Über den Klaps, „der noch niemandem geschadet hat“

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sör-alex/photocase.com

Klar. Kinder verprügeln das geht gar nicht. Ist tabu. Schrecklich. Verboten. Und trotzdem passieren immer noch jeden Tag, überall auf der Welt ganz schlimme Misshandlungen, körperlich wie seelisch. Diese Schläge sehen wir meistens nicht, weil sie meist hinter verschlossenen Türen passieren.
Wenn man so ein bisschen mit offenen Augen und Ohren durch die Welt und die Einkaufszentren dieser Welt geht, sieht man aber leider oft etwas anderes sehr erschreckendes, nämlich:
Wie offensichtlich und selbstverständlich einige Eltern ihre Kinder mit einem Klaps auf den Hinterkopf, die Hände oder den Po zurechtweisen. Fasst der Kleine die Schokolade im Einkaufszentrum an: Klaps auf die Hand. Will die grosse Schwester nicht mit zur Kasse kommen, Klaps auf den Hintern. Schreit der 3-jährige vor dem Spielsachenregal wie am Spiess, einmal kurz an den Haaren gezupft.

Diese merkwürdige, unfaire und demütigende Erziehungsmethode ist leider immer noch weit verbreitet. Und warum tun Eltern das? Wenn man sie direkt darauf anspricht, dann kommt immer der Spruch: „Ein Klaps zur richtigen Zeit hat noch niemandem geschadet“. Und da fängt das Problem auch schon an. Wann um Himmelswillen ist denn der „richtige Zeitpunkt“? Und wer beurteilt, was das beim Kind auslöst? Oft sagen die Eltern aber auch: „Was soll ich denn tun, wenn er nie hört was ich sage?“ Und da sind wir glaub ich beim eigentlichen Problem angelangt. Wenn Eltern ihre Kinder regelmässig auf die Finger oder den Po hauen, dann ist das ein Zeichen von Hilflosigkeit. Ein Versuch seine Wut, seinen Ärger und Frust über das Nichtgehorchen Ausdruck zu verleihen, dem Kind zu zeigen: Ich will das nicht, weiss aber nicht, wie ich dir das begreiflich machen kann.
Trotzdem: Selten geben Eltern das zu, das sie hilflos sind, nicht weiterwissen. Sie verweisen dann auf das „bockige“, ungezogene Kind und dass es diesen Klaps verdient hätte und dass es ihm auch nicht schaden würde, schliesslich hätten sie als Kind auch ab und zu was an die Ohren gekriegt und das hätte ihnen auch nicht geschadet.
Und wenn Kinder andere beissen oder hauen, dann muss man ihnen doch zeigen, dass es weh macht und sie ebenfalls kurz beissen oder ihnen auf die Fingerchen hauen. Sagen viele.

Was lernen Kinder dabei?
„Aha. Meine Mama findet das jetzt nicht gut, was ich gemacht habe. (Warum weiss ich jetzt eigentlich auch nicht so genau). Und deshalb bekomme ich einen Klaps auf die Finger. Prima, das nächste Mal wenn ich auf dem Spielplatz bin und mir der Dominik wieder die Schaufel wegnimmt, hau ich den auch mal so richtig auf den Kopf.“
Wie will man als Eltern den Kindern erklären, dass man nicht haut, will heissen: freundlich und respektvoll miteinander umgeht, wenn man die Kinder selber immer mal wieder mit Haare zupfen und Po Klapsern bestraft. Das ist ja wie wenn ein betrunkener Polizist eine Alkoholkontrolle machen würde. Wie begreift das Kind, was man von ihm will, wenn es ein Kind gehauen hat und die Mama dann kommt und sagt: „Man darf nicht hauen!“ und dem Kind dann gleichzeitig eines auf die Finger gibt? Oder wenn man zurückbeisst, wenn ein Kind sein kleines Geschwisterlichen gebissen hat und das mit den Worten: „Du darfst nicht beissen!“ Wenn man die Po-Klaps-auf-die-Finger-an-den-Haaren-zieh Methode regelmässig anwendet, dann  darf man sich nicht wundern, wenn das Kind plötzlich auch damit anfängt andere Kinder oder Mama und Papa zu hauen.

