«So ein Blödsinn, jetzt streiken die auch noch!»

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Wer in den letzten Tagen nicht grad zufälligerweise im Winterschlaf war oder sich auf einer einsamen Insel ohne Menschen und WLAN versteckt hat, der kam um ein Thema nicht herum:

DER KLIMAWANDEL

Ein schreckliches Thema, ich weiss, ich weiss.
Muss man sich denn jetzt wirklich ernsthaft Gedanken machen, ob man nicht mal wieder das alte Velo aus der Garage holen und damit ins Büro fahren könnte?
Okay, es ist zum Glück grad Winter und saukalt. Das verschiebt man dann doch lieber auf eine wärmere Jahreszeit. Auf den Frühling, oder sagen wir Sommer. Spätherbst ist auch noch früh genug..
Oder ein E-Bike kaufen?
Hmm, ist leider so teuer und da muss man ja auch einen Helm tragen. Hilfe! Nein, man ruiniert sich doch nicht für ein bisschen Umweltschutz noch die Frisur.
Aber vielleicht sollte man auch endlich so ein paar Mehrweg-Säcklein mit zum Einkaufen nehmen? Damit man nicht immer so viele Plastiksäckchen wegschmeissen muss.
Und vielleicht müsste man ja auch nicht 4 Mal im Jahr mit dem Flugzeug reisen?
Und braucht man wirklich den Basilkum aus Kenia, den Apfel aus Neuseeland und die Kartoffel aus Ägypten?
Ja und weniger Fleisch essen, oder am besten gar keines mehr, das wäre auch eine gute Option. Oder vielleicht gar keine tierischen Produkte mehr essen und Veganer werden?
Wobei Veganer sind komisch und bleich und was essen die eigentlich den ganzen Tag, wenn sie nicht auf einem Schnitzel herum kauen dürfen?
Jaaa man sollte, müsste, hätte, würde, eigentlich wenn man könnte.
Aber eben.
Es ist doch irgendwie grad sooo schön bequem, das Fleisch so lecker, im Auto ist es schön warm und dieser Klimawandel doch noch soooo weit weg.
Und wahrscheinlich sind wir ja dann eh alle tot, wenn er dann wirklich mal über die Schwelle tritt. Denn vor der Türe steht er ja schon länger…
Eigentlich haben wir es uns doch alle gerade so gemütlich in unserer «Ach-ja-man-sollte-müsste-aber-irgendwie-ist-das-so-anstrengend-und-war-es-nicht-immer-mal-wieder-so-heiss-oder-kalt»-Blase gemacht und dann kommt plötzlich eine 16-jährige Schülerin aus Schweden und setzt sich einfach so, mit einem Schild mit der Aufschrift «Schulstreik für das Klima» vor den Schwedischen Reichstag und startet eine weltweite Protestaktion.

Was als kleiner persönlicher Protest begann, nahm ganz plötzlich immer mehr Fahrt auf. Und stellt euch vor, plötzlich solidarisierten sich Schülerinnen und Schüler aus zahlreichen Ländern (darunter auch der Schweiz, Deutschland, Frankreich, Finnland, Belgien, Dänemark und Australien) mit Greta Thunberg.

Wo gibt’s denn so was? Junge Menschen diskutieren, engagieren und vernetzen sich?

Und zwar ganz selbstständig in WhatsApp Gruppen, über Instagram und Snapchat und ziehen dann  zu Hunderten, in einigen Städten gar zu Tausenden los, um zu zeigen:
HEY! Leute, wir sind die Zukunft und WIR sind mit dieser Klimapolitik nicht einverstanden.

Und wisst ihr was unglaublich dreist ist?

SIE SCHWÄNZEN DAFÜR DIE SCHULE!
K R E I S C H ! 


Erinnert ihr euch noch, aus welchem Grund wir früher die Schule geschwänzt haben?
Mir kommen da grad spontan ein paar Beispiele in den Sinn: Für ein lustiges Frühstück mit den Freundinnen am See, zum Snowboarden, weil man das Englisch-Buch nicht gelesen, die Prüfung nicht gelernt oder keinen Bock auf 4 Stunden Physik am Stück hatte.
Nein, die die geschwänzt haben, taten das nicht weil sie sich Sorgen ums Klima und um die Zukunft dieser Welt gemacht haben….

Nun also.
Diese Kids haben also 2×2 Schulstunden versäumt. Weil sie gemeinsam für eine wichtige Sache einstehen wollen. (Dafür bekamen die allermeisten eine unentschuldigte Absenz, oder mussten für diese 2 Stunden, einen ihrer Halbtage abgeben…)

Und was tun wir Erwachsenen:

Wir lachen.
Wir lachen über sie und unterstellen ihnen Dinge.
Böse, gemeine Dinge

«Ach, die schwänzen doch nur, damit sie nicht in die Schule müssen.»
«Haha und nach dem Streik, werden sie alle von ihren Muttis mit dem Auto abgeholt.»
«Die haben ja eh alle keine Ahnung vom Leben. Sollen erst einmal etwas Anständiges lernen und arbeiten gehen.»
«Die Kinder in Afrika wären froh, wenn sie überhaupt in die Schule gehen könnten.»
«Verwöhnte Goofen. Und dann während der Demo auf dem Smartphone herum drücken.»

Selten las und hörte man ein so dermassen despektierliches, weinerliches Gewimmer und Gelabere von Menschen (vorweigend mittleren und älteren Alters) als hier bei diesen Schülerdemos für einen effektiveren Klimaschutz.
Leute die sich fragen, ob Greta wohl unter Drogen steht, weil man sie doch nie lächeln sehe…
«Nein, sie hat das Asperger Syndrom. Einfach mal googeln du ___________ » (hier darf man ein kleines Schimpfwort einsetzen…)

Für viele dieser Jugendlichen ist es vielleicht das erste Mal, dass sie mit Politik in Kontakt kommen und merken:
«Hey, wir haben das grosse Glück in einem Land leben zu dürfen, in dem es uns als Bürgerin oder Bürger (egal welchen Alters) erlaubt ist, für oder gegen etwas zu sein und diese Meinung auch öffentlich kundzutun.»

Viele Jugendliche haben dieses Thema in ihre Familien getragen, es entstehen Diskussionen über zukünftige Flugreisen, über Fleischkonsum, übers Auto fahren und es gibt viele Fragen.
Auch wir in unserer Familie mussten und müssen uns immer noch diesen Fragen stellen und wir haben auch versucht Antworten darauf zu geben. Unsere Kids, ebenfalls streikende Schulschwänzer, zeigen plötzlich Interesse an Politsendungen, schauen Dokumentationen, interessieren sich für Parteien und eines unserer Mädels ist sogar in eine Partei eingetreten. Mit 16 Jahren.
Im Gymnasium meiner Tochter gab es zum Beispiel eine lange Diskussionen, die in einer Abstimmung über ein Flugverbot für Matura-Reisen endete. Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler stimmte also dafür, in Zukunft die Abschlussreise nur noch mit dem Zug zu machen.

Gut möglich, dass nicht alle jungen Streikenden genau gleich euphorisch und aktiv sind. Es gibt bestimmt auch einige Mitläufer, die sich vielleicht (noch) nicht genügend mit dem Thema auseinandergesetzt haben.
Das gibt’s aber auch bei Erwachsenen-Demos und diese werden auch nicht mit dermassen beleidigenden Kommentaren überschüttet.
Sich Gedanken zum Klimawandel zu machen und öffentlich seine Stimme zu erheben, muss ja jetzt auch nicht gleich bedeuten, dass man nur noch nackt im Wald herum rennt, sich mit Blättern zudeckt und Beeren pflückt.
Was soll dieses hämische:
«Hoooohoooo! Habt ihr gesehen, die haben aber ein Smartphone! Die sind auch schon in die Ferien geflogen und in der Garage steht ein Auto. Und warum streiken die eigentlich nicht in ihrer Freizeit? Haben sie dann keine Zeit oder was? Verwöhnte Saugoofen.»
Wenn sie jemand verwöhnt hat, wer war das?
Hmmm…. Lasst mich mal überlegen…
Wer hat ihnen diese Konsumwelt denn gezeigt, vorgelebt und sie schliesslich auch daran gewöhnt. Auch DAS eine wirklich sehr, sehr knifflige Frage.

Ja und wer sagt denn, dass genau diese Auseinandersetzung mit dem Thema und diese Klima-Demonstrationen, bei vielen Jugendlichen nicht vielleicht ein Startschuss ist, um eben gewisse Verhaltensweisen (die sie von uns Erwachsenen übernommen haben) zu ändern?
Viele junge Menschen fahren zum Beispiel gar nicht mehr Auto und wollen es auch nicht lernen. Viele verzichten ganz bewusst auf Fleisch oder haben ihren (und meist auch gleich den Konsum der ganzen Familie) drastisch reduziert. Und sogar Second-Hand ist wieder trendy. Meine Tochter zum Beispiel kauft ihre Kleider praktisch nur noch aus zweiter Hand.
Wie sollen und wollen wir Kindern und Jugendlichen helfen, zu engagierten, wachen, selbstkritischen und aktiven Menschen heranzuwachsen, wenn wir sie nicht Ernst nehmen, wenn sie GENAU DAS versuchen?

Wer selber Teenies hat der weiss:
Die richtigen Worte zu finden ist in diesem Alter nicht immer ganz leicht. Manchmal reicht schon:
Ein Augenaufschlag, drei Sekunden Pause zwischen einer Antwort, ein kleiner Seufzer oder die Frage nach dem: «Wer kommt denn sonst noch alles mit?» um eine Situation eskalieren zu lassen. Aber jeder, der mit Jugendlichen unter einem Dach lebt der weiss, dass sie eines überhaupt nicht ausstehen können und sehr, sehr wütend werden können:

Wenn man sie nicht ernst nimmt und sich über sie lustig macht.

Und genau das passiert im Moment, online wie auch offline.
Vielleicht ist es eine Abwehrreaktion, um sich selbst einzureden, dass man ja nichts falsch gemacht hat, nicht drüber nachdenken und schon gar nicht etwas ändern will.
Vielleicht ist es aber auch einfach nur Dummheit und Ignoranz der jungen Generation gegenüber. Denn SIE ist es, welche die Fehler der Vergangenheit ausbügeln muss, wenn es dann nicht schon zu spät ist…

Natürlich braucht es noch viel mehr, als nur Schülerinnen und Schüler, die einfach ein Schild hochhalten oder während der Schulzeit vor ein Regierungsgebäude stehen, es braucht uns ALLE.

Aber die junge Generation tut im Moment genau das, was junge Menschen tun sollen:
Uns Erwachsenen herausfordern, eigene Wege suchen, frech und laut sein.

Und wir sollten ihnen zuhören und sie Ernst nehmen.

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