Bitte kein Kleberli fürs brav sein!

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Belohnungstafeln, mit Smileys, traurigen Gesichtern und schwarzen Wolken. Oder der Pointy zum Eingeben von Punkten, wenn Kinder brav waren oder anständig gegessen haben, Daumen hoch und Daumen runter Symbole, Punktekarten?
Soll man Kinder für bestimmtes Verhalten belohnen?
Wenn ja warum, was bringt’s und was sollte man beachten?
Ich versuch meine Meinung dazu mal so ein bisschen zu erläutern.
Also.

Es gibt durchaus manchmal Situationen, in denen man eine zusätzliche Motivation gut gebrauchen kann. Das geht uns Erwachsenen nicht anders als Kindern. Wir bekommen diese in Form von Cumulus Punkten, Super Bonus-xy Rabatten, wir genehmigen uns einen Kaffee, ein Schoggistängeli, kaufen uns etwas Schönes und wenn wir Glück haben und einen netten Chef, gibt’s vielleicht mal eine kleine Auszeichnung als Mitarbeiter des Monats oder noch besser ein bisschen Kohle in Form einer Bonuszahlung.
Wenn wir das bekommen, dann nicht weil wir brav und artig waren, sondern weil wir unsere Arbeit gut gemacht haben.

Kindern einen Anreiz, eine Motivation zu geben ist also nicht grundsätzlich verwerflich. Die Frage ist einfach, wie oft wir das machen, in welchen Situationen und WIE?
Oft braucht es gar keinen Punkteplan, sondern einfach nur unsere Aufmerksamkeit. Eine nette Geste, ein Lachen, Zuzwinkern, Daumen hoch oder eine Anerkennung in Form von einem guten Feedback.

Trotzdem kann, (muss aber nicht), eine Punktekarte manchmal eingesetzt werden. Besonders in Situationen, in denen Kinder keine Lust haben, die Aufgabe wirklich sehr doof und wenig attraktiv ist, kann das manchmal helfen.
Bevor man sich aber auf eine Punktekarte stürzt, finde ich folgende Überlegungen wichtig:

1. Warum klappt es nicht?
Mit den Kindern einmal in Ruhe zusammen sitzen und das besprechen. Sagt ihnen, was euch stört und dann diskutiert zusammen, welche Möglicheiten gibt es denn? Was brauchen die Kids, damit sie sich an die Regeln halten können? Oft reicht es schon, wenn man diese Abmachungen genau definiert UND aufschreibt.
Versucht positiv zu formulieren. Also „Wir sprechen in anständigem Ton miteinander“ und nicht: „Wir brüllen nicht herum“. Ihr könnt diese Regeln mit Bildern, Fotos oder Zeichnungen ergänzen, damit sie auch alle verstehen.
Wenn die Kids schon etwas älter sind kann es helfen, die Abmachungen von allen unterschreiben zu lassen. Hängt diese Regeln dann als eine Art „Reminder“ gut sichtbar auf.
Wenn sie z.B am Schrank beim Eingang hängen, dann erinnern sich die Kids meistens von alleine daran und es braucht gar kein „Belohnungssystem“ mehr.

2. Für welches Verhalten?
Punkte, Kleber oder Smileys fürs brav sein, gehorchen, fürs lieb sein mit dem Bruder oder der Schwester, finde ich persönlich sehr schwierig. Was heisst denn bitte schön „brav sein“ genau?
Wann ist das Kind dann noch lieb und wann kann man sagen: „Du hast jetzt gut auf die Mama gehört?“
Hmm, sehr schwierig und das zu beurteilen ist auch abhängig von der eigenen Tagesform. Es ist auch äusserst frustrierend, wenn ein Kind am Anfang eben oft frech oder ungehorsam ist und es jedes Mal für dieses Verhalten einen Sticker bekommt. (Halt eben einen mit einem bösen Gesicht). Dann ist unter Umständen am Abend die halbe Tafel voll mit fiesen oder traurig guckenden Smileys. Nicht grad sehr aufbauend.
Deshalb finde ich persönlich: Belohnungssysteme um gutes Verhalten zu belohnen sind nicht brauchbar.
Wenn Punktekarte, dann nur  für Verhalten, bei denen man ganz klar sagen kann:
Erfüllt oder nicht erfüllt.
Also z.B  für Hausarbeiten/Ämtli, für Jacke aufhängen, Hände waschen, Kaninchen füttern, am Tisch sitzen bleiben usw.

3. Nicht nur das Verhalten belohnen, sondern auch schon die Anstrengung
Wenn man Kinder für ein bestimmtes Verhalten motivieren will, dann ist es wichtig, dass man am Anfang ein ganz leichtes Ziel setzt. Man kann auch schon den Versuch belohnen, auch wenn es vielleicht noch nicht ganz geklappt hat.

4. Nur EIN Verhalten auswählen
Punktesysteme werden schnell unübersichtlich, wenn man verschiedene Verhalten mit Punkten oder Stickers belohnt. Es wird zu kompliziert, Kinder wissen dann oft gar nicht mehr, ob und warum sie jetzt einen Punkt verdient haben und auch die Eltern verlieren die Übersicht.
Also nicht wie bei Pointy fürs: Zähne putzen, fürs lesen, staubsaugen, Kleider versorgen, nicht aggressiv sein, das sind einfach zu viele Anforderungen und Punkte auf einmal.
Wenn ihr so was in Betracht zieht, dann nehmt nur ein Verhalten und besprecht das vorgängig mit den Kindern. Wichtig ist, dass sie da mit einbezogen werden, dass sie selber Ideen einbringen dürfen und wissen, wofür es wann einen Kleber gibt.

5. Vorher die Belohnung festlegen
Es muss nicht immer ein teures Barbie oder ein Feuerwehrauto sein. Gute Belohnungen sind z.B: Familienausflüge, ins Schwimmbad gehen, schlitteln, einen Kuchen backen, eine Massage, sich von Mama die Nägel lackieren lassen, eine DVD anschauen, ein Spiel spielen, länger aufbleiben, das Lieblingsmenü wählen usw.
Bewährt hat sich auch, wenn man kleine „Zwischenschritte“ macht. Also z.B, nach dem 1. Mal, wenn etwas geklappt hat einen kleinen Kleber oder ein Bildchen, dann nach dem 3., dem 5., dem 7. dem 10. und dann die „Belohnung“ nach dem 15. Mal.
Es ist wichtig, dass am Anfang das Ziel sehr leicht ist, sonst verlieren die Kinder schon zu Beginn die Motivation.

6. Lasst euch etwas einfallen
Wenn ihr euch dafür entscheidet, so eine Punktekarte zu machen, dann lasst euch etwas einfallen. Sie darf ruhig fantasievoll, witzig, toll gestaltet sein. Nehmt ein Sujet, welches eure Kids gerne haben. Das kann ein Bauernhof sein, ein Piratenschiff, ein Prinzessinnenschloss, ein Schneemann, SpongeBobs Unterwasserwelt usw.
Die Punktekarte könnt ihr ganz farbig gestalten, ihr könnt basteln, zeichnen, ausdrucken, kleben. Je nachdem wie talentiert ihr im Basteln halt seid.
Für alle Bastelmuffel findet ihr hier auch eine Sgubi Punktekarte als Vorlage.

7. Konsequenzen
Belohungssysteme funktioneren als „Bestärkung“.
Es geht nicht darum, dem Kind die „Verfehlungen“ aufzuzeigen. Deshalb gehören böse Gesichter, Blitze, schwarze Wolken usw. nicht auf Punktekarten. Wenn es mal nicht geklappt hat, dann gibt es einfach keinen Kleber. Das ist für Kinder oft schon schlimm genug und das braucht nicht noch ein weinendes Gesicht auf der Tafel und kein Dessert und ein TV Verbot und eine Predigt von Mama oder Papa. Auch KEINE Kleber wegnehmen, die man bereits verdient hat. Verdient ist verdient.

Wenn ihr die Punktekarte mindestens zwei bis drei Wochen angewendet habt, dann klappt das mit den Schuhen versorgen, dem Hände waschen und den Ämtli meistens wirklich sehr gut. Man kann die Punktekarte dann langsam „ausschleichen“. Will heissen, es gibt nicht mehr so oft einen Kleber und man lässt ihn dann plötzlich einfach ganz weg.

Ich kann gut verstehen, wenn es Leute gibt, die mit Punktekarten und Belohnungssystemen nichts anfangen können. Es ist auch nicht die Idee, dass man immer ständig und für jedes Verhalten einen solchen „Plan“ einsetzt. Wenn man andere Wege und Möglichkeiten findet, dann ist das immer besser.
Die Frage ist einfach nur: Was steht dem gegenüber?
Oft ist es leider so, dass sich viele in einer „Negativspirale“ befinden. Dass sie dafür einfach ständig nur schimpfen und drohen, laut werden und mit den Kindern streiten. In solchen Fällen ist eine kleine Motivation in Form eines solchen Belohnungssystems sicherlich immer noch besser, als eben immer im Konflikt zu sein und seine Kinder dauernd anzumotzen und zu sie zu bestrafen.

Wer sich das alles noch in Ruhe anschauen möchte. Der klickt hier auf den Link. Dort findet ihr das Video zum Thema „Punktekarten“, mit ein paar konkreten Beispielen“, welches ist vor einiger Zeit mal gemacht habe.

 

  • Gianna

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Wie schnell rutscht man nämlich durch diese Belohnungssysteme ins Negative und das würde ich auf keinen Fall wollen. Deshalb habe ich mich auch dagegen entschieden. Mag diese Systeme nicht.