Brief an die Kinder

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Liebe Kinder

Wahrscheinlich fragt ihr euch manchmal, warum wir Eltern so sind, wie wir sind und warum wir uns manchmal etwas merkwürdig benehmen.
Stimmt’s?
Also hört mal zu:
Von dem Moment an wo wir wissen, dass ihr unterwegs seid, spielt sich Eigenartiges bei uns ab. Wir fangen an Dinge zu tun, die wir vorher nie für möglich gehalten hätten.

Wir lassen uns unnötiges, überteuertes Baby-Equipement aufschwatzen.
Wir bauen mit einem fröhlichen Gesicht komplizierte Babymöbel zusammen.
Wir trinken freiwillig frischgepressten Gurken-Avocado-Karotten-Spinat Saft mit einem Schuss Sanddornsirup.
Eure Papis halten stundenlang ihre Ohren auf Mamis Bauch, um beim ersten gurgelnden Geräusch ein Freudentänzchen um den Wohnzimmertisch zu machen.

Und wenn ihr dann endlich in unseren Armen liegt, gibt es diese magische Verbindung, die bestehen bleibt.
Für immer.
Wir wachen an euren Bettchen, torkeln monatelang vor lauter Müdigkeit quer durch die Wohnung, stellen uns manchmal auch schlafend, weil wir hoffen, der Andere würde dann aufstehen.
Wir getrauen uns kaum, zu drehen, weil das ja Lärm machen und euch aufwecken könnte.

Und:
Wir machen uns Sorgen.
Sorgen dass ihr zu kalt habt, wenn wir mit euch spazieren gehen, zu heiss, wenn die Sonne scheint.
Angst, dass ihr plötzlich nicht mehr atmet, dass ihr nicht genug zunehmt, dass ihr runterfällt, euch den Kopf stösst, die Finger einklemmt, ein Erdnüsschen verschluckt.
Wir passen ständig auf irgend etwas auf und manchmal vergessen wir sogar uns selber ein bisschen dabei. Die Frisur, den Sport, die Kolleginnen und Kollegen, die Hobbies, manchmal auch ein wenig die Partnerschaft. Das alles bleibt wegen euch ein bisschen auf der Strecke.

Wir sind ständig um euch herum, wollen alles richtig machen. Wir halten, trösten, stossen, helfen, tragen, beschäftigen uns mit euch. Manchmal auch ein bisschen zu viel. Eigentlich wüssten wir ja, dass ihr gerne so viele Dinge selber machen möchtet, doch immer sind wir grad zur Stelle und erledigen es schnell für euch. Wir meinen es einfach immer zu gut.
Kaum eine Minute lassen wir euch aus den Augen, nehmen euch sogar mit aufs Klo und wenn ihr mal ein bisschen weint, bricht es uns fast das Herz.

Ja, es stimmt:
Manchmal würde es auch ohne uns Eltern gehen und ihr protestiert auch zu Recht, wenn wir wieder mal die Dinge erledigt haben, die ihr doch eigentlich selber tun könntet.
Wir wissen auch, dass wir Eltern immer zu viel reden, euch mit Anweisungen zu texten, so dass ihr gar keine Lust mehr habt zuzuhören. Irgendwie haben wir uns das einfach so angewöhnt und wundern uns immer wieder, wenn ihr einfach abschaltet.
Wir möchten, dass es euch immer gut geht und wir wollen/müssen auch  immer alles analysieren:

Ihr könnt noch nicht so gut zuhören?
Wahrscheinlich ADS.

Ihr habt Mühe eine Schere zu halten?
Hmm, irgend etwas stimmt mit der Feinmotorik nicht.

Ihr habt keinen Bock auf Gemüse?
Bestimmt irgend eine Nahrungsmittel-Unverträglichkeit.

Wir machen uns auch gerne zum Affen, stecken uns zum Beispiel den roten Babybel-Wachs auf die Nase und tun so, als ob wir ein Clown wären.
Wir ahmen Tierstimmen nach, hüpfen auf einem Bein, reden wie Zauberer und tun so, als ob wir euch nicht sehen würden, wenn ihr euch die Hände vors Gesicht haltet.

Warum wir das tun?
Wir mögen es, wenn ihr lacht, wenn ihr vor Freude quietscht und nehmen sogar in Kauf, dass es aussieht als wären wir komplett „Plem Plem“. Und wir wiederholen für euch auch gerne bestimmte Dinge hundert oder gar tausend Mal hintereinander.

Wir freuen uns, wenn ihr neue Dinge lernt, sind aber trotzdem manchmal auch ein bisschen traurig, weil wir euch ja immer ein Stückchen mehr loslassen müssen.
Wundert euch also nicht, wenn wir das nicht so gut können. Wenn wir am Morgen im Kindergarten nicht einfach gehen, sondern -zig Mal wiederholen: „Also mein Schatz, Mami geht jetzt. Nicht traurig sein, ich komme ja wieder, ja?“
Wundert euch auch nicht, wenn wir mal A und dann wieder B sagen und C meinen. Wir tun uns nämlich oft etwas schwer mit dem konsequent sein.
Das habt ihr schon lange kapiert, stimmt’s?

Ihr wisst genau, wie ihr uns um den Finger wickeln könnt und wir fallen auch immer wieder darauf herein. Wir lieben es einfach, euch eine Freude zu machen und wenn ihr uns dann dafür anstrahlt oder uns einen nassen Kuss auf die Wange drückt, sind wir verloren.
Manchmal nervt ihr aber auch ganz schön.
Wenn ihr euren Kopf durchsetzen wollt, wenn ihr uns nicht schlafen lässt, wenn ihr trotzt und schreit, eure Hausaufgaben nicht machen wollt.
Wenn ihr nicht zuhört, Pubertäts-Anfälle habt, Anweisungen nicht befolgt, ständig vom Tisch rennt, euch streitet und uns unsere Grenzen aufzeigt.
Manchmal denken wir nämlich: „Was um Himmelswillen mache ich hier eigentlich?“
Manchmal nerven wir uns aber auch, weil wir genau merken, dass ihr uns eigentlich nur den Spiegel vor die Nase haltet und ihr in vielen Situationen genau so seid, wie wir es euch vorleben.

Ihr habt ja Recht.
Nicht nur IHR seid manchmal anstrengend.
WIR sind es auch.

Oft tun wir einfach ein bisschen zu viel von allem.
Zu viel:
predigen, reden, bestrafen, helfen, moralisieren, Anweisungen geben, drohen, schimpfen.

Weniger ist wirklich manchmal mehr.
Wir geben uns Mühe.
Jeden Tag.

Habt ein bisschen Geduld mit uns, ok?

 

 

 

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