«Hilfe! Warum kann sich mein Kind nicht alleine beschäftigen?!»

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Nur schnell den Wäschekorb in die Waschküche bringen, kurz staubsaugen, im Schlafzimmer die Kleider in den Schrank räumen, sich in der Küche einen Kaffee machen.
Was hier ganz einfach und unkompliziert klingt, ist in vielen Familien ein Spiessrutenlauf. Kaum dreht sich Mutti um oder denkt nur kurz daran das Zimmer zu verlassen, ist der Teufel los:
Das Kindlein schreit, brüllt, schimpft, reklamiert und klammert sich ans Hosenbein.
Es scheint unmöglich zu sein, etwas zu tun, ohne dass das Kind einem auf Schritt und Tritt verfolgt.
Das nervt.
Lässt einem manchmal schier verzweifeln und man denkt sich:

«Hilfe! Warum kann sich mein Kind nicht alleine beschäftigen?!»

Zuerst einmal etwas ganz Grundsätzliches:
Kinder haben ganz viele, unterschiedliche Bedürfnisse. Eines davon, und zudem ein ganz wichtiges, ist Aufmerksamkeit.
Schenken wir Kinder viel postive Aufmerksamkeit, stärkt das die Bindung zwischen Eltern und Kind. Ist diese Bindung von Anfang an stark, liebevoll und ausgeprägt, kann man die Kinder auch etwas besser, ruhiger und gelassener durch die Pubertät begleiten.
Deshalb ist es ganz wichtig, dass man dieser positiven Form von Aufmerksamkeit von Anfang an viel Beachtung schenkt. Denn ganz oft ist es so:
Kinder benehmen sich „schlecht“, weil sie nicht genügend beachtet werden, wenn sie sich „gut“ verhalten. Sie lernen schnell, dass sie fast nur Aufmerksamkeit bekommen, wenn sie ihre „schlechten“ Gewohnheiten an den Tag legen. Denn wenn es keine positive Zuwendung bekommt, dann gibt es sich halt einfach mit negativer Aufmerksamkeit zufrieden.

Ganz oft hat man als Eltern oft das Gefühl:
«Aber ich tu doch alles für mein Kind. Bin 24 Stunden da, gebe mir Mühe und schenke ihm doch ununterbrochen Aufmerksamkeit, auch viel positive. Und trotzdem ist es irgendwie nie genug.»

Genau dieses Empfinden, diese Gedanken und Überlegungen führen oft dazu, dass man eben plötzlich weniger Aufmerksamkeit schenkt, weil die „anscheinend“ ja nicht das Problem war. Und dann passiert genau das, was man eigentlich überhaupt nicht beabsichtigt hat:
Das Kind fordert noch mehr und noch mehr. Es spürt, dass die Aufmerksamkeit schwindet und es möchte genau das verhindern. Deshalb passiert es in diesen Momenten ganz oft, dass die Kinder ihre Anstrengungen verdoppeln und ihr „schlechtes“, forderndes und anhängliches Benehmen noch häufiger zeigen.
Das führt dann unweigerlich in einen kleinen Teufelskreis und in eine Negativspirale.

Wenn es ums „alleine spielen“ geht, sieht das oft ganz ähnlich aus.
Damit man nicht in diese „Falle“ gerät gibt es ein paar Dinge die man beachten kann:

1. Das selbstständige Spielen fördern

Schon ab 3-4 Monaten kann man damit anfangen. Habt nicht ständig ein schlechtes Gewissen, wenn das Baby oder Kleinkind einfach nur da liegt oder sitzt, an einem Plüschtier-Ohr saugt, in die Luft guckt, an einem Spielzeug knabbert.
Ganz oft meldet sich nämlich dann eine innere Stimme die sagt:

«Oh mein Kind hat ja nix zu tun, es liegt/sitzt nur da und beobachtet die die Wand, ein Bild, eine Fliege, eine Zahnbürste. Ich muss mich jetzt sofort mit ihm beschäftigen!»

