«Hilfe, meine Nerven!» Wie kann man im Erziehungsalltag ruhiger und gelassen bleiben?

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Vielleicht kennt ihr das auch.
Gerade eben hat man im schlauen Erziehungsratgeber gelesen, wie entspannt man mit herausforderndem Verhalten umgehen soll.
Von «Ich-Botschaften», positiver Bestärkung, irgend etwas von «ruhig und gelassen bleiben» und dass man das Gebrüll und die bösen Widerworte nicht allzu persönlich nehmen soll.
Voller Enthusiasmus erinnert man sich an die Seite 62 im Erziehungsbuch, atmet einmal tief durch und denkt sich:
«So, heute pack ich das. Ich weeeerde gaaaaanz ruuuuhig antworten, mich nicht provozieren lassen und die Situation wird nicht eskaaaalieeeeren. Oooohhhhmmm…»

Doch dann macht das Kind überhaupt keine Anstalten, sich irgendwie an die Anweisungen zu halten. Mit knallrotem Kopf liegt es da, spuckt den Rest des Zwiebacks auf den neuen Teppich, zieht sich die Hose aus, schmeisst dem kleinen Bruder den roten Traktor an den Kopf und brüllt, als Krönung sozusagen, gaaanz laut:

«Du bist doof, ich hasse dich, du sollst weggehen.»
(Wenn es älter ist, kommen da nicht selten noch ein paar frechere Ausdrücke dazu…)

Oder ihr sitzt ganz ruhig am Tisch, versucht mit eurem bockigen Teenie zu reden, doch der findet mal wieder alles:
«Toooootal ungerecht. Einen Scheissdreck und überhaupt dürfen alle anderen sowieso immer viel mehr und du hast ja von gaaar nix eine Ahnung, verstehst mich nicht und im übrigen will ich am Samstag eine Party bei uns zu Hause machen.»

Die Erziehungsweisheiten aus dem Buch «So kommen Sie ruhig durch die Pubertät», die ihr euch vorgestern in der Badewanne noch durchgelesen habt, die sind längst vergessen. In eurem Bauch fängt es so langsam an zu brennen, der Druck zieht sich runter bis zu den Knien, der Atem geht schneller.
Diese Gefühle der Wut und der Ohnmacht, von denen man als Eltern oft in Sekundenbruchteilen übermannt wird, sind weder gewollt, noch erwünscht.

Man möchte doch wirklich gute Eltern sein, ruhig bleiben, besonnen und lösungsorientiert reagieren.

Warum aber spielen uns unsere Emotionen immer wieder einen Streich? Warum übernehmen Wut, Frust, Ärger und Traurigkeit, egal ob mit Baby, Klein-, Schulkind oder mit Teenie manchmal so schnell das Szepter?

Die eigenen Erwartungen überdenken

Noch bevor Kinder auf die Welt kommen, sind wir voller wunderbarer Erwartungen. Wie wir dann fröhlich mit dem Kinderwagen über Land fahren. Dem Baby jede Nacht voller Enthusiasmus und mehrmals pro Nacht die Brust anbieten, wie wir geduldig immer und immer wieder die gleichen Dinge erklären, wie der Kinderalltag die absolute Erfüllung sein wird und zwar JEDEN Tag. Wie wir mit unseren Teenies Arm in Arm durch die Stadt bummeln und nonstop besonnene Gespräche führen.

Doch der Alltag ist anders. Herausfordernd, oft kompliziert, anstrengend, laut, chaotisch, manchmal unbefriedigend und eben nicht immer so, wie man sich das vorgestellt hat.

Manchmal hat man einfach keine Lust mehr: Das Baby schreit ununterbrochen, verlangt die ungeteilte Aufmerksamkeit, man kommt weder zum Schlafen noch zum Essen, noch zum richtig Anziehen. Dies führt ganz oft auch zu Spannungen und Konflikten zwischen den Eltern, denn auch hier gibt es Erwartungen, die vielleicht von der einen Seite nicht richtig erfüllt werden, weil sie von der anderen Seite nicht richtig kommuniziert wurden:

«Er könnte auch mal aufstehen. Ich bleib jetzt einfach liegen, verhalte mich ganz unauffällig und atme ganz regelmässig. Er MUSS das Kind doch auch hören und könnte mal die Flasche holen.»

«Warum muss ich eigentlich jeden Abend das Kind fürs Bett fertig machen? Könnte ER nicht auch mal ein bisschen mithelfen?»

Die Kombination aus diesem Frust und diesen elterlichen Spannungen, den hohen und nicht erfüllten Erwartungen an die Kinder, die lassen einen dann oft und schnell explodieren.
Ganz oft spielen uns diese Erwartungen dann auch einen Streich und wir haben ganz fixe Vorstellungen WIE denn jetzt etwas genau sein, oder erledigt werden muss.
Oder wir überraschen die Kids mit unseren Anweisungen und wundern uns dann, wenn sie nicht kooperieren wollen.
Deshalb ist Vorausplanen immer ganz wichtig!

