird sich kaum jemand daran stören. Die Kinder werden vielleicht gar nicht recht wissen, was die Mama bis spät in die Nacht eigentlich so treibt und schreibt und es wird sie vielleicht auch nicht gross kümmern wenn sie älter sind.
Wenn der Blog aber plötzlich an Bedeutung gewinnt (und das passiert manchmal wie von selbst und ohne, dass man das sich das gross ausgesucht hat), sieht das alles schon wieder etwas Anders aus.

Vor kurzem hab ich einen Artikel gelesen, über eine australische Journalistin, die in Online-Kolumnen, auf Facebook und in Zeitschriften über ihre Kinder berichtet hat. 
Vor der Veröffentlichung ihres „Work-Life-Balance“ Buches hat sie ihren mittlerweile 19-jährigen Sohn gefragt, ob er ein Kapitel über seine Erfahrungen mit seiner bekannten Mutter und die Auftritte in der Öffentlichkeit, die er ja zwangsläufig hatte (für Produktplatzierungen und Blogbeiträge) schreiben möchte. In der Hoffnung, dass er viel Positives zu berichten hätte und auch ein bisschen stolz sei, dass alle Leser seinen Namen, sein Bild, aber auch alle seine Kinder- und Jugendstories kennen, war sie dann doch ziemlich vor den Kopf geschlagen.

Der junge Mann hat nämlich in seinem Kapitel erbarmungslos mit seiner Mutter abgerechnet. Hat erzählt, wie peinlich ihm alle diese Geschichten sind, die man über seine gesamte Kinder- und Tenniezeit im Netz nachlesen kann, dass er sich schämt und wünschte, sie hätte nie damit angefangen, resp. ihn nie damit reingezogen.

Bämm! Das sass und hat mich wirklich zum Nachdenken gebracht.
Aus diesem Grund ist auch dieser Artikel hier entstanden

Auch ich habe früher, als ich noch überhaupt keine Ahnung hatte, wo ich Fotos für meine Artikel finden kann, Bilder von unseren Kids hier auf dem Elternplanetchen gepostet. Das sind aber Bilder, auf denen unsere Kinder noch so klein sind, dass man sie nicht erkennt.
Viele Fotos habe ich jetzt nach und nach ausgetauscht und bin immer noch dabei. (Das ist im Fall gar nicht so einfach, denn man muss alle Fotos mit einem anderen Bild überschreiben, damit es auf Google wirklich nicht mehr gefunden und angezeigt wird…)
Man findet hier auf dem Blog keine Bilder, auf denen man sie sieht wie unsere Kids über einem Teller Spaghetti eingeschlafen sind oder wie sie grad im Sandkasten eine Schaufel Sand gegessen haben. Ich bin da mittlerweile sehr zurückhaltend, frage sie auch, wenn ich mal ein Bild von ihnen nehmen möchte.
Es geht aber nicht nur um die Bilder.
Elternplanet ist ja vor allem ein Blog, eine Seite auf der ich euch Tipps, Ideen und Anregungen für euren Erziehungsalltag gebe und da ist es fast unvermeidbar, dass ich ab und zu auch ein bisschen von meinen Erfahrungen berichte. Dass ich euch Beispiele nenne und von Situationen erzähle, die ich selber auch kenne, damit das Ganze auch einigermassen authentisch und glaubhaft rüber kommt.

Trotzdem habe ich schon immer versucht in meinen Texten sehr allgemein zu formulieren und nicht einfach Situationen die wir erlebt und Geschichten die passiert sind, 1:1 nachzuerzählen.
Ich tue das, in dem ich z.B schreibe:
„Kennt ihr das auch? Erinnert ihr euch noch? Stellt euch einmal vor..“
Das soll dem dem Leser suggerieren: Ich persönlich kenne zwar die Situation, es geht hier aber nicht in erster Linie um meine Geschichte oder um die meiner Kids.
Ich weiss nicht, ob es mir 100% und immer gelungen ist.