Ich weiss, es ist immer leicht in Artikeln von Zeitungen und Blogs darüber zu urteilen und zu wettern. Manchmal ist man als Eltern einfach am Anschlag, kann das Gezanke, Gekreische und das ewige „Nein“ nicht mehr hören. Man kapituliert vor den riesen Wäschebergen, den dreckigen Windeln, den ewigen Diskussionen und kann einfach nicht mehr. Dass man da manchmal an den Rand eines Nervenzusammenbruchs kommt, versteht sich von selbst und wer selber Kinder hat, kann eine ganze Oper davon singen. (Ich bin mittlerweile auch eine ziemlich gut ausgebildete Opernsängerin).
Ja und manchmal passiert es, dass man die Nerven verliert, das Kind anschreit, es als Person „schlecht macht“, („Bist du heute wieder Unmöglich, eine Nervensäge, eine freche Göre“), es unsanft am Arm packt, anschreit oder eben einen Klaps auf den Po gibt.
In den allermeisten Fällen fühlt man sich danach so furchtbar schlecht, weil das Kind dann 1. ganz furchtbar weint und wenn es etwas älter ist 2. so laut ruft, dass alle Nachbarn es bei offenem Fenster hören können: „Hilfe, Mama hat mich geschlagen. Hilfe, das tut mir weh. Hilfe.“ Wenn die Wut verraucht ist, sitzt man da wie ein Häufchen Elend und denkt sich: „Was um Himmelswillen ist bloss in mich gefahren? Wie kann mich ein so kleines Geschöpf dermassen zur Weissglut bringen?“
Und ja: Ich rede aus Erfahrung. Ist mir auch schon einmal passiert, obwohl ich eine absolute Gegnerin der „ich-hau-dir-auf-den-Po“ Methode bin. Das ist menschlich. Wenn man das Hauen nicht als alltägliche, regelmässige Erziehungsmethode einsetzt. Wenn man sich in den allermeisten Fällen anders zu helfen weiss, dann reicht eine ehrliche Erklärung und Entschuldigung beim Kind. „Schau. Du hast mich jetzt grad so wütend gemacht, weil du das zu mir gesagt hast. Dass ich dich gehauen habe, war aber nicht in Ordnung. Es tut mir leid.“

Wenn nicht ab und zu hauen, was dann?
Wenn ihr euch jetzt vielleicht als „Po-Klapser-auf-die-Finger-hau-an-den-Haaren-zieh“ Mama oder Papa wiederkennt und auch versteht, warum das keine wirklich längerfristige, hilfreiche Erziehungsmethode ist, dann fragt ihr euch jetzt sicher: „Ja ok. Aber was soll ich dann tun? Predigt die hier, dass man nicht hauen soll, aber was dann? Wenn ich haue, dann hört er wenigstens und tut was ich sage.“ Ja. Wenn er klein ist, dann tut er das. Weil er Angst hat. Und niemand möchte, dass sein Kind vor ihm Angst haben muss. Wenn man haut, dann hat man vorher schon etwas nicht ganz richtig gemacht.

Wichtig ist, dass ihr immer gut vorausplant. Euren Kindern sagt, was passiert, wo ihr hingeht, wie lange, mit wem und was ihr von ihnen erwartet. Wenn ihr versucht während des Tages immer „laut zu denken“, dann werden eure Kinder nicht von euren Anweisungen überrascht und sie reagieren etwas weniger bockig, weil sie ja wissen was auf sie zukommt.
Seid klar in euren Anweisungen. Sagt was es tun soll und nicht, was es NICHT tun soll. Stellt keine Fragen. („Kommst du bitte hier her?“, sondern: „Ich möchte, dass du zu mir kommst.“Geht zu eurem Kind hin und ruft nicht von Weitem.
Wenn ihr merkt, dass ihr mit eurer Anweisung wohl nicht unbedingt Erfolg haben werdet, versucht das Ganze mit etwas Fantasie und Humor zu lösen. Gerade kleinere Kinder kann man ganz gut, etwas ablenken und mit ein paar lustigen Ideen, dazu bringen, dass sie dann auch das tun, was wir von ihnen möchten. Und wenn Kinder andere hauen, braucht es eine gute Beobachtungsgabe: Warum passiert das und in welchen Situationen? Dann kann man vorbeugend reagieren und wenn es trotzdem passiert: Ihnen sagen, dass es nicht ok ist, ihnen eine Alternative zeigen oder das Kind auch mal kurz aus der Situation nehmen.
Das braucht oft mehrere Anläufe. Will heissen: Man muss es immer und immer und immer wieder tun.
Aber so ist das, und das ist unsere Aufgabe:

Denn der Klaps, „der noch niemandem geschadet hat“, der muss nicht sein.