Lasst die Kinder ruhig immer mal wieder einen Moment alleine die Welt erkunden, unterbrecht sie nicht ständig, redet nicht immer auf sie ein, gebt nicht immer Tipps und Anweisungen. Wenn die Kinder noch klein sind, dann kann man sie nach dem Aufwachen auch ruhig mal noch einen Moment im Bettchen lassen. So lange sie zufrieden sind, spricht da überhaupt nichts dagegen.
Wenn sie auf einer Decke liegen und langsam unruhig werden, dann kann man ihnen zum Beispiel zuerst eine kleine Beschäftigung anbieten, bevor man sie gleich auf den Arm nimmt. Das kann ein Plüschtierchen oder ein kleines Spielzeug sein, welches man ihnen (je nach Alter) in die Hand gibt, oder im Bett/Laufgitter oder sonst irgendwo befestigt.

2. Interessante Beschäftigungen suchen

Kinder brauchen nicht unbedingt viel und teure Spielsachen. Ganz oft haben sie nämlich an den kleinen Dingen mehr Freude und können sich auch länger damit beschäftigen. (z.B ist das Geschenkpapier oft viel spannender als das Geschenk selber).
Gebt ihnen schon früh viele spannende Dinge in die Hand, bietet ihnen viele interessante Spielmöglichkeiten.
Hier eine kleine Auswahl (je nachdem, in welchem Alter eure Kids gerade sind):

– Eine weiche Zahnbürste.
– Einen kleinen schrumpeligen Ballon, den man an einer Schnur über ihrem Kopf aufhängt, damit sie ihn greifen können.
– Verschiedene Tücher und Gegenstände aus unterschiedlichen Materialien.
– Dinge aus dem Haushalt (Holzkellen, Löffel, Tupperwaredosen, kleine und grosse Gefässe…)
– Kartonschachteln, Verpackungsmaterial, WC-Rollen, Kugeln aus Holz/Styropor, gut verschlossene Plastikflaschen (die man auch ganz gut mit verschiedenen Dingen wie Reis, Federn, Nüssen usw. füllen kann),
– Grosse Kartonkiste/Umzugskarton damit lassen sich viele tolle Sachen herstellen. Fürs Kind selber oder für die eigenen Plüschtiere (Schiff, Haus, Höhle, Auto,  Ruderboot, Flugzeug… usw.)
– Packpapier, welches man auf den Boden klebt und auf das man malen kann.
(z.B die Umrisse des Kindes nachzeichnen und es dann sich selber ausmalen lassen. Oder ihr macht eine Strasse, einen Zoo, viele runde Kreise und auf jeden Kreis können die Kids ein Auto oder ein Tier drauf stellen…)
– Wäschekörbe, Schuhschachteln, alte Duschvorhänge, Wolldecken, kleine und grosse Stühle, Sonnenschirme (Damit lassen sich gut Häuser und Höhlen bauen)
– Arztköfferchen
– Eine Kiste mit Kleidern, Vorhängen, alten Schuhen und Hüten
– Eine Kiste mit Knetmasse und vielen Gegenständen aus dem Haushalt, damit die Kinder viele tolle Sachen formen und diese dann auch verzieren können.
– Eine „Krimskramskiste“ mit viel Bastelmaterial, mit Kastanien, Nussschalen, WC-Rollen, Papier, Stiften, wertlosem Verpackungsmaterial usw. Damit können die Kinder dann verschiedene Dinge basteln, erfinden, entdecken.
– Eine kleine Wasserflasche mit Wasser füllen, ihnen einen Lappen in die Hand drücken und die Kinder können schon früh, mit euch zusammen, den Haushalt schmeissen. :-)
Zeigt ihnen wie und wo sie mithelfen können. Sie können z.B die Türrahmen oder die Fussleisten putzen. Auch wenn es vielleicht nicht DIE grosse Hilfe ist, lasst sie trotzdem immer mal wieder dabei sein und mithelfen.

Die Liste könnte man noch beliebig fortsetzen. Seid da etwas erfinderisch, lasst euch von eurem Umfeld inspirieren und überlegt euch, welche spannenden Dinge es gibt.
Ihr müsst auch nicht gleich alles auf einmal anbieten. Wechselt ein bisschen ab und räumt die Sachen immer wieder weg, das erhöht den Anreiz und das Interesse der Kinder bleibt länger bestehen.
Noch mehr Spielideen findet ihr auch hier in diesem Blogbeitrag.