Wenn Kinder älter sind, dann wollen die nicht über sich im Internet lesen, dass sie mal im Supermarkt einen Trotzanfall bekommen und das Brötchen auf den Boden gespuckt haben. Sie wollen keine Fotos sehen in Badehosen und Gummistiefeln, sie wollen auch nicht, dass alle wissen, welche Ausflüge sie gemacht, was sie gegessen und was sie zu Weihnachten bekommen haben.
Sie wollen es wirklich nicht.
Im Teeniealter ist es ihnen ja schon zutiefst peinlich, wenn man ihnen laut zu ruft, wenn sie mit ihren Freunden unterwegs sind. Oder wenn man winkt. Oder noch schlimmer: Wenn man beides gleichzeitig tut…

Ich glaube das ist etwas, dass sich viele Mama- und Family Blogger mit noch kleinen Kids nicht wirklich bewusst sind oder denken:
„Ach, meine Kinder sind da anders. Die sind sich das ja gewohnt, die werden das auch mit 14 noch super toll finden.“
Das Problem stellt sich besonders dann, wenn der Blog immer erfolgreicher und aus dem Hobby ein Beruf wird. Die Reichweite steigt, man bekommt immer mehr Feedback, man wird ab und zu „erkannt“ und auch die Freundinnen der Kinder wissen plötzlich, was ihre Mutter da im Internet so macht und wer die Kids sind, über die sie ständig schreibt.

Der Grat ist schmal, sehr schmal und ich war mir das früher auch nicht so wirklich bewusst. Wenn die Kinder noch klein sind, dann trägt man die rosarote Bloggerbrille schon noch ein bisschen häufiger, als dann, wenn sie sich zu jungen, eigenständigen Menschen entwickeln.
In letzter Zeit hab ich mir beim Schreiben zum Beispiel oft überlegt:
„Will ich, dass alle Welt weiss, wie meine Kinder ticken, was sie sagen, essen, tragen, wie sie sich benehmen, wenn sie einen Pubertätsanfall haben? Wie kann ich über meinen Alltag schreiben, meinen Lesern Tipps und Ideen mit auf den Weg geben, ohne meine Kinder zu fest zu involvieren oder gar bloss zu stellen?“

Klar ist es auf den ersten Blick lustig, ein Foto eines sehr, sehr unordentlichen Kinder- oder Jugendzimmer (inkl. sehr verdorrter Pflanze und angefressenem Joghurt) zu machen und es dann seiner Community zu posten und zu schreiben:
„Na? Sieht das Zimmer eurer Teenies im Moment auch so aus?“

Und JA, ich war schon drauf und dran so was zu posten, hab’s mir aber dann anders überlegt und es nicht gemacht. Ich möchte meinen Kids nämlich ersparen, dass ihre Schulkollegen zu ihnen sagen:
„Oh, du hast auch wieder ein Puff im Zimmer, gell? Meine Mum hat mir gestern ein Foto auf Facebook gezeigt.“

Es ist toll, wenn die eigenen Geschichten, Texte und Bilder den Leuten da draussen gefallen, sie inspirieren, ihnen vielleicht sogar ein bisschen helfen, wenn sie den Alltag etwas erleichtern oder auch einfach nur unterhalten.
Es wunderbar mit anzusehen, wenn der eigene Blog wächst, sich weiterentwickelt, Reichweite generiert und immer mehr Leser findet.
Es macht Spass zu bloggen, einen Teil von seinem Leben mit einer Community zu teilen.
Man hat aber als Mama- und Familien Bloggerin auch eine Verantwortung seinen Kids gegenüber, die grösser werden und eines Tages merken, wenn alle Erlebnisse, alle Geschichten aber auch ihre Macken und Fehler, jahrelang im Netz veröffentlicht oder gar vermarktet wurden.

Eine gute Balance, einen Mittelweg zu finden ist ein schmaler Grat und eine grosse Herausforderung.

  • Eliane Fischer

    Ich verurteile sie ja auch nicht, aber kritisieren darf man das schon oder eben wie ich, auch sein eigenes Posten kritisch betrachten. Meiner Meinung nach gibt es nicht nur den Aspekt, wie die Kinder das finden (später), sondern auch einen kinderrechtlichen (Stichwort: Recht am eigenen Bild) und bis sie selber für ihre Rechte einstehen können, sind wir Eltern nun mal die Hüter dieser Rechte.

