Wie man Kindern den Abschied erleichtern kann

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Zuerst das Geschrei beim Aufstehen. Danach das Trödeln beim Anziehen. Wie jeden Morgen gibt’s laute und drohende Worte zum Frühstück, böse Blicke beim Zähneputzen – der Stresslevel steigt gegen 100.
Und die Krönung kommt erst noch:

Die Verabschiedung

Das «Tschüss sagen» in der Kita, in der Spielgruppe, bei der Tagesmutter, im Kindergarten.
Schon der Gedanke daran treibt einem die Schweissperlen auf die Stirn.
Mit Schrecken erinnert man sich noch an die letzen beiden Male, als sich das Kindlein heulend und mit rotem Kopf ans Hosenbein geklammert hat.
Wie soll man da bloss reagieren, wenn das Kind sich nicht freudestrahlend und mit einem süssen Luftkuss von einem verabschiedet?
Stattdessen Zetermordio schreit, am Liebsten wieder mitkommen möchte und man am Liebsten im Boden versinken möchte.
Es gibt da nämlich durchaus ein paar Dinge die man tun kann, um den Kindern den Abschied etwas zu erleichtern.

1. Trennungen gehören zum Leben dazu

Gerade für kleine Kinder ist die Trennung von der Bezugsperson ein grosser Schritt. Sich zu verabschieden, eine gewisse Zeit ohne die geliebte Bezugsperson zu sein, dann aber zu wissen und zu erleben dass sie ja wieder kommt, muss man zuerst lernen.
Ein gewisser Trennungsschmerz ist also normal. Aber erst wenn die Kinder ihn ein paar Mal erlebt haben und merken, dass sie die Situation meistern können, fassen sie Vertrauen und der Abschied fällt dann auch weniger schwer.
Wenn Kinder schon früh immer mal wieder die Möglichkeit bekommen, einen Moment ohne Mama oder Papa zu sein, dann werden ihnen diese «Abschiedssituationen» immer etwas vertrauter und sie können besser damit umgehen. Lasst die Kinder mal nur eine halbe Stunde bei Oma oder Opa, beim Babysitter oder bei der Nachbarin. Nutzt Einführungszeiten, trennt euch kurz damit sich die Kinder Schritt für Schritt daran gewönnen können, denn:
Übung macht den Meister.

2. Gut vorausplanen

Kinder lieben Rituale und sie werden nicht gerne von Unvorhergesehenem überrascht. Macht euch das zunutze und besprecht die Situation jeweils kurz vorher mit ihnen.
Erklärt ihnen was passiert, wie der Ablauf ist und schleicht euch nicht einfach davon.
«Wenn wir dann in der Kita sind, dann helf ich dir noch beim Schuhe und Jacke ausziehen, danach geb ich dir deinen Plüschhasen, gebe dir einen Kuss und du gehst dann zu Frau Schneider, in den Stuhlkreis, zu Tim und Nina…» usw.
Wenn Kinder wissen was sie erwartet und wie IHR euch dort auch verhaltet, dann sind sie grundsätzlich auch kooperativer und die Situation wirkt weniger bedrohlich für sie.
Passt auf, dass ihr nicht schon vorher zu fest über den Abschiedsschmerz und über die möglichen Folgen diskutiert.
Also nicht:
«Gell, du musst dann nicht traurig sein, nicht weinen. Die Mama kommt ja dann wieder. Das ist nicht so schlimm, du hast ja deine Freunde dort und es geht ja gar nicht so lange.»
Formuliert lieber positiv:
«Oh das wird heute bestimmt ein toller Tag. Weisst du schon was du heute am Liebsten spielen möchtest?»
«Du kannst mir ja dann eine Zeichnung machen und mir diese dann geben, wenn ich dich wieder abhole.»

3. Abschiedsrituale einführen

Das kann wirklich hilfreich sein und den «Schmerz» etwas umleiten oder abschwächen.
Ein spezieller Abschiedsgruss zum Beispiel, den man vorher mit dem Kind bespricht. Das kann ein kleines Lied, ein Abzählvers, ein «High 5», ein kleines Spiel sein.
Ihr könnt zusammen auch mal einen Stein suchen gehen und diesen dann schön anmalen. Diesen Zauberstein könnt ihr dann vor dem «Tschüss sagen» miteinander austauschen.
Auch ein schönes Tuch, ein Plüschtier, oder sonst ein persönlicher Gegenstand vom Kind selber oder auch von euch kann manchmal Wunder wirken.
Ein Bachblütenspray oder ein «Längizyti-Öl» (Heimweh-Öl) könnte auch eine weitere Möglichkeit sein:

4 Tropfen Benzoe siam
2 Tr. Lemongrass
1 Tr. Blutorange
1 Tr. Vanille
3 Tr. Grapefruit
3 Tr. Mandarine
1 Tr. Neroli

Mischt das Ganze mit ca.  1ml Oel (Mandel, Jojoba etc.)
Einen alten Knopf nehmen und ein schönes Stück Stoff darum binden, so dass es aussieht wie ein Zwerg oder ein kleines Gespenst. Oben auf den Knopf dann das Öl drauf träufeln und dieses dann dem Kind beim Abschied in die Hand drücken.

Allgemein gilt:
Besprecht das Abschiedsritual vorher in Ruhe mit eurem Kind. Sagt ihm, wie es ablaufen soll und was ihr von ihm erwartet. Ihr könnt das z.B. auch mal zusammen zu Hause üben.