 

  • Heidi D.

    Ich bin selbst als Kind immer geschlagen worden, wegen Nichtigkeiten. Geschlagen, gedemütigt, mit dem Gürtel über den Rücken gepeitscht und aufs übelste beleidigt worden. Jetzt hab ich zwei Kinder und natürlich gibt es bei uns auch stressige Situationen. Im Prinzip wie oben beschrieben ;) und ja es gab Situationen da kam es in mir hoch, dieses Gefühl das jetzt nur noch hauen hilft und hab es nicht getan weil ich mir immer geschworen hab den Kreis der Gewalt zu durchbrechen und meinen Kindern einen anderen Weg zu zeigen. Und daran werde ich festhalten :)

  • Da gebe ich dir Recht. Es darf nicht passieren. Im Erziehungsalltag sind aber Eltern manchmal überfordert, frustriert, erschöpft und hilflos und dann passiert es eben doch. Und gerade deshalb muss man darüber diskutieren und auch Alternativen anbieten. Es darf nicht sein, dass klapsen plötzlich wieder zum Erziehungsalltag dazu gehört.

  • Frauke

    Also ganz ehrlich: Ich bin nicht der Meinung, dass das mal passieren darf. Oder darf es auch mal passieren, nur ganz aus Versehen, dass jemand seine Frau schlägt? Wenn es nicht zur alltäglichen Kommunikation gehört…Es darf gar nicht passieren und darüber muss man auch nicht diskutieren. In Deutschland ist glücklicherweise bereits das erste Mal verboten und strafbar und jeder, der irgendwo Eltern dabei beobachtet, Ihr Kind zu schlagen, sollte unmittelbar eingreifen.

  • Doreen

    Das Video fand ich sehr traurig, muss ich schon mal sagen.

    Also ich hab als Kind schon öfter eine eingefangen. Als Kind fand ich das natürlich nicht gut, ich merkte, meine Eltern waren sichtlich überfordert. Ich verstand allerdings immer warum ich bestraft wurde und für was. Ich wusste bei vielen Dingen auch vorher schon, dass das böse enden kann für mich und hatte natürlich auch Angst vor den Konsequenzen.
    Meine Eltern entschuldigten sich allerdings nahezu immer wenn sie im Affekt gehandelt hatten.

    Ich sehe das heute noch nicht besonders tragisch. Es hat mir wirklich nicht geschadet. Ich hatte, im Gegensatz zu anderen Kindern, immer großen Respekt vor meinen Eltern – bis heute.
    Ich nehme ihnen es nicht übel und wünsche mir auch nicht, dass es anders hätte laufen sollen.

    Einzig die Schläge für schlechte Noten finde ich bis heute ungerecht und das nehme ich ihnen auch sehr übel. Ich konnte ja selten wirklich was dafür oder habe es mit Absicht gemacht.

    Trotz dass ich geschlagen wurde (nie wirklich brutal!) habe ich keine Gewalt an anderen Kindern oder Tieren ausgeübt. Ich habe nie jemanden gebissen oder ein Tier geärgert.
    Im Gegenteil – ich bin absolut tierlieb und eigentlich auch gegen jegliche Gewalt!

    Allerdings ist mir bei meinem Kind auch schon gut 3 mal die Hand ausgerutscht. 1 mal davon war, in meinen Augen, gerechtfertigt.
    Das eine mal hat er, trotz meines Verbotes am Aquarium rumgespielt und die Fische rausgefangen weil die sehr „zahm“ sind. Er legte sie in Blumentöpfe und auf den Boden. Als ich ins Zimmer kam hab ich echt rot gesehen. Ich hab ihm eine geknallt und die Fische gerettet. Ein Glück konnte ich alle retten.
    Tiere quälen ob mit oder ohne Absicht ist bei mir wie ein Holocaust. Sowas dulde ich nicht in meinem Haus und wenn ich sowas auf der Straße sehe dann flipp ich auch aus.
    Mein Sohn war natürlich schockiert und ich hab ihm auch hinter her erklärt warum ich so reagiert habe und warum man das nicht machen darf.

