„Hallo Sie!“

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„Hallo, Grüezi. Gehört der dort vorne zu ihnen?“
„Ja, warum?“
„Könnten Sie ihm bitte sagen, er soll doch nicht auf die Treppe sitzen.
Und Essen darf man dort im Fall auch nicht.
Im übrigen ist dieses Zuckerzeugs eh nicht so gesund für seine Zähne.
Und kämmen könnte er sich auch mal wieder.
Und warum rennt er jetzt herum? Das gehört sich hier nicht.
Und er soll nicht immer mit seinen Fingern dort an die Glasscheibe fassen.
Und warum brüllt er jetzt so? Also so was sollten sie ihm nicht durchgehen lassen.
Herrje, der macht ja alles dreckig hier.
Und sie lassen ihn auf dem iPhone herum drücken? Ui, das ist aber gar nicht gut für die Augen und die Entwicklung. Er gehört in die Natur. Sonst bekommt er ADHS. Und Bücher sollte er lesen.
Und den Nuggi sollten sie ihm also mal abgewöhnen, das gibt dann hässliche Zähne und warum trägt der noch Windeln?
Und ein kleines Bäuchlein hat er auch schon. Sie müssen aufpassen, das führt schnell zu Übergewicht.
Kann er schon zählen?
Und was ist mit den Farben? Kennt er die Farben schon? Und kann er die Schuhe schon binden?
Warum stehen SIE eigentlich hier und warten, gute Frau?
Sollten SIE nicht zu ihrem Kind dort vorne gehen und schauen, dass er nicht solchen Blödsinn macht?“

„Ehm mein MANN ist dort vorne, grad bei der Kasse und zahlt die Blumen.
Unsere Kinder sind dieses Wochenende bei der Oma.
Adieu“.

  • Andrea Mordasini, Bern

    Auch wenn es hin und wieder Wunder wirkt, wenn die
    Kinder von anderen ermahnt werden, so mag es nicht besonders, wenn andere sich
    in meiner Anwesenheit in die Erziehung meiner Kinder einmischen und diese einfach
    so zurechtweisen, mich und meinen Erziehungsstil kritisieren, ohne überhaupt
    die Hintergründe richtig zu kennen. Denn nicht immer ist eine Situation so wie
    sie auf den ersten Blick scheinen mag. Zudem erziehe ich in erster Linie meine
    Kinder – und dies, denke ich, nicht einmal so übel ;). Am meisten ärgere ich
    mich über die besserwisserischen, lehrmeisterlichen, rechthaberischen und belehrenden
    Vorwürfe, Kritiken, Anschuldigungen, Vorurteile und „Ratschlägen“ von
    Kinderlosen, die von Kinder kriegen und erziehen keine Ahnung haben und
    trotzdem meinen, alles besser zu wissen. Mühsam sind auch Eltern ruhiger,
    stiller, braver und angepasster Kinder, die glauben, die Weisheit mit dem
    Löffel „gefressen“ zu haben und dass vernünftige Kinder das Ergebnis guter,
    richtiger Erziehung und wilde, laute Kinder das Resultat schlechter,
    mangelhafter Erziehung seien. Wenn meine Kinder etwas anstellen und ich es
    nicht sehe, dann finde ich es natürlich in Ordnung, wenn sie darauf hingewiesen
    werden. Es kommt dabei jedoch immer auf den Ton und die Art und Weise an. Anständig
    Nachfragen, sich interessieren, ja gerne, aber bitte ohne belehrenden Unterton.
    Sich gegenseitig austauschen, eigene Standpunkte und Erziehungsstrategien
    hinterfragen erachte ich jedoch für sehr sinnvoll. Streitende Kinder lasse ich,
    solange sie kräftemässig ebenbürtig sind, erst einmal gewähren. In der Regel
    schaffen sie es nämlich selber und alleine das Gezanke untereinander
    auszumachen. Nicht selten wird die Lage nur noch schlimmer, wenn Erwachsene
    sich dabei einmischen. Rechtzeitig einschreiten ist vor allem dann wichtig,
    richtig und nötig, wenn Gewalt im Spiel ist, Kinder von Eltern und/oder anderen
    erwachsenen Personen geschlagen, misshandelt und missbraucht werden. Da ist
    unverzüglich Zivilcourage gefragt und tatenlos weg- bzw. hinschauen völlig fehl
    am Platz und feige. Doch wenn es in solchen Momenten darauf ankommt, schweigen
    die sogenannten Besserwisser, Fremderzieher und Einmischer oftmals lieber statt
    tatkräftig einzugreifen und aktiv etwas gegen die Missstände zu unternehmen…