Was ist denn mit unserem Kind los? – Wenn das Geschwisterchen plötzlich nervt

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„Herzig, wie sich die Kleine um das Schwesterchen kümmert.“
„Jööö, süss die zwei. Er ist ja sooo lieb mit dem Kleinen.“
„Sie ist wirklich stolz auf ihren Bruder und hilft ganz toll mit.“

Wenn ein Geschwisterchen auf die Welt kommt, dann klappt das bei den Meisten ziemlich gut. Die Grösseren sind recht stolz und am Anfang auch immer mit Freude dabei. Sie bringen das Plüschtierchen, helfen beim Wickeln, halten das Fläschchen, trösten oder singen Lieder vor.
Alles in Ordnung und die Angst, dass es Zoff gibt, hat sich nicht bewahrheitet.
Und dann, wenn man sich an die friedliche Stimmung gewöhnt hat:
ZACK! Geht es los.

Der grosse Bruder, die grosse Schwester sind plötzlich nicht mehr wieder zuerkennen. Kaum hat das Kleine etwas für sich beansprucht, wird das aus den Händen gerissen, es wird geschubst, gehauen, an den Haaren gerissen und man muss ständig auf der Hut sein.
Dieses „unmögliche“ Verhalten des älteren Geschwisters bringt natürlich auch immer viel Aufmerksamkeit der Eltern mit sich.
Ständig muss man schauen, dass nichts passiert, dass diese Attacken nicht überhand nehmen.
Das ist anstrengend und frustrierend und hat zur Folge, dass wir den Fokus noch mehr auf dieses negative Verhalten legen, noch mehr schimpfen und drohen, die Kinder bestrafen, ständig ins Zimmer stellen und man plötzlich merkt, wie die Beziehung zum Grösseren leidet.

Wenn kleine Geschwister grösser und mobiler werden

Gerade wenn die kleineren Kinder grösser werden, müssen ältere Geschwister vieles (auch gerade den Umgang mit ihnen) wieder neu lernen.
Wenn die Kleineren anfangen zu robben oder ganz allgemein langsam mobil werden, brauchen sie wieder etwas mehr Aufmerksamkeit von den Eltern. Ständig muss man hinter ihnen her sein und schauen, dass sie nicht irgendwo runterfallen.
Die älteren Geschwister merken schnell, dass die Kleinen deshalb wieder etwas mehr Aufmerksamkeit bekommen als sie selber.
Wenn die Kleinen anfangen mobil zu werden, dann brechen sie sozusagen auch in das „Territorium“ der älteren Geschwister ein. Bis jetzt war das nicht sonderlich gefährlich, weil sie ja nur herum lagen. Doch plötzlich ändert sich das.
Oft steigen an die „Grösseren“ auch rasch die Erwartungen. Obwohl sie selber noch klein sind, hat man als Eltern das Gefühl, das sie doch jetzt „vernünftig“ sein, dies und jenes besser machen sollen und das am liebsten von heute auf morgen.
Das führt oft zu Streit, Frust und Ärger.
Die älteren Geschwister fangen oftmals wieder an, sich selber wie kleine Babys zu benehmen. Sie toben und schreien, fangen an zu hauen oder zu beissen (nicht nur das eigene Geschwisterchen, sondern manchmal auch andere Kinder) und benehmen sich in den Augen der Eltern einfach „unmöglich“.
Was also kann man tun?

1. Keine Panik
Manchmal hat man das Gefühl, dass nur das eigene Kind dieses Verhalten zeigt.
Das stimmt aber nicht.
Natürlich spielt hier auch der Altersunterschied eine Rolle, aber diese Eifersucht tritt fast bei allen Geschwisterkindern früher oder später auf. Meistens äussert sich das noch nicht gleich nach der Geburt, sondern eben erst ein paar Monate später, wenn die Kleinen anfangen zu robben oder sich überall hochzuziehen.
Also:
Wenn grössere Geschwister plötzlich „Problemverhalten“ zeigen, dann ist das oft genau in dem Alter, in dem die Kleineren anfangen mobil zu werden. Ein bisschen Verständnis für die neue Rolle und die neue Situation kann da schon mal sehr hilfreich sein.