    Ich glaube er hat es verstanden denn er geht heute noch sehr liebevoll und vorsichtig mit den Tieren um. Er hat Verständnis dafür und fragt vorher nach der richtigen Handhabung.

    Ich finde nicht, dass es ihm geschadet hat. Er ist ein super lieber Junge der super hört und total unkompliziert ist.. Klar der ein oder andere Tag läuft auch mal schlecht aber das ist kaum der Rede wert.

    Ich habe also die Einstellung, dass es passieren kann. Es sollte nicht aus sinnlosen Gründen passieren und auch nicht ständig.
    Ich verurteile niemandem dem es passiert ist und ich reiße nicht die Arme in die Luft und schreie „Oh mein Gott was tut man dem Kind damit nur an, geschädigt fürs Leben“.

    Viel viel schlimmer ist seelische Gewalt, Ignoranz, fehlende Liebe und Vernachlässigung.

    Körperliche Gewalt kann man, wie ich finde, (wenn es denn nicht in verprügeln ausartet) verkraften aber seelische Gewalt – auch wenn es nur ein einziges mal ist – kann man nur schwer wegstecken.

  • Andrea Mordasini, Bern

    Hoi Kathrin !

    Ein sehr toller, eindrücklicher und gefühlvoller Artikel, merci viumau !

    Ein Kind zu schlagen, ist schäbig und inakzeptabel! Es gibt nichts Feigeres als einem Schwächeren Schmerzen zuzufügen, das darf nicht sein. Es käme mir nie in den Sinn, meine Kinder nach einer „Schlagattacke“ ebenfalls zu hauen – was ist denn das für eine Logik?! Wie soll ein Kind denn lernen, dass es nicht schlagen soll, wenn ich es als Strafe ebenfalls tue…? Aber, ich bin nun ehrlich – auch in bin auch nur ein Mensch und daher nicht perfekt. Leider habe ich im Affekt/als Abwehr auch schon an den Haaren gezogen oder geklapst. Das tat und tut mir leid, denn es entspricht überhaupt nicht meinem Erziehungsstil und kommt zum Glück sehr sehr selten vor! Ich kann diese „Ausrutscher“ wohl an einer Hand abzählen, aber eben – jeder Ausrutscher ist einer zuviel. Und schliesslich wurde ich selber auch ohne Füdletätsch, Ohrfeigen, Haare/Ohren ziehen gross und bin, wie ich nun mal frech behaupte, recht gut geraten ;). Darum sind meine Eltern für mich Vorbilder. Meine Kinder will ich genau gleich durchs Leben hindurch begleiten. Strafen: grundsätzlich bin ich gegen das typische Bestrafen. Doch manchmal geht es nicht anders… Ich versuche, wenn möglich logisch zu bestrafen, was nicht immer einfach ist und auch nicht immer funktioniert. Räumen die Kinder abends das Zimmer nicht auf (mit Hilfe meinerseits), dann dürfen sie anschliessend keine Folge Tom+Jerry schauen. Dies geht zwar auch schon wieder ins Drohen/Erpressen, was mir persönlich auch nicht so passt, aber in der Regel funktionierts mit der Aufräumerei ;). Was Kinder neben einigen wenigen klaren Regeln/Grenzen vor allem brauchen, sind weder Schläge noch Anbrüllen, sondern vor allem viel Liebe, Nähe, Wärme und Geborgenheit. So wachsen sie zu selbstsicheren, selbstbewussten, anständigen und respektvollen Erwachsenen heran.

  • sandra

    Ich finde auch „schlagen“ das darf überhaupt nicht passieren! Voll schlimm die mit dem, such dir einen Stock:( wie man das im Film gesehen hat..das schockiert mich!!! Aber es stimmt auch das hauen ein Zeichen von Schwäche ist! Und diese doofe Aussage, ein Klaps hat noch keinem geschadet kann ich auch nicht mehr hören!!
    Meine „Schwäche“ ist das ich ziemlich nervös bin und da kann es schon mal passieren das ich laut werde:( ..aber ich entschuldige mich dann dafür und probiere mich immer wieder zu ändern und ruhig zu bleiben..das ist mein grosses Ziel.. gelassen sein..:) aber ich nehm meine Jungs auch immer wieder mal in den Arm und sag ihnen wie gern ich sie habe:) und kuschel auch gern mit ihnen..

  • Maura

    Das hast Du wunderbar geschrieben. Und das Video dazu so einleuchtend. Vielen Dank!