Gute Miene zum bösen Spiel

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Bergstation 09.45
Temperatur -9 Grad, der Wind bläst dir den eisigen Schnee ins Gesicht, das Wetter ist ehrlich gesagt Scheisse. Ausgesprochen, extrem Scheisse.
Wärst du alleine, ohne Kids, dann wärst du wahrscheinlich gar nicht erst auf den blöden Berg gefahren, würdest in irgend einem „Hotel Alpenblick“ im Sprudelbad liegen oder im gemütlichen Chalet einen Latte Macchiato schlürfen.
Jetzt bist du aber auf dem Berg, die Kids sind für die Skischule angemeldet und dann tust du, was du tun musst: Du setzt dein allerschönstes Lächeln auf, machst einen auf tooootaaaal motiviert und sagst ganz laut und sehr fröhlich:
„Ach das bisschen Wind und Schnee. Ihr habt ja ganz warme Skihelme auf und eine tolle Skibrille, damit sieht man auch im Nebel gut und sooo kalt ist es ja jetzt auch nicht und dafür lernt ihr ganz super Skifahren.“
Während dem ihr gute Miene zum bösen Spiel macht, denkt ihr euch heimlich:
„Hä? Was red ich da? Warme Skihelme? Nicht sooo kalt? Es ist saukalt und wenn ICH in die Skischule müsste, dann würde ich aber hier so was von Radau machen. Und überhaupt: Ski fahren bei dem Wetter? Ui nein. Nix für mich. Ich geh jetzt mal eine Runde ins Bergrestaurant.“

Wohnzimmer 15.45
Die Kinder toben und kreischen, der Grosse haut mal wieder den Kleinen, der Nachbarsbub liegt verschwitzt unter dem Tisch und ihr seid schon jetzt kurz vor einem Nervenzusammenbruch. Eigentlich möchtet ihr doch nur ein bisschen Ruhe und Frieden und dann passiert’s. Der verschwitzte Bub steht auf und gibt noch einmal Vollgas, saust neben dem Sideboard vorbei und genau in dem Moment stolpert er über die Plastikbohrmaschine und schmeisst mit dem Ellbogen die Schale mit dem Goldrand vom Sideboard. ZACK! Das Ding liegt viergeteilt auf dem Wohnzimmerboden und dann tust du, was du tun musst:
„Ach, Timo. Ist nicht so schlimm. Die Schale hatte eh schon einen kleinen Sprung. Die kann man wieder zusammenleimen, das hätte mir auch passieren können.
Während dem ihr gute Miene zum bösen Spiel macht, denkt ihr euch heimlich:
„Hä? Was red ich da? Die Schale war brandneu. Die hab ich extra aus Deutschland bestellt. Die Versand- und Zollgebühren (an die ich wieder mal nicht gedacht habe), haben mich fast ruiniert. Das Foto der Schale hat auf Instagram 112 „gefällt mir“ bekommen. Zusammenleimen? Ja klar, leim ich dieses Ding zusammen. Wär ja noch schöner. Und passiert wäre MIR das bestimmt nicht. Und dieser Bub ist ja auch wirklich sehr anstrengend.“

Kindernotfall 14.10
Du kommst mit dem Kind und den 4 gebrochenen Mittelfussknochen ins Wartezimmer. Dort sitzen schon 9 andere Menschen. Du fängst an zu überlegen und zu rechnen:
Wenn alle 11 so ca. 30 Minuten benötigen, dann… ehm, dann sind wir in 270 Minuten, also in 4,5 Stunden immer noch da. Das Kind hat grad deine Gedanken laut ausgesprochen und dann kommt’s: Du setzt wieder deinen Unschulds-Beruhigungsblick auf:
„Neeein. Die haben niiiie alle so lange. Die meisten kommen sicherlich nur kurz zu einer Schnelluntersuchung vorbei. Also ein bisschen müssen wir schon warten. Das ist klar, aber das geht bestimmt schneller vorbei, als wir uns das vorstellen. Ja, das letzte Mal ging es auch recht lang, aber heute ist das sicher anders. Es ist ja Nachmittag, da ist viel Personal da und wir haben ja einen Termin.
Während dem ihr gute Miene zum bösen Spiel macht, denkt ihr euch heimlich:
„Hä? Was red ich da? Das wird hier wieder stundenlang dauern. Zwischen jedem röntgen werden wir hier im öden Warteraum rumsitzen, ich muss wieder die 3 gleichen Globibücher vorlesen und dann muss ich dem Kind auch noch erklären, dass sie dann ziemlich fest an dem kaputten Fuss herum drücken werden. Nicht mal Kaffee haben die hier und ich penne jetzt schon fast ein.“

„Ehrlich währt am längsten“, ja ich weiss. Ein super Sprichwort, wenn man keine Kinder hat oder die mal ausnahmsweise nicht dabei sind.

Sind sie aber dabei, dann bleibt einem wirklich manchmal nix anderes übrig als die Welt ein bisschen rosafarbener zu machen, als sie in Wirklichkeit ist.
Man muss einfach manchmal ein paar Dinge verschweigen oder schön reden, ein bisschen abschwächen, auch mal etwas flunkern oder so tun als ob das hier, was man gerade tut ganz furchtbar toll wäre.

Kann die Nerven schonen.
Aber so was von.