«Achtung! Pass auf!»

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Müsst ihr auch jedes Mal grinsen, wenn ihr ein lustiges Mami oder einen Papi seht, der mit ernstem Gesichtsausdruck seinem Kindlein nachbrüllt:

«Aaaaachtuuuung, Schaaaatz! Niiiiiicht rennen! Paass aaaauuuf!»

Grinsen deshalb, weil ihr genau wisst, dass:

a.) Das Kindlein deswegen nicht weniger schnell rennen wird.
b.) Ihr das selber ganz oft auch macht, obwohl ihr wisst, dass das Kindlein deswegen nicht weniger schnell rennen wird.

Und trotzdem tun wir es IMMER und IMMER wieder.
Wahrscheinlich ist das einfach ein Eltern-Gen, das mit dem ersten Schrei des Kindes aktiviert. Zuerst schlummert es noch etwas vor sich hin, denn so lange die Kinder noch nicht laufen können, braucht man schliesslich auch noch nicht: «Pass auf!» zu brüllen.
Aber dann, wenn das Kind plötzlich anfängt sich fortzubewegen, es seinen Radius erweitert, geht es los.

Eltern im «Pass-auf!» Modus

Die Situationen in denen uns das «Pass auf!» entwischt sind vielseitig:

Das Kind guckt zur Treppe.
Es sagt das Wort «Messer».
Es steht in der Badewanne auf.
Es hält die Zahnpasta ohne Deckel in der Hand.
Es isst. Irgendetwas, das kleiner ist als eine Faust.
Es trinkt. Irgendetwas.
Es rennt. Egal wohin.
Es klettert. Egal wohin.
Ein anderes Kind nähert sich.
Ein Glas steht auf dem Tisch.

Wenn wir Glück haben, guckt das Kindlein nach unserem Gebrüll kurz zu uns auf, bleibt vielleicht (meistens eher nicht) einen kurzen Moment stehen, grinst dann und tut genau DAS, was es vor dem «Pass auf!» auch schon gemacht hat.
Rennen, nach etwas greifen, hüpfen, etwas anschauen, auf einer Mauer balancieren…

Es ist also berechtigt, wenn ich hier die Frage stelle:

«Warum tun wir Eltern das?»

a.) Eben. Das «Pass auf»-Gen. Siehe weiter oben. Wir können also nix dafür.
b.) Unsere Eltern haben auch schon immer «Pass auf!» gesagt. Es wurde uns praktisch „an“-erzogen.
c.) Wir hoffen, dass wir damit ein schlimmes Unglück verhindern können.
d.) Wir denken, dass jedes Mal wenn wir «Pass auf!» sagen eine Falte von unserem Gesicht verschwindet.

Pass auf ist zwar gut gemeint, hilft aber in den meisten Fällen nicht so wirklich. Denn «Pass auf!» sagt dem Kinder weder, womit es anfangen noch womit es aufhören soll.
Das ständige «Pass auf!» suggeriert den Kids eher so ein bisschen:
«Hey! Ich trau dir nicht zu, dass du diese Situation ohne mich meisterst. Deshalb will ich dir einen Tipp geben, was du machen sollst.»

Natürlich kann ein lautes: «Achtung!» oder «Pass auf!» in einer sehr gefährlichen Situation ein Kind kurz zum Innehalten bringen. Aber auch nur dann, wenn die Kinder es eben nicht ständig und dauernd von uns hören. Sonst ist diese Wirkung längstens verpufft.

Ich weiss, es ist nicht ganz leicht, einfach mal die Klappe zu halten und keinen Kommentar abzugeben, aber einen Versuch ist es immer wieder wert.

Wenn man sich Sorgen macht oder bei einer Situation vielleicht tatsächlich eine Hilfestellung oder eine Abmachung nötig sein sollte, dann bespricht man das am Besten VORHER.

Gut Vorausplanen kann nämlich helfen, dass man sich in der Situation nicht ständig einmischen muss und die Kinder wissen, was sie genau erwartet.
Wie das genau funktioniert das seht ihr hier in «Mein kleines Erziehungs-Geheimrezept»

Kinder leben im Moment

Das heisst: Was wir vor einer Woche, einem Tag, einer Stunde gesagt haben, ist schon längt wieder in Vergessenheit geraten. Das ist nicht böse gemeint. ES IST EINFACH SO.
Deshalb brauchen Kinder Rituale und viiieeele Wiederholungen.
Bevor man also Kindern einen Auftrag/eine Anweisung erteilt, ist es wirklich hilfreich, wenn man rasch das wichtigste dazu wiederholt, oder die Kinder selber danach fragt:

«Weisst du noch, was wichtig ist beim Zahnpasta aus der Tube drücken?»
«Erinnerst du dich, worauf du beim Schneiden mit dem Messer achten musst?»

Mit Fragen und Gegenfragen kann man Kinder anregen, selber eine Lösung oder eine Alternative zu finden. Und als Alternative zum nichtssagenden «Pass auf!», formuliert man viel lieber einen positiven Satz:

«Bleib bei mir.»
«Bis wir dort beim Baum sind, gibst du mir die Hand.»
«Halte das Messer ein bisschen weiter vorne.»
«Halt dich hier an diesem Griff fest, wenn du aufstehst.»

Die meisten Situationen brauchen gar kein «Pass auf!»

Man kann Kinder einfach mal machen lassen und ihnen nur dann, wenn es wirklich absolut nötig ist, eine Hilfestellung geben.
Auch wenn mal etwas daneben geht, das Kind halt mal stolpert, stürzt, sein Ziel nicht erreicht – gelernt hat es daraus nämlich trotzdem etwas:
Dass es SEINEN Weg gehen durfte, SELBER ausprobieren konnte, SEINE Idee testen durfte.
Wenn es scheitert oder irgendwo stecken bleibt, dann kann man immer noch eingreifen und Hilfe anbieten.

Das braucht ein bisschen Geduld und von uns Eltern auch ein bisschen Vertrauen.

Das gilt übrigens nicht nur für Situationen mit Kleinkindern, sondern auch mit Teenies und Jugendlichen. Da sind diese ständigen «Pass auf!» und «Denk dran!» besonders nervig.
Glaubt es mir.
Ich spreche aus Erfahrung… :-)

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