Vielleicht spielt bei dem ganzen Thema die Einsamkeit auch noch ein bisschen mit.
Ganz oft höre ich von vor allem von Mamas, dass sie keine wirklichen Kolleginnen und Freundinnen (mehr) haben. Dass sie sich selten mit jemandem austauschen können, niemanden haben, mit dem sie mal ausgehen und was Trinken gehen können.
Diese typischen «Babyschwimm-Krabbelgruppen-Familien-Mütter-Eltern»-Treff Situationen, die ich vor ein paar Jahren noch erlebt habe, scheint es nicht mehr so zu geben.
Der Austausch findet jetzt online statt:
In Foren oder Facebook-Grüppchen. Und wer dort schon mal ein bisschen reingeschaut hat, der weiss wie das dort zu und her geht, und dass man dort eher den Verstand verliert als dass man viele neue, nette Frauen kennenlernt…

Präventiv gegen Wut und Frust vorgehen

Mir hilft es jeweils ein bisschen wenn ich mir ganz bewusst überlege:

«Was macht mich denn jetzt eigentlich so rasend?»
«Woher kommt diese Wut/Verzweiflung?»
«Wann hat das angefangen?»
«Welche Erwartungen habe ich in dieser Situation an mein Kind?»
«Wo liegt mein Problem?»
«Was will mein Kind eigentlich?»

Diese Überlegungen bringen schon mal etwas Ruhe ins Ganze und bewahren uns davor, nonstop auf das Kind einzuquatschen.
Ganz oft eskalieren Situationen nämlich, weil wir Eltern nicht genug zuhören oder weil wir nicht auf der «gleichen Wellenlänge senden».
Das heisst: Wir als Eltern senden eine «Nachricht» an unsere Kids und damit diese sie richtig verstehen und entschlüsseln können, müssen sie die gleiche «Codierung» wie wir verwenden. Wenn nicht, dann verstehen sie vielleicht unter einem Begriff oder unter einer Gestik, die wir verwenden, etwas anderes und es eskaliert.
Diese Überlegungen kann man auch mal gut in einer ruhigen Minute machen, wenn man eben nicht mit seinen Gefühlen kämpft.
Man kann das gut als eine Art «Präventionsarbeit» anschauen, denn man möchte ja eigentlich, dass sich etwas ändert und man sich nicht ständig im gleichen Hamsterrad dreht.
Wenn man aufschlüsseln kann, WOHER denn der Ärger, die Wut und der Frust kommt, dann man auch früh genug anfangen, etwas dagegen zu tun und man tappt dann vielleicht etwas weniger in diese «Wut-Frust-Schrei- und-Brüllfalle».

Leise bis 10 zählen, einen Schritt zurück stehen

Diese beiden einfachen Tipps, sind in einem stressigen Moment ebenfalls ganz hilfreich.
Man hat dann nämlich Zeit kurz zu reflektieren, sich zu überlegen ob Sender und Empfänger auf der gleichen Wellenlänge sind und allenfalls rasch nachzufragen:

«Also habe ich das richtig verstanden?»
«Du bist sauer, weil…»
«Dich nervt, dass…»

Wenn die Situation noch einigermassen ruhig und entspannt, es also noch nicht eskaliert ist, dann kann das manchmal Wunder wirken. Ich merke dann nämlich ganz oft auch:
Nicht mein Kind nervt mich, sondern ICH bin genervt. Von mir selber, meiner Situation, meinem Partner. Ich habe Dinge vergessen, zu spät erledigt, habe keine Zeit für mich, bin müde oder unzufrieden.
Also:
Die Wut und den Frust benennen, zurück Fragen oder auch die eigenen Gefühle kurz erklären:
«Das macht mich jetzt sooo wütend, weil…»
«Ich ärgere mich jetzt wirklich, weil…»
«Es macht mich sehr traurig, wie du mit mir redest. Ich will das nicht.»

Manchmal hat man sich aber in der Situation schon so dermassen verrannt, dass es einfach unsinnig ist weiter zu: reden, brüllen, moralisieren, schimpfen, drohen, predigen, nerven.
Und doch tut man es leider ganz oft trotzdem. Es ist, als würde ein kleines Teufelchen auf der Schulter sitzen und uns dazu anstacheln…

Da hilft wirklich nur:

Tieeef durchatmen
Klappe halten
Zeit zur Beruhigung vorschlagen
Aus der Situation rausgehen

Ja ich weiss, klingt alles supi gell? Und man weiss es ja eigentlich und würde es gerne so machen…
Doch im hektischen Erziehungsalltag lässt man sich immer wieder zu unsinnigen Drohungen, beleidigenden Aussagen und lauten Befehlen hinreissen, die dann die Eltern-Kind Beziehung immer ein bisschen mehr belasten und dann schliesslich diese Ohnmacht erzeugen:

«Nie klappt irgendetwas!»
«Immer hat er eine freche Klappe!»
«Ich kann tun und lassen was ich will, immer bin ich die Blöde!»
«Langsam hab ich echt die Schnauze voll!»

Dabei wäre es eben gerade so wichtig, den Fokus nicht nur aufs Negative zu legen.
Mal zu überlegen:
Was klappt denn gut?
Was mag ich am Verhalten meiner Kinder?
Was zeichnet sie aus?

Wenn wir wütend sind, werden wir blind für die Wirklichkeit.
Der Ärger bringt uns vielleicht einen kurzen Energieschub, aber diese Energie ist blind und blockiert den Teil unseres Gehirns der das Richtige vom Falschen unterscheidet.

Um unsere Probleme zu bewältigen sollten wir realistisch und praktisch denken. Wenn wir dazu fähig sind, müssen wir unsere menschliche Intelligenz richtig einsetzen.
Hierzu benötigen wir einen ruhigen Geist.

(Dalai Lama)

Und genau diesen ruhigen Geist wünsche ich uns.
Lasst es uns einfach immer wieder probieren, wir haben ja ein paar Jährchen Zeit…

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