Das „Verkäufer-Gen“

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Habt ihr auch schon um 23:30 in eine dieser unsäglichen Info-Commercial Sendungen reingezappt?
Diese Dauerwerbe-Sendungen, in denen schlecht synchronisierte Frauen und Männer mit schrecklichen Frisuren euch irgend einen totalen Schwachsinn andrehen wollten?
Butterfly-Massage Geräte für den Schwabbelbauch
„Pickel-weg-dein-Gesicht-wird-glatt-wie-ein-Babypopo“ Créme
Frisuren-Zopfhalter
Haarweg-Ruck-Zuck-Rasierer
Oder diese unglaublichen Bratpfannen. Da kann man den halben Haushalt drin verbrennen und sie dann, schwupps, mit einem Papiertuch einfach auswischen. *sehrpraktisch

Im ersten Moment schwankt man beim Zuschauen immer so ein bisschen zwischen Entsetzen, Kopfschütteln und Grinsen. Doch je länger man in dieser Endlosschleife drin steckt umso faszinierender ist das Ganze. Nach 10 Minuten ertappt man sich nämlich meistens dabei, dass man denkt:
„Hmm, wenn das wirklich funktioniert, dann ist das ja super toll, so etwas müsste ich eigentlich auch fast besitzen.“
Diese Spots sind zwar total überdreht, total doof aber trotzdem so unglaublich überzeugend gemacht. Die Schauspieler und Moderatoren welche sie präsentieren, machen das mit so einem Enthusiasmus, einer unglaublichen Motivation, der man sich fast nicht entziehen kann.
Genau das gleiche Talent haben die „Marktschreier“ an den zahlreichen Ausstellungen wie BEA oder OLMA. Das sind die, welche vor den Hallen ihre Karotten-schäl- oder Fensterputz- und Fleck-weg Wunder präsentieren.

Und warum erzähl ich euch das?
Weil wir Eltern uns davon eine kleine Scheibe abschneiden können.
Hä?
Ok, ich erklär’s euch:

Zimmer aufräumen, Schuhe wegräumen, Hausaufgaben machen, ein Ämtli erledigen, die Zähne putzen, vom Spielen rein kommen, ins Bett gehen.
Findet IHR das toll?
Eben.
Das sind alles Dinge, die total doof sind und die man den Kids immer etwas schmackhