Der Regenbogentorten-Adventskalender-Zuckerherzen Komplex

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Manchmal, wenn man sich so in den virtuellen Wohnzimmern, Küchen, Backstuben, Nähateliers herumtreibt, könnte man glatt an einem Herzinfarkt sterben.
25 Guetzlisorten. Zusammen mit den Kids gebacken natürlich. Und hinter dem Posting auf Facebook, Instagram oder Pinterest grinst noch ein Smiley.
Ein Smiley, Leute! Ein Smiley!
Nach 25 Guetzlisorten backen, müsste ich wohl das Symbol eines Nervenzusammenbruchs posten.

Man sieht 4 stöckige Regenbogen-Geburtstagstorten. Perfekt aufgeschnitten, so dass man alle sechs Farben sieht. Dazu wieder dieser elende Grinse-Smiley und der Text:
„Uff. Geschafft. Nach 5 Stunden. Hat Spass gemacht.“

Da gibt es 3 Meter lange und 5 Meter grosse von handbemalte Adventskalender zu bewundern, dazu der Smiley und man liest folgendes:
„So, den 4. Adventskalender für unsere Kleinste wäre dann auch fertig!“
Und das schon Mitte Oktober.

Da findet man selbst gemachte Adventskränze mit Biozweigen, selbst gesammelt im Wald. Die 4 Kerzen, natürlich auch selber gezogen im Freizeithaus, mit den 3 Kindern und den 4 Nachbarskindern und auch die Schleifen dazu: natürlich selbst genäht. ZACK!
Man klickt sich durch vegane, 3-Gang Mittagsmenüs mit Überschriften:
„Na ja, wenigstens hat der Kleine ein paar Kartoffeln gegessen“.

Man klickt sich durch selber gebastelte Memorys, durch Windeltorten, eingefärbte Zuckerherzen, durch aufwändige Apérohäppchen und 100 Kilo selbst gemachte Konfitüre und Lebkuchengebäck.

Der Wettkampf ist eröffnet!

Nicht dass ich jetzt etwas gegen backende, engagierte, fröhlich kochende, kerzenziehende, bastelnde Mamis und Papis hätte.
Nein! Ganz im Gegenteil.
Alles super, alles toll und allen, die das regelmässig und mit grosser Begeisterung tun, gehört meine grösste Bewunderung.

Es ist die Menge.

Die Menge an Bildern, die mich nach Luft schnappen lässt und mir immer so ein bisschen suggeriert:
„Hey! Alle andern basteln sich da um Kopf und Kragen, rühren in Kochtöpfen, verschönern, verzieren, entwickeln, bekränzen, bemalen, sammeln und DU?
Voll der Looser.
Kein Regenbogenkuchen, kein Natur-Adventskranz, kein selbst gemachtes Brot.“

Es ist auch die Menge an Fragen, die mir manchmal fast ein schlechtes Gewissen macht:

„Welche Becher kauft ihr für die Schrumpf-Dings Girlanden?“

„Welches Mehl nehmt ihr für die Vollkornguetzli?“

„Wie lange brauchen die Muffins?“

„Wie bringt man den Kleber von den Seifenspendern?“

„Wie macht ihr den Lebkuchen fürs Lebkuchenhaus?“

„Macht ihr auch für jedes Kind einen eigenen MOPPE Kalender?“

„Wie viele Kerzen habt ihr mit euren Kindern gemacht?“

„Was denkt ihr, reichen wohl 35 selbst gemachte Mini Brötchen für die Geburtstagsfeier in der Spielgruppe?“
Hilfe!

Früher war das irgend wie einfacher.
Da sah man alle diese „Super-duper-Back-Koch-Bastel-Dings-Gegenstände“ vielleicht einmal im Monat.
Heute überrollen sie einen stündlich.
Immer und überall.

Ich denke dann immer so:
Wow!
Wunderbar.
Schon wieder so ein total vorbildlicher Kuchen, eine wunderschöne selbst gemachte Schnurlampe, eine Weihnachtskugel mit Fussabdruck des drei Monate alten Babys, ein geflochtener Kerzenständer.

Das mach ich dann auch mal.
Wahrscheinlich.
Irgendwann.

Eher nicht.

18 Kommentare

  1. uuuiiii ja, und weil ich das alles nicht mache bin ich jetzt eine schlechtere Mama. Punkt. :-)

  2. Betty Blue am

    Herrlich und Herzhaft gelacht, ich glaub einfach nicht mehr alles was ich seh. Mein Adventskalender ist ein dieses Jahr ein gekaufter von Lego Star Wars… macht das Kind glücklich und mich entspannter. Bei einem Vollzeitjob und dem Haushalt sind derartige Bastelaktionen eben eher eingeschränkt möglich.. dennoch ich denk bis Weihnachten haben wir KEKS gebacken und Geschenke für die Familie produziert. Dieses Jahr neu, die Erwachsenen werden untereinander voraussichtlich wichteln. Macht das Fest auch wieder entspannter <3

  3. desi0912 am

    Danke Frau Elternplanet :-) Jetzt kann ich beruhigt einen Kaffee trinken und danach die selbstgekauften Adventskalender für die Kinder im Keller verstecken (bis zum 1.12.)

  4. hahaha super amüsante text und so viel wahres…ich der typ „lass mal die anderen erfinden und ich bastle nach“ ;-)

  5. TheSwissMiss am

    Ja und es hört ja nicht auf bei den Müttern – schlimm finde ich wenn gerade zu Weihnachten die Kids quasi gezwungen werden – SUPER schöne und perfekte Geschenke für die ganze Verwandtschaft – sozusagen in Akkordarbeit herzustellen. Das ist doch auch schon irgendwie krank und hat nichts mehr mit freudigem Schenken zu tun.

  6. Du sprichst mir sowas von aus dem herzen. Ich fühle mich dann immer bitzeli wie der letzte schiefe pflock im bastel-back-näh-ichschaffeallesundsehdabeinochgutaus-dschungel…

  7. Rosmarie Benz am

    du sprichst mir aus der Seele. Irgendwie nervt es auch, dass alles immer gepostet werden muss, was man mal gebastelt hat

  8. Es geht doch alles nur darum etwas Selbstbestätigung zu bekommen, wie man sie früher im Job bekam.
    Die einen basteln, backen, schreiben oder nähen oder die anderen gehen arbeiten um mal gehört zu bekommen, dass man etwas gut macht. Die Kinder und Ehemänner loben die Mütter ja nur wenig. Von dem her ist es doch nur halb so wild, so lange wie man nicht meint man MÜSSE alles nachmachen was die andren so tun.

  9. Jeanine Jay am

    bei den zehntausen mitgliedern die in den betreffenden gruppen drin sind, ist die bilderflut auch kein wunder ;-) darum, raussuchen was eim gefällt und vom rest nicht beindrucken lassen.

  10. Da sage ich nur – das machen, wozu man Lust (und Zeit) hat. Und das andere lassen. Finde es nur nervig, wenn beim im Oktober fertig gemachte Adventskalender steht „endlich“….. Unserer war dieses Mal am 1. Dezember um 2.30 Uhr fertig. Endlich. :-)

  11. Jesjessica Della Lucia am

    Bravo, super toller mir aus dem herzenssprechender Text. Musste es gleich meinem Mann vorlesen und teilen, einfach wunderbar!

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