2. Die Kinder miteinbeziehen
Lasst die älteren Kinder mithelfen, zeigt ihnen, WIE sie den kleinen Bruder oder die kleine Schwester unterstützen können. Beim Wickeln helfen, die Flasche bringen oder halten, die Windel bereit legen, beim eincremen helfen, ein Buch erzählen, Spielsachen bringen usw.
Passt auf, dass ihr nicht einfach nur schimpft, wenn sie grob sind, sonst passiert es schnell, dass sie fast nur noch negative Aufmerksamkeit bekommen. Zeigt ihnen lieber, WIE sie es besser machen können. Vielleicht hat euer Kind auch eine Puppe oder ein Plüschtier, dann kann es damit ein bisschen „üben“. Das kann vor allem dann helfen, wenn das ältere Kind grob ist, ständig das Kleinere schubst oder haut.
Zeigt ihm, wie man das als Mami oder eben Puppenmami/Papi eben macht.
Oft machen sie es auch nicht extra und wollen den jüngeren Geschwistern auch nichts Böses, sie müssen einfach den richtigen Umgang mit ihnen erst lernen.

3. Eine Extra-Zeit anbieten
Schaut, dass ihr den Grösseren immer wieder die Möglichkeit gebt, sich zurück zu ziehen. Es ist auch ok, wenn das Ältere nicht ständig mit dem Jüngeren etwas machen will.
Oft liegt das halt auch an unsere Erwartungen:

„Jetzt spiel doch schön mit deiner Schwester.“
„Gib ihm dein Auto jetzt auch mal. Du kannst doch sonst so gut teilen.“
„Jetzt lass sie doch auch mithelfen. Du bist doch jetzt schon ein Grosser.“

Manchmal nerven aber kleine Brüder oder Schwestern auch einfach nur. Weil sie eben viele Dinge noch nicht so gut können oder halt auch immer mal wieder etwas kaputt machen oder über die tolle Lego-Burg stolpern.

Schaut auch, dass ihr immer mal wieder Zeit mit dem grösseren Kind alleine verbringt und dass es Dinge tun darf, die grössere Schwestern oder Brüder eben auch mal tun dürfen.
z.B mal etwas mit der Oma alleine unternehmen, mit Papa oder auch mal mit Mama alleine einkaufen, zum schwimmen oder zum turnen gehen oder auch etwas länger aufbleiben…
Gerade am Abend ist eine gute Zeit, mit dem älteren Kind noch etwas Zeit ALLEINE zu verbringen. Die Älteren bekommen somit das Gefühl, dass sie eben auch „die Grösseren“ sind und müssen es den Kleineren gegenüber nicht immer unter Beweis stellen.

4. Den Fokus auf das Positive richten
Gerade wenn sich die Situation etwas verschlimmert und man ständig nur noch am schimpfen und bestrafen ist, vergisst man oft, dass es eigentlich ganz viele Situationen geben würde, die gut klappen.
Manchmal wartet man auch einfach zu lange, bis man ein positives Feedback gibt. Immer wenn etwas gut läuft, dann lobt und ermutigt eure Kids, in dem Fall hier: euer älteres Kind.
Sagt ihm genau, was euch gefallen hat und gebt vor allem dann ein Feedback, wenn es klappt. Das stärkt die Beziehung und man hat am Abend nicht immer das Gefühl, alles sei nur schief gelaufen. Wer den Fokus aufs Positive richtet hat eher das Gefühl das Glas sei „halb voll“ und nicht „halb leer“.
Achtet auch immer wieder darauf, WIE OFT denn solches „Problemverhalten“ tatsächlich auftaucht. Manchmal passiert es nämlich weniger oft, als wir das Gefühl haben. 

5. Gut vorausplanen
Mit zwei Kindern hat man fürs einzelne einfach nicht mehr gleich viel Zeit wie vorher mit nur einem Kind.
Vor allem die älteren Geschwister haben oft das Gefühl, dass sie zu kurz kommen. Und das stimmt sehr oft ja auch.
Man kann dem aber ein bisschen entgegen wirken, in dem man immer gut vorausplant.
Ihr habt das „Drehbuch“ im Kopf. Eure Kinder hingegen, wissen oft nicht, was als nächstes passiert. Deshalb ist es wichtig, dass ihr immer kurz sagt, wo ihr hingeht, was ihr tut, mit wem und wie lange.
Ihr könnt euch das ein bisschen vorstellen, wie wenn ihr „laut denken“ würdet.
„Das Baby hat Hunger. Ich setz mich jetzt aufs Sofa und werde stillen.
Brauchst du noch grad etwas?
Ich habe jetzt die nächste halbe Stunde grad nicht so Zeit. Du kannst in der Zeit ein bisschen mit Knete spielen oder dich hier zu mir aufs Sofa setzen und ein Buch anschauen.“

6. Eine „Beschäftigungskiste“ machen
In Situationen in denen die Kids grad nicht so viel Aufmerksamkeit bekommen, kann es hilfreich sein, ihnen interessante Beschäftigungen anzubieten.
Eine Beschäftigungskiste zum Beispiel, ist da eine gute Idee. Ihr nennt die dann einfach „Stillkiste“, „Telefonkiste“,  „Restaurantkiste“ oder „Beschäftigungs-“ oder „Spasskiste“.
Das kann eine Plastikbox oder eine mehr oder weniger schön verzierte Karton- oder Schuhschachtel sein. In diese packt ihr zum Beispiel: Ausmalbilder, Malbücher, Plastiktierchen, Spielzeug Autos, Schlümpfe, Sticker, Malfarben, Rätselbücher, Bastelsachen usw.
Diese Kiste könnt ihr dann in dieser bestimmten Situation hervor nehmen und die Kids können sich dann ein paar Minuten damit beschäftigen. Der grosse Vorteil ist, dass sie die Dinge und Spielsachen in der Kiste nicht so gut kennen, und was man noch nicht so gut kennt, das ist spannend und interessant.
Wichtig ist aber, dass ihr den Kids VORHER, also bevor ihr die Kiste aushändigt, rasch erklärt, wie lange sie diese benutzen dürfen, weil sonst habt ihr nachher gleich wieder ein Geschrei.
Also, das klingt dann etwa so:
„Ich gebe dir jetzt die Beschäftigungskiste. Während dem ich am Stillen bin, darfst du sie benutzen. Wenn ich fertig bin, dann stelle ich sie wieder in den Schrank.“

7. Den Wunschtag einführen
Wenn Geschwister ständig miteinander streiten, wer jetzt das grössere Kuchenstück, den roten Bagger oder den blauen Becher haben darf oder wenn sie ständig diskutieren, wer jetzt zuerst aus der Badewanne, das Buch auswählen oder neben Mama sitzen darf, dann ist es Zeit für den Wunschtag.

Man bestimmt mit den Kindern, in welchen Situationen der Wunschtag gilt und hängt dann einen kleinen Wochenplan (MO-SO) auf.
Um welche Situationen es genau geht, das bestimmt ihr VORHER. Nicht dass die Kinder dann das Gefühl haben, sie können jetzt immer und alles wünschen und aussuchen.
Die Pläne dazu findet ihr hier.
Danach nehmt ihr für jedes Kind eine Wäscheklammer und klebt ein Foto von ihm drauf. Ihr könnt natürlich auch sonst eine lustige Figur ausdrucken und aufkleben
Am Montag hat z.B Kind 1 seinen Wunschtag und darf über gewisse Dinge zuerst entscheiden:
Welches Kuchenstück, welchen Becher oder welches Buch es anschauen möchte.
Am Dienstag ist dann Kind 2 an der Reihe.
Jeden Abend vor dem ins Bett gehen, kann die Wäscheklammer dann zum nächsten Tag verschoben werden.
Wer motzt, nicht zufrieden ist und trotz des Plans eine Krise schiebt, der muss einmal aussetzen und darf dann einfach erst am übernächsten Tag wieder wünschen.
Den Blogartikel zum WUNSCHTAG findet ihr hier.
Das Video zum WUNSCHTAG findet ihr hier.

Und denkt daran:
Grad wenn die Kinderlein so zwischen 1 und 4 Jahre alt sind, ist es wirklich, wirklich streng.
Da macht ihr nix falsch.
Es ist einfach so.

Aber es wird besser.
Ein bisschen.

Und dann kommen dann einfach andere Problemchen… :-)