  • Hallo Eliane
    Danke für deinen Input.
    Ich möchte hier nicht Mama verurteilen, die so etwas tun, sondern eher zum nachdenken anregen. Die meisten haben noch ganz kleine Kinder und können sich wahrscheinlich nicht so recht vorstellen, wie die Kids reagieren wenn sie älter sind. Ich weiss wie sie reagieren und ich denke, da sind alle Teenies sehr ähnlich. Sie sind sehr heikel und empfindlich was die eigene Wahrnehmung betrifft.

  • Eliane Fischer

    Danke, Kathrin. Finde deinen Beitrag sehr wichtig und denke, du ziehst die richtigen Schlüsse aus deinen Überlegungen. Ich bin direkt froh, habe ich einen Buchblog, oder nach deiner Definition würde ich dann auch schon eher von „Magazin“ sprechen wie Ellen. Da stehe ich nicht so oft vor der Frage. Denn verlockend ist das ja schon, wenn man mit den Kindern eine schöne oder lustige Geschichte erlebt oder ein Foto schiesst, das man so süss findet, dass man es am liebsten teilen würde. Beim Blog bin ich da nicht sehr dazu verleitet, aber bei Instagram sieht es wieder anders aus. Ich nehme mir deine Inputs sehr zu Herzen und hoffe, dass auch einige Mamablogger und Instamamas tun. Einige gehen da meiner Meinung nach viiiel zu weit. Liebe Grüsse, Eliane

  • Wuff, ich finde Deinen Beitrag extrem anregend gerade, vielen Dank! Werde Dir auch auf FB antworten, aber auch hier möchte ich drei Dinge ansprechen:

    Influencer: ist für mich nicht gleich Blogger. Ich sehe mich z.B. keinesfalls als Influencerin (Gott bewahre, echt jetzt!). Die ganze Werbung-Kooperationen-Sache sprich Geld (bzw. Likes) machen mit meinen Kindern(bildern und -themen), finde ich recht prekär bzw. hab ich mir diesbezüglich noch keine abschliessende Meinung bilden können. Denn klar, irgendwie soll sich „Chez Mama Poule“ schon rentieren, kostet schliesslich sehr viel Zeit bzw. Schlaf. Wie das passieren soll, ist für mich noch offen. Ich denke aber solange es mir so viel Spass und Energie bereitet, ich so unglaublich viel dabei lerne und der Output bei meinen Leser*innen gut ankommt, wird sich das schon irgendwie auszahlen.

    Privatsphäre Bilder: Kinder gehören zur Gesellschaft dazu und auch ins Internet. Ist so. Aber wenn schon ihre Fotos ungefragt veröffentlichen, bitte wenigstens mit Würde: Sprich keine nackten, peinlichen, privaten, erniedrigenden Bilder/Geschichten. Ich selber stelle trotzdem nur unkenntliche Bilder meiner Töchter ins Netz (dh. solche anhand deren man sie auf der Strasse nicht erkennen würde) aber aus einem anderen Grund: Mein Ehemann ist Nationalrat bei den Grünen und darum muss ich ihre Privatsphäre umso mehr schützen (Stichworte: Wutbürger oder Boulevardpresse).

    Privatsphäre Geschichten: „Wie kann ich über meinen Alltag schreiben, meinen Lesern Tipps und Ideen mit auf den Weg geben, ohne meine Kinder zu fest zu involvieren oder gar bloss zu stellen?“ ich finde Deine Frage sehr wichtig. Deshalb sehe ich „Chez Mama Poule“ nicht als Blog (also als ein Tagebuch per Definition) sondern als Webmagazin. Und versuche dabei primär über MEINE Erfahrungen/Gedanken/Ideen als Mutter zu schreiben. Ich hoffe, es wird mir gelingen. Denn es ist, da bin ich mit dir eins, eine Gratwanderung. Vielen Dank fürs Reminden an dieser Stelle!