Warum Trost bei Kindern wichtig ist

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Ihr kennt das sicherlich alle: Da will man sich gerade irgendwo gemütlich hinsetzen, vielleicht einfach mal kurz ausruhen oder einen Kaffee trinken und dann plötzlich:

Ein RIESEN GESCHREI

In Gedanken sieht man sein Kind schon blutüberströmt auf dem Rasen liegen, mit einer Platzwunde, mit gebrochenen Armen und Beinen, drei Zähnen weniger. Gleichzeitig überlegt man sich bereits die Notfallnummer und wer sich denn um Kind 2 kümmern könnte, während dem man auf dem Weg ins Spital ist…
Dann geht die Türe auf, das schreiende und schwer verletzt geglaubte Kind kommt herein.

Keine Platzwunde
Es steht auf beiden Beinen
Die Zähne sind noch da

Die Arme sind auch ok
Und Blut sieht man auch keines

Ok, vielleicht ein kleines bisschen Blut.
Am Finger.
Wenn man genau hinschaut
Mit einer Lupe.

Und da beginnt auch schon das Problem:
Wir klassifizieren in dem Moment den Kummer und die Not des Kindes, was in dem Fall für uns heisst:
Arme und Beine noch dran, kein Loch im Kopf, kein Blut:
Und wenn WIR etwas als „nicht so schlimm“ empfinden, dann fallen wir meistens in ein Muster, welches wir noch aus unserer eigenen Kindheit kennen:

„Ist doch nicht so schlimm!“
„Es blutet ja gar nicht!“
„Jetzt mach nicht so ein Theater!“

Wir urteilen über eine Situation, die wir als Aussenstehende nur schwer einschätzen können. WIE SCHLIMM es tatsächlich ist, das können nur unsere Kinder beurteilen. Und im Moment ist es für sie schlimm, sehr schlimm sogar. So schlimm, dass sie weinen und schreien müssen.
Kindern zu sagen, dass doch alles nicht so schlimm sei und sie jetzt nicht so ein Affentheater machen sollen, bringt in dem Moment überhaupt nix.
Im Gegenteil:
Ganz oft heulen und schreien die Kinder noch lauter um zu zeigen:
„Dooooch! Es ist unglaublich schmerzhaft! Jetzt nimm dir einfach kurz Zeit, schenk mir ein bisschen Aufmerksamkeit!“

Ich selber habe lange gebraucht um das zu begreifen.
Ich hatte nämlich ständig das Gefühl, dass meine Kinder wegen NICHTS, jedes Mal ein unglaubliches Drama machen. Meine ablehnende Haltung hab ich ihnen jeweils ganz offen kommuniziert und es wurde alles nur noch schlimmer: Noch mehr Tränen, noch mehr Gebrüll, das Kind noch untröstlicher und zwar ganz ganz lange.
Das führte dazu, dass ich mich jeweils fast ein bisschen genervt habe, wenn ein kleines Unglück passiert ist. Und mit jedem Mal, stiegen die Wein- und Brüllattacken noch ein bisschen mehr.

Es gibt Kinder bei denen ist diese Reaktion ausgeprägter ist als bei anderen, diese werden dann gerne und oft als „Dramaqueen“ bezeichnet.
Ganz oft sind es die Jüngeren, die vielleicht ein bisschen mehr um Aufmerksamkeit kämpfen müssen, als die Erstgeborenen, weil diese ja lange Zeit die ungeteilte Aufmerksamkeit von Mama und Papa geniessen konnten.

Was Kinder in diesen Momenten brauchen

Ganz oft hat man das Gefühl, dass Weinen und Traurig sein in unserer Gesellschaft keinen Platz mehr hat. Wer weint, Schwäche zeigt, der wird schnell mal als „Weichei“, als „Memme“, als „Heulsuse“ bezeichnet.
Wenn sich Kinder weinend oder jammernd an uns wenden, dann heisst das fast immer, dass sie auf der Suche nach ein bisschen Aufmerksamkeit und Zuneigung sind.
Man könnte auch sagen, ihr „Aufmerksamkeits-Akku“ ist nicht mehr so recht geladen und mit diesem Verhalten sind sie sozusagen auf der Suche nach einer kleinen Zusatzration.
Wenn wir uns darüber lustig machen, sie zurück oder zurecht weisen, dann leert sich dieser „Speicher“ immer mehr. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder noch mehr und bei noch „kleineren“ Verletzungen ein Theater machen, wächst. Man erreicht also eigentlich genau das Gegenteil von dem was man möchte.

Und genau das ist bei uns damals auch passiert. Je mehr und öfter ich die kleinen Leiden ignoriert habe, umso lauter war der Schrei nach Aufmerksamkeit und ich hatte wirklich am Anfang Mühe, über meinen Schatten zu springen und diesen kleinen Trost zu spenden.
Ich war erstaunt, wie schnell die Tränen getrocknet und die Kids wieder zufrieden waren. Es brauchte jeweils nur ein kleines:
„Oje, oje, das tut sicher ganz schön weh?“
„Ach herrje, so ein blöder Sturz.“
„Komm ich puste ein bisschen.“
„Willst du ein kleines Pflaster auswählen?“

Ein paar kleine, tröstende Worte, ein bisschen Verständnis und das Leid war vergessen – der Speicher wieder voll. Die häufig geäusserten Bedenken, dass ein Kind dadurch verweichlicht, haben sich nicht bestätigt. Im Gegenteil. Die Kinder lernten mit der Zeit nämlich selber zu unterscheiden, wann ein Schmerz jetzt wirklich so schlimm ist, dass man ein bisschen Trost und Zuwendung braucht, und wann nicht.
Das gilt übrigens nicht nur bei Verletzungen und Schmerzen, sondern auch dann, wenn die Kinder sonst irgendwie traurig oder verzweifelt sind.
Dieses Gefühl kurz zu benennen und auch anzuerkennen kann helfen, besser darüber hinweg zu kommen und gemeinsam eine Lösung zu finden.
„Ja, ich kann verstehen, dass dich das jetzt ärgert, dass du traurig bist.“
„Oh ja, das ist jetzt wirklich schade, ich verstehe das. Hmm, was könnten wir denn jetzt machen?“

Warum trösten wichtig ist

Vielleicht gibt es Einige von euch die jetzt denken:
„Um Himmelswillen! Ich kann doch nicht jedes Mal wenn mein Kindlein aufmuckst, das Jammer-Stimmchen hervor nimmt, mein Trostprogramm starten!“

Überlegt euch mal folgendes:

1. Warum nicht?

Ihr müsst euch ja nicht gleich auf den Boden legen, ein Trostlied komponieren, ein Facebook-Live Video machen, einen roten Teppich ausrollen und dem Kind das Lieblingsessen kochen.
Es reicht, wenn ihr kurz da seid, euch rasch kümmert, ein Feedback gebt. Das kann auch eine kleine Geste sein wie über den Kopf oder die Wange streicheln, Blickkontakt halten, auf die schmerzende Stelle pusten.
Trost zeigt nämlich dem Gegenüber:
„Ich hab’s registriert, gesehen und ich möchte dir helfen, dass es dir wieder besser geht.“
Gerade dieses „Mitfühlen“ mit Anderen ist etwas, dass in unserer Gesellschaft immer mehr verloren geht.

Kleine Kinder haben dieses Verständnis fürs Trösten noch sehr ausgeprägt. Wenn sich jemand verletzt, weh tut oder sonst irgendwie traurig ist, dann sind sie meistens ganz schnell zur Stelle, um zu helfen und um Trost zu spenden. Das habt ihr sicherlich alle auch schon beobachtet.

2. Welche „Alternativen“ gibt es denn?

Ganz oft reagieren wir mit Ironie:
„Oh ja, da braucht man ja eine Lupe, damit man da etwas sieht:“
Mit Ignoranz:
„Ach komm, das ist jetzt also wirklich nicht so schlimm!“
Mit dem Versuch an die Vernunft zu appellieren:
„Du bist doch jetzt schon gross, nimm dir ein Beispiel an deinem Bruder, der heult auch nicht.“

Wirkliche „Alternativen“ sind das nicht. Denn wenn man nicht auf diese Gefühle eingeht, sie einfach ignoriert oder „weg redet“, dann lernen Kinder auch nicht, diese richtig zu äussern. Sie werden unterdrückt, als etwas „Schlechtes“ angesehen“ und die Kids lernen auch nicht, Empathie zu entwickeln.

Am Anfang viel es mir persönlich schwer über meinen Schatten zu springen. Also auch eine kleine, Mini-Verletzung oder ein kleines Gejammer ernst zu nehmen, kurz innezuhalten, ein bisschen Aufmerksamkeit und Trost zu spenden. Vor allem in Stresssituationen, wenn ich gerade etwas ganz anderes im Kopf hatte, müde oder sonst irgendwie genervt war.
Dabei geht das wirklich ganz schnell, braucht viiiel weniger Zeit als dem Kind klarmachen zu wollen, dass es jetzt nicht so schlimm ist.
Gelohnt hat es sich also allemal:
Die Tränen trockneten nämlich immer viel schneller als vorher und beim Trösten kam dann oft die Antwort:

„Ach Mama, es ist jetzt gaaar nicht so schlimm. Ich brauch auch gar kein Pflaster.
Lieber einen Kaugummi… ;-)

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