Die Welt immer mal wieder mit Kinderaugen sehen

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Als Eltern tappt man immer wieder in Situationen, in denen man ungläubig da steht und denkt:
«Höööh! WAS genau ist denn jetzt hier passiert?»
Gerade eben ging noch die Sonne auf, das Kindlein war strahlend fröhlich, liebevoll und lustig und jetzt?
Ein kleines (oder auch grosses) Monster mit scharfen Reisszähnen, lauter Stimme, rotem Kopf und unglaublicher Ausdauer.

Woher kommt das und könnte das bitte ganz schnell wieder weg gehen?

Je nach dem wo man sich grad befindet ist es ja manchmal auch sehr unangenehm oder gar peinlich. Beim Besuch bei der Freundin, beim Kinderarzt, im Supermarkt vor der Kasse, beim Sandkasten, in der Umkleidekabine im Schwimmbad, an der Kindergarten-Abschlussfeier, beim 70. Geburtstag der Oma, im Schuhgeschäft oder in der Hotellobby, wenn sich der launische Teenie nicht sofort ins W-Lan einloggen kann…
Und meistens tut man dann genau das, was man eigentlich nicht tun sollte.
Vergessen sind in diesen Momenten die guten Ratschläge aus den Erziehungsblogs und Büchern, die Emotionen übernehmen die Kontrolle und man fängt an mit den Kids zu schimpfen.
Zuerst ein kleines Zischen:
«Schhhhh. Sei jetzt schhhhhtill, psssst. Schhhh, es reicht jetzt. Benimm dich nicht so blöd. Schauuuu mal, die Leute gucken schon. Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann gehen wir am Nachmittag nicht mehr ins Freibad und zum Einkaufen nehm‘ ich dich auch niiieee mehr mit.»
Doch da die ersten leisen Drohungen meistens wirkungslos sind, packen wir noch eine Schippe drauf: Wir werden lauter, drohender, zerren die Kinder manchmal am Arm und erklären lauthals, warum wir dieses Benehmen «totaaaal daneben finden», es nicht verstehen können, es uns  nervt oder wir «sehr, sehr traurig sind.»

Wie ein Elefant im Porzellanladen

So ähnlich wie das Kind benimmt man sich dann selber auch: bockig, trotzig, launisch und laut. Man versucht zwar, sich noch so ein bisschen durch die zerbrechlichen Gegenstände zu mogeln, doch so richtig gelingen will es dann doch nicht.
Das Geschirr, welches man dabei zerschlägt muss man danach in mühevoller Kleinarbeit wieder zusammen setzen oder man schmeisst es einfach mal irgendwo in eine Ecke, bis zum nächsten Vorfall und der Berg wächst und wächst und wächst.

Und egal ob es sich jetzt um ein Klein-, ein Kindergarten-, Schulkind oder um einen Teenager handelt. Die Frage bleibt stets die Gleiche:

«Wie um Himmelswillen komm ich mit meinem Kind durch dieses Porzellangeschäft, diese Situationen, ohne dass wir jedes Mal einen grossen Scherbenhaufen hinterlassen?»
Es geht nämlich darum zu verstehen, warum Kinder und Teenager so sind wie sie sind, warum sie sich in den verschiedenen Situationen so benehmen, wie sie es eben ganz oft tun und wie wir gemeinsam Lösungen suchen können, damit ein friedlicheres und ruhigeres Miteinander möglich ist.
Kinder benehmen sich nämlich nicht EXTRA daneben weil es ihnen besonders Spass macht uns zu ärgern. Nein, sie tun das, weil es im Hinblick auf ihre Entwicklung genau «richtig» ist und eigentlich genau so sein muss. Auch wenn sich das vielleicht jetzt etwas zynisch anhört und wir das in den entsprechenden Momenten meistens nicht wirklich nachvollziehen und verstehen können.