Und hier gibt es Spieltipps für im Restaurant

3. Kurze «Eigene-Spielmomente» einführen

Kinder sollen Gelegenheit bekommen, sich auch ab und zu alleine zu beschäftigen. Das können sie nur, wenn wir sie nicht ständig „bespassen“.
Wenn sie noch nicht oft die Gelegenheit dazu hatten, dann wird es am Anfang etwas weniger gut klappen. Habt etwas Geduld!
Ihr könnt versuchen einzelne, kleine Spielzeiten einzuführen. Am besten dann, wenn die Kinderlein zufrieden, ruhig und satt sind. Das geht am besten in einer ruhigen Atmosphäre, ohne TV oder Radio.
Wenn es am Anfang noch nicht so gut klappt, dann könnt ihr noch ein bisschen dabei sein. Entweder ihr macht parallel etwas für euch oder ihr helft dem Kind, ins Spiel zu finden.
Wenn es schon etwas grösser ist, dann gebt ihm immer mal wieder einen kleinen Auftrag, in dem ihr ihnen z.B eine Frage stellt:
«Hmm, die Autos bräuchten aber doch noch eine Garage oder wo willst du die parkieren, wenn es Nacht wird?»
Das Kind kann dann zum Beispiel alle Autos schön parkieren, in eine Reihe oder unter den Tisch stellen, einen Unterstand/eine Garage aus einer alten Kartonschachtel bauen… usw. und ist damit wieder einen Moment beschäftigt.

Wenn es die Lust verliert, dann könnt ihr jeweils immer mal wieder eine neue, kleine Spielidee oder eine Frage in den Raum werfen und die Fantasie und das Spielverhalten neu anregen.

«Die Kühe haben ja gar keinen Zaun, hmm… Wie könntest du einen Zaun machen?»
«Die armen Krokodile müssen doch etwas essen.»
«Und wo sollen die Puppen denn schlafen? Mach ihnen doch mal ein weiches Bett.»

Ihr müsst auch nicht immer und ständig gleich eingreifen. Wenn also ein Ball wegrollt, ein Spielzeug mal ausser Sichtweite ist, dann wartet einen kurzen Moment ab. Das fördert nämlich ihre Selbstständigkeit. Ganz oft wissen die Kinder sich nämlich selber zu helfen und sie brauchen unsere Hilfe gar nicht. Manchmal hilft auch hier eine kleine Gegenfrage und das Kind findet selber die Lösung:

«Was könntest du jetzt machen?»
«Schau mal wo der Ball ist, findest du ihn alleine?»

 

4. Die Kinder auch mal kurz alleine lassen

Wenn die Kinder ruhig, zufrieden und vielleicht gerade von etwas fasziniert sind, dann könnt ihr sie immer mal wieder einen kurzen Moment alleine lassen. (Natürlich immer vorher abchecken, dass sie nichts verschlucken, sich irgendwo runter rollen oder sich sonst irgendwie verletzen können).
Wichtig:
Sagt ihnen immer schnell, WAS ihr gerade tut und wohin ihr geht. Auch wenn sie noch klein sind und es vielleicht noch nicht so richtig verstehen können. Sprecht ruhig und klar, auch wenn ihr ausser Sichtweite seid. Erklärt kurz wo ihr seid und was ihr tut und dass ihr gleich wieder bei ihnen seid.
Wenn man mehr als ein Kind hat, passiert das meistens ganz automatisch. Man hat gar nicht die Zeit, nonstop nur für das Eine da zu sein, weil man sich ja um das andere auch kümmern muss.
Wenn ihr wieder beim Kind seid, gebt ihm rasch ein positives Feedback, schenkt ihm eine nette Geste, ein Lächeln. Das zeigt ihm, dass alles gut geklappt hat und dass die kurze Zeit alleine, doch eigentlich gar nicht sooo schlimm war.

5. Nicht zu hohe Erwartungen haben

Alleine zu spielen und sich alleine zu beschäftigen muss man erst lernen. Ganz viele Kinder bekommen selten Gelegenheit dazu.
Und nicht alle können es gleich gut und gleich lange.
Als Richtwert gilt:
Kinder unter einem Jahr können sich ungefähr 5-10 Minuten alleine beschäftigen.
Kinder zwischen 1 und 3 Jahren, zwischen 15 bis 30 Minuten.

 

«Ich habe viel über die Kinder nachgedacht, die mit ihren weissen Kieseln spielen und sie verwandeln:
Sieh doch, sagen sie, dort marschiert ein Heer und dort sind die Herden: Der Vorübergehende aber, der nur Steine sieht, weiss nichts vom Reichtum ihrer Herzen.»

(Antoine de Saint-Exupéry)

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