Für Kinder ist es manchmal auch schwierig sich zu verabschieden, wenn es im Hort, in der Spielgruppe, im Kindergarten oder in der Kita kein richtiges «Anfangsritual» gibt. Wenn die Kinder also quasi «von der Hand der Mutter», in den Spielbetrieb hineinrutschen müssen. Meistens fällt es ihnen leichter wenn z.B alle Kinder am Anfang in den Kreis sitzen, ein Lied singen, ein kleines Spiel machen und es immer mit einem ähnlichen Ritual anfängt.
Falls das bei euch nicht der Fall ist, dann könnt ihr das vielleicht mal in einer ruhigen Minute mit der Betreuerin oder der Spielgruppenleiterin besprechen.

4. Den Abschied nicht unnötig in die Länge ziehen

Achtet darauf, dass ihr den Abschied und das «Tschüss sagen» nicht unnötig in die Länge zieht.
Also nicht:
«Also Schätzchen, ich geh dann jetzt mal, ist gut?»
«Also, mach’s gut und du musst nicht weinen, gell?»
«Ist das ok, wenn ich jetzt gehe?»
«Geht’s, ich möchte jetzt dann langsam gehen.»

Auch wenn man es damit eigentlich gut meint:
Solche Sätze können Kinder verunsichern und sie fast ein wenig dazu «animieren» doch jetzt traurig zu sein.
Überlegt euch ein Ritual, verabschiedet euch dann rasch und zügig, ohne euch noch 10 Mal wieder umzudrehen und unzählige Fragen nach dem Befinden zu stellen.
Manchmal kann es auch helfen, wenn das Kind von der Oma, dem Papa oder der Mutter eines befreundeten Kindes begleitet wird und die Eltern (die Mama) sich bereits zu Hause verabschieden.

5. Die Erwartungen überdenken

Das heisst auch, dass man sich überlegen muss: «Wie geht es MIR dabei?» Ganz oft hat es auch mit einem selber zu tun. Wenn man selber verunsichert, sorgenvoll oder gar ein bisschen traurig ist, dass man sein Kind jetzt einen Moment von anderen Personen betreuen lassen muss, dann überträgt man das manchmal ganz unbewusst aufs Kind.
Auch wenn man sich vielleicht grundsätzlich freut, kann es trotzdem gut sein, dass man ganz tief im Innern mit sich hadert:
«Gerade eben war er doch noch soo klein»
«Nein, das geht mir hier alles viiiiel zu schnell»
«Sie soll doch eigentlich noch ein bisschen zu Hause bleiben können»
«So viele Kinder, dann dieser Lärm, sie ist doch eine Sensible. Hoffentlich kommt sie zurecht.»

6. Nicht gleich aufgeben

Auch uns Erwachsenen fällt es oft nicht leicht, lieb gewonnene Gewohnheiten aufzugeben oder zu unterbrechen. Auch wir sind dann manchmal unsicher, fühlen uns unwohl, haben Angst und möchten am Liebsten davon laufen.
Kindern geht es da nicht anders. Und weil sie es sich noch nicht so gewohnt sind wie wir und sich auch noch nicht so gut ausdrücken können, äussert sich diese Unsicherheit mit: Weinen, mit Bauchweh oder mit Trotzen.
Auch wenn es euch fast das Herz zerreisst:
Gebt den Kindern die Möglichkeit, diesen Trennungsschmerz auszuhalten und zu überwinden. Ganz oft ist es nämlich so, dass wenn die Eltern nach ein paar Minuten weg sind, sich alles wieder beruhigt hat und die Kids schön und fröhlich spielen.

Wenn es mit der Verabschiedung nicht gleich klappt, oder plötzlich nicht mehr so gut klappt, dann können folgende Überlegungen hilfreich sein:

  • Hat sich etwas bei uns geändert?
    (Ist jemand von den Eltern mehr oder weniger oft zu Hause? Gibt es eine neue Bezugs- oder Betreuungsperson? Ist ein Geschwisterchen auf dem Weg oder bereits auf der Welt?)
  • War das Kind vor kurzem krank?
  • Gab es einen Wachstumsschub?
  • Hat es im Betreuungs-Ort eine Änderung gegeben?
    (Ist ein Kind neu dazu gekommen oder ist eines weg gegangen? Gab es einen Streit? Ein Missverständnis? Hat sich die Gruppenzusammensetzung geändert?)

Manchmal können auch ganz kleine Veränderungen dafür sorgen, dass sich Kinder plötzlich nicht mehr wohl fühlen und eine Trennungsangst entwickeln.

Natürlich geht es nicht darum, dass man Kinder, über Wochen oder Monate heulend und wie ein Häufchen Elend, ihrem Schicksal überlässt.
Wenn man wirklich das Gefühl hat, das Kind fühle sich in der Umgebung nicht wohl, weil vielleicht der Start etwas harzig war oder es einfach von seiner Entwicklung noch nicht so weit ist, dann kann es manchmal helfen, wenn man das Ganze unterbricht und für eine gewisse Zeit eine Pause einlegt.
Es kann gut sein, dass es bei einem zweiten Versuch, zu einem späteren Zeitpunkt plötzlich super klappt.

Aber wie gesagt, es braucht ein bisschen Geduld, Durchhaltewillen und Vertrauen.

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