Kinder haben einen völlig anderen Blickwinkel auf die Welt in der sie sich bewegen

Das heisst, sie setzen ganz andere Prioritäten als wir Erwachsenen.
Gerade beim Thema «Aufräumen» wird einem das fast jeden Tag von Neuem bewusst…
Was wir als Chaos und Unordnung bezeichnen, finden die Kids gemütlich und einladend. Aufräumen finden sie meistens sehr überflüssig und wenn sie es dann mal tun, dann räumen sie drei kleine Dinge in einen Korb und VOILÀ, das war’s dann auch schon.
Prima aufgeräumt…

Kinder und Teenies orientieren sich im im «Hier und Jetzt», leben im Moment und sie schenken allen Informationen Beachtung, die ihnen gerade geboten werden. Auch dann, wenn wir ihnen sagen, dass sie sich nur auf etwas Bestimmtes konzentrieren sollen. Deshalb sind Situationen, in denen es viel Ablenkung, viel zu sehen, zu hören und zu bestaunen gibt, für Kinder (und auch für uns Eltern) besonders herausfordernd.
Kinder bemerken auch ganz oft viele Details, die uns Erwachsenen mit unserer selektiven Wahrnehmung gar nicht auffällt.
Uns Erwachsenen fällt es viel leichter, die Aufmerksamkeit zu bündeln und wir können uns deshalb viel länger mit einer Sache beschäftigen, an einer Diskussion teilnehmen, zuhören.
Kinder ermüden auch viel schneller und fangen deshalb oft auch schon nach 5 Minuten an zu quengeln oder Blödsinn zu machen, während dem wir mit einer Freundin irgendwo am quatschen sind. Diese 5 Minuten fühlen sich für Kinder etwa 3 Mal länger an, als für uns Erwachsene, also wie 15 Minuten.

Ganz besonders anspruchsvoll ist es auch dann, wenn Kinder nicht recht wissen, was sie erwartet, wie der Ablauf ist und was wir denn von ihnen möchten.
Vorausplanen ist deshalb vorgängig immer ganz wichtig und hilfreich. Wenn wir ihnen vorher rasch erklären, wo wir hingehen, mit wem, wie lange, was wir dort tun und mit den Kindern vielleicht sogar ein paar Abmachungen treffen, dann klappt es meistens viel, viel besser.
Auch Rituale helfen Kindern, sich in Situationen besser zurecht zu finden. Ein kleiner «Abschiedsgruss», ein Lied, ein Spiel, ein gleicher Anfang oder Schluss, ein Plüschtier/Maskottchen usw., machen neue, ungewohnte oder veränderte Situationen leichter.
Bei Teenager hilft das Motto «Weniger ist mehr» ganz gut. Wir müssen sie nicht ständig ermahnen, zu texten, sie belehren, moralisieren und predigen.
Viele Erfahrungen dürfen und sollen sie selber machen dürfen, deshalb ist es wichtig, dass wir versuchen nur die Anweisungen zu geben, die wirklich wichtig sind und sie nicht ständig zu zulabern.
Egal wo auf der Welt man sich befindet, egal in welchen Mamagruppen, Elternkursen, Foren oder Blogs man dabei ist oder mitliest: Überall zeigen Kinder und Jugendliche das gleiche Verhalten im gleichen Alter.

Wenn ihnen etwas nicht passt, dann schreien, brüllen, motzen, weinen, schlagen sie, knallen Türen und erklären lautstark wie blöd wir Eltern doch sind und wie sehr sie uns doch hassen.

DIESES VERHALTEN IST VÖLLIG NORMAL, WENN AUCH NERVIG…

Sich das immer wieder bewusst zu machen, es vielleicht auch mantra-mässig zu wiederholen, kann helfen, nicht immer alles so persönlich zu nehmen.

Ich finde es wichtig, dass wir selber immer wieder einen Schritt zurück stehen und dass wir versuchen, die Welt immer wieder mit Kinderaugen zu sehen.
Das heisst, einfach mal auf den Boden sitzen und schauen, wie die Welt von unten aussieht. Unsere strenge Erwachsenen-Brille mit der bunten Kinder-Brille tauschen und uns wieder ein bisschen mehr Zeit nehmen, für die Fantasie und den Humor. Das heisst aber auch, dass wir uns inspirieren lassen von den kindlichen Vorstellungen und Ideen, uns leiten lassen und merken, dass es ganz oft sehr viel einfacher gehen, wenn wir den Alltag etwas entspannter angehen.


Viele Erwachsene sind so in ihrem «Erziehungsalltag» gefangen und festgefahren, dass sie manchmal vergessen, dass der Alltag mit Kindern doch vor allem Spass machen sollte. Ganz oft, sind wir sehr ernst, wenig entspannt und haben vergessen, wie sich das «Kindliche» eigentlich anfühlt.
Diesen «kindlichen Blick» wieder etwas in den Familienalltag zurückzuholen und einzubetten kann Wunder bewirken.
Bevor jetzt alle «Aber-Sager» gleich die Hände in die Höhe strecken:
Ja, man kann nicht immer nur den Clown spielen, sich stundenlang für alles Zeit nehmen, singen, tanzen und lustig sein. Es gibt manchmal Situationen, in denen man Verpflichtungen hat die man einfach wahrnehmen muss, es gibt durchaus immer mal wieder Zeitdruck oder Momente, in denen man selber nicht so gut drauf ist.
ABER:
Das ist dennoch meistens nicht die Schuld der Kids. Wir dürfen sie nicht dafür verantwortlich machen und sie auch nicht deswegen ständig anmotzen.
Auch hier kann es hilfreich sein, das ganze mal mit der «Kinder-Brille» zu betrachten:
Warum geht das am Morgen nicht vorwärts?
Was steht denn im Weg? Ablenkung, Müdigkeit, keine klaren Strukturen oder Rituale?
Könnte man am Ablauf etwas ändern?
Braucht es vielleicht einen Wochenplan, damit das Kind sieht, an welchen Tagen das Programm etwas dicht gedrängt ist?
Braucht es ein bisschen fantasievolle Unterstützung und Motivation?

Und hat man sich diese «Ich-schau-die-Welt-immer-mal-wieder-mit-Kinderaugen-an» Brille dann einmal wirklich aufgesetzt und sich etwas daran gewöhnt und dann:

Dann kommt die Pubertät…

Und die Brille muss DRINGEND ausgewechselt werden, denn im Teeniealter braucht es ein bisschen dickere Gläser und eine stärkere Korrektur… ;-)
*HilfeJaichsprecheausErfahrung
Aber auch hier ist es ganz wichtig, dass man eben diesen Blick nicht verliert. Jugendliche ticken ganz anders als wir Erwachsenen, auch wenn es manchmal auf den ersten Blick nicht so scheint. Wir sind ihnen nämlich viel ähnlicher, als unsere Eltern uns damals, in unseren Jugendjahren, waren. Und genau das macht es für unsere Teenies nicht unbedingt einfacher.

Wie sollen sie sich abgrenzen, Anders sein, wenn die Erwachsenen ihnen so ähnlich sind?

Ich glaube deshalb ist es ganz besonders wichtig, dass wenn sie im Teeniealter sind, wir die Welt immer mal wieder mit IHREN Augen betrachten und uns auch mal wieder an unsere Teenie-Zeit zurück erinnern. Wenn wir nämlich ehrlich sind, waren wir selber oft noch viiiiieeel schlimmer und haben Dinge getan, die wir unseren Kinderlein nicht unbedingt erzählen würden…
Wir dürfen auch nicht vergessen, dass das «Teenie-Sein» heute viele Facetten mehr beinhaltet, viel mehr verschiedene Ebenen hat. Bei uns gab’s damals einfach das Offline-Leben und das war schon anstrengend und frustrierend genug. Bei unseren Kids kommt noch das Online-Leben und die ganze «Ich-muss-ständig-meine-Flämmchen-retten» Sache dazu. Diese Welt, die uns selber oft sehr fremd ist, weil wir nicht in ihr aufgewachsen sind.
Deshalb müssen wir den Blick dafür schärfen und uns damit beschäftigen. Nur so können wir einigermassen verstehen und nachvollziehen, was unsere Teenies beschäftigt, womit sie sich täglich herum schlagen müssen und wie wir sie auf diesem anspruchsvollen Weg begleiten können.

Ich persönlich finde die «Teenie-Brille» vielschichtiger, verschwommener, unscharfer, schwerer zu tragen und ich vergesse sie viel öfters anzuziehen, als damals die «Kinder-Brille» und genau das, wird mir dann im Familienalltag manchmal zum Verhängnis.
Also denkt daran:
Tragt die Brillen, schärft euren Blick und putzt ab und zu die Gläser.

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