«Liebe Mama, lieber Papa – zähl doch bis zehn»

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Wer Kinder hat der weiss, dass der Alltag ganz schön stressig sein kann:
Es gibt oft wenig Schlaf, kurze Nächte, anstrengende Tage, viel Geschrei, Gebrüll, Getrotze, Streit, unzählige Diskussionen. (Ganz besonders auch mit Teenies… Hiiiiilfe!)
Man muss Tag und Nacht verfügbar sein, trösten, zuhören, helfen, erklären, zeigen, sich Zeit nehmen, schlichten, aufmerksam sein
Das alles braucht viel Durchhaltevermögen, Gelassenheit, Humor, Fantasie, Freude, aber auch viel Nerven und Geduld.
Eine riesige Palette an Fähigkeiten, die man plötzlich als Eltern vorweisen sollte und das am besten jeden Tag. Nicht immer gelingt das aber leider gleich gut. Stress in der Partnerschaft, Geldsorgen, Müdigkeit, Krankheit, Einsamkeit, Überforderung, können uns manchmal davon abhalten, in der Erziehung ruhig und gelassen zu bleiben.
Ganz oft sind es dann auch die alltäglichen Dinge, die uns provozieren, uns aus der Fassung bringen und ausflippen lassen:
Wieder den Schuhschrank offen gelassen, das Hausaufgabenheft vergessen, dem kleinen Bruder das Auto aus der Hand gerissen, den Becher mit dem Tee ausgeleert, alle Spielsachen aus dem Regal gerissen, nicht zugehört, beim Baden Theater gemacht, zu spät nach Hause gekommen, freche und unverschämte Antworten gegeben…

Auch wenn es kaum jemand ehrlich und offen zugibt:
Diese Situationen kennen wir Eltern alle. Nicht selten stossen wir dabei an unsere Grenzen und reagieren ganz oft viel lauter, unbeherrschter, unfairer, als wir es eigentlich wollten:
Wir fangen an zu drohen, zu schimpfen, zu schreien. Wir wenden emotionale Botschaften an, fangen an die Kinder als Person zu kritisieren und nicht ihr Verhalten:

«Bist du heute wieder unmöglich!»
«So wirst du das nie lernen!»

pixabay.com

Manchmal werden Eltern aber auch beleidigend und grob, entziehen ihnen ihre Liebe und Zuneigung, geben ihnen einen Klaps auf den Po oder ziehen den Kindern am «Grännihaar».
Wenn das passiert, dann meistens aus Überforderung, weil Eltern spüren, dass sie die Kontrolle verlieren und denken, dass sonst «eh nichts mehr hilft».
Die meisten fühlen sich danach schlecht und als Versager, denn sie wissen, dass psychische und physische Bestrafungen als Erziehungsmittel tabu sein sollten. Es gibt aber leider auch immer noch viele Eltern, die den berühmten «Klaps, der noch niemandem geschadet hat» regelmässig anwenden (ganz oft, weil sie ihn selber aus der eigenen Kindheit kennen).

Ergebnisse in der Schweiz erschrecken
In der repräsentativen Studie der Universität Fribourg wurden Eltern in der Schweiz zu ihren Erziehungsmethoden befragt.
Neben sehr häufig vorkommenden Massnahmen wie «Schimpfen» oder «Verbot elektronischer Medien» wurden auch Erziehungsmittel abgefragt, die von den Wissenschaftlern unter Gewalt kategorisiert werden.
Physische Gewalt (z.B. Haare ziehen, Ohrfeigen, Schläge auf den Po, kaltes Abduschen, dazu habe ich übrigens auch schon mal einen Artikel geschrieben) wird von 44,4% der befragten Eltern angewendet.
Die Häufigkeit und die Form variieren stark:
Jeder 20. Elternteil (5,79%) wendet körperliche Gewalt häufig an, jede 3. befragte Person in selteneren Fällen.

Von den über 1,2 Millionen Schweizer Kindern (1–15 Jahre) haben somit mehr als 550 000 schon körperliche Strafen erleben müssen.

Psychische Gewalt (z.B. Einsperren, Drohen, Liebesentzug, Ignorieren, Anschreien) wird weitaus häufiger als Erziehungsmassnahme angewendet:
68,6% der befragten Eltern haben schon darauf zurückgegriffen, wobei 25,15% angeben, ihre Kinder regelmässig bis sehr häufig psychisch zu strafen.

Man muss deshalb davon ausgehen, dass 310 000 Schweizer Kinder regelmässig durch psychische Gewalt erzogen werden.

Die Experten sind sich einig, dass sowohl bei psychischer als auch bei physischer Gewalt die Dunkelziffern in der Schweiz weitaus höher sind. Alle Formen von Gewalt in der Erziehung haben weitreichende negative Auswirkungen und beeinträchtigen die körperliche und seelische Gesundheit sowie die Entwicklung der betroffenen Kinder.
Kurzfristig mögen Bestrafungen zwar funktionieren, doch langfristig richten sie grossen Schaden an, darin ist sich die Wissenschaft einig.
Denn allen Formen von Gewalt in der Erziehung ist gemein, dass sie die Grenzen des Kindes verletzen und das Kind so lernt, keine Grenzen haben zu dürfen. In der Folge können Kinder auch kein Gespür dafür entwickeln, was Grenzen überhaupt sind – weder bei sich selbst noch bei anderen.
Quelle: kinderschutz.ch

Eltern fehlen oft Alternativen und andere Lösungsmöglichkeiten

Als Eltern handelt man oft sehr kurzsichtig, nämlich erst dann, wenn die «Problemsituation» schon da ist. Meistens kommt dabei noch die Wut, der Ärger und der Frust dazu und man fragt sich:

«Was soll das? Was um Himmels Willen ist mit meinem Kind los? Ich will, dass das SOFORT aufhört»

Stattdessen muss man sich aber viel eher fragen:

«Wie ist diese Situation überhaupt entstanden?»
«Was kann ich tun, damit es das nächste Mal nicht mehr passiert, resp. besser klappt?»

1. Gut beobachten

Hat sich in der Familie etwas verändert?
Ist ein Geschwisterchen auf die Welt gekommen? 
Oder wird der kleine Bruder gerade mobil, beginnt zu krabbeln oder zu gehen?
Eine Veränderung im Alltagsablauf?
Ein Konflikt im Kindergarten?
Hat sich ein Ritual verändert?
Kommt das Kind in die Pubertät?
Hat sich vielleicht bei mir, als Mama oder Papa etwas geändert?
Schlafmangel?
Job verloren?

Sich einfach mal ein paar Tage auf die einzelnen, schwierigen Situationen konzentrieren und genau hinschauen und sich ebenfalls fragen:

Was passiert hier eigentlich?
Wie reagiere ich darauf?
Was lernen meine Kids dabei?
Was will ich eigentlich von ihnen?
Das ist ganz wichtig und hilft das Ganze wieder etwas in einen vernünftigen Zusammenhang zu stellen. Manchmal merkt man auch, dass es ja gar nicht so oft passiert, wie man vielleicht vorher das Gefühl hatte.
Auch eine wichtige Beobachtung. :-)

2. Präventiv gegen Wut und Frust vorgehen

Mir hilft es jeweils ein bisschen wenn ich mir ganz bewusst überlege:

«Was macht mich denn jetzt eigentlich so rasend?»
«Woher kommt diese Wut/Verzweiflung?»
«Wann hat das angefangen?»
«Welche Erwartungen habe ich in dieser Situation an mein Kind?»
«Wo liegt mein Problem?»
«Was will mein Kind eigentlich?»

Diese Überlegungen bringen schon mal etwas Ruhe ins Ganze und bewahren uns davor, nonstop auf das Kind ein zu quatschen. Ganz oft eskalieren Situationen nämlich, weil wir Eltern nicht genug zuhören oder weil wir nicht auf der «gleichen Wellenlänge senden».
Das heisst: Wir als Eltern senden eine «Nachricht» an unsere Kids und damit diese sie richtig verstehen und entschlüsseln können, müssen sie die gleiche «Codierung» wie wir verwenden. Wenn nicht, dann verstehen sie vielleicht unter einem Begriff oder unter einer Gestik, die wir verwenden, etwas anderes und es eskaliert.
Diese Überlegungen kann man auch mal gut in einer ruhigen Minute machen, wenn man eben nicht mit seinen Gefühlen kämpft.
Man kann das gut als eine Art «Präventionsarbeit» anschauen, denn man möchte ja eigentlich, dass sich etwas ändert und man sich nicht ständig im gleichen Hamsterrad dreht.
Wenn man aufschlüsseln kann, WOHER denn der Ärger, die Wut und der Frust kommt, dann man auch früh genug anfangen, etwas dagegen zu tun und man tappt dann vielleicht etwas weniger in diese «Wut-Frust-Schrei- und-Brüllfalle». 

3. Strategien bereit legen

Manchmal reichen diese verschiedenen Beobachtungen schon, um aus dem Teufelskreis wieder herauszufinden. Manchmal muss man auch nur am Ablauf etwas ändern oder sich besser organisieren, mehr Zeit einberechnen, gewisse Dinge aufteilen, weniger nah an den Kindern dran sein, weniger reden dafür aber klare Ansagen machen, wer, was, wann und wo macht. Also den Kindern klar sagen was man möchte und auch wieder ein bisschen mehr auf das gucken, was denn eigentlich gut läuft.
Wenn Kinder noch klein sind, dann verstehen sie viele Dinge einfach noch nicht, können sie auch nicht nachvollziehen und es braucht viel Energie, ihnen immer und immer wieder das Gleiche zu erklären.
Wenn ihr also Muster und schwierige Zeiten entdeckt habt, dann geht es darum, sich ein paar Strategien zurecht zu legen und zu überlegen:

«Was passiert hier und warum und WIE können wir diese Muster durchbrechen?»

Und genau diese Strategien, die fehlen uns Eltern ganz oft. Als Erwachsene sollten wir und deshalb die Frage stellen:

«Wie können wir diese Situationen entschärfen und gelassener reagieren?»

Genau diese Frage hat Kinderschutz Schweiz den Kindern gestellt.
So einfach sich die «Ideen von starken Kindern für starke Eltern – es gibt immer eine Alternative zur Gewalt» auf den ersten Blick anhören, genauso wirkungsvoll sind sie:

«Lieber Papi, geh doch kurz raus»


«Liebes Mami, zähl doch bis zehn»

Dieses kurze Innehalten ist wirklich ganz hilfreich.
Also: Kurz durchatmen, einen Schritt zurück stehen, vielleicht auch rasch aus der Situation raus gehen.
Man merkt dann nämlich auch ganz oft:

«Oha. Nicht mein Kind nervt mich, sondern ICH bin genervt. Von mir selber, meiner Situation, meinem Partner. Ich habe Dinge vergessen, zu spät erledigt, habe keine Zeit für mich, bin müde oder unzufrieden.»

Im kurzen Film zur Kampagne erzählen Kinder aus der Schweiz, wie ihre Eltern reagieren, wenn sie nicht gehorchen oder etwas angestellt haben. Es wird schnell klar, dass auch heute noch viele Eltern in stressigen Situationen regelmässig auf unangemessene psychische oder physische Bestrafungen als Erziehungsmittel zurückgreifen. Der Film macht spürbar, wie sehr Kinder unter diesen Massnahmen und der damit verbundenen Gewalt leiden.
Und gleichzeitig beantworten die Kids auch gleich noch die Frage:

«Wie kann ich als Mama oder Papa dafür sorgen, dass ich nicht die Kontrolle über mich verliere und mir nicht die Worte oder die Hand entgleitet?»

Schaut es euch unbedingt kurz an, denn es gibt immer eine Alternative zum schimpfen, drohen, brüllen, beleidigen, fest anpacken
Und auch zur Gewalt.
Es braucht nur das Bewusstsein und ein bisschen Übung.

Mehr Infos zur Kampagne gibt’s unter kinderschutz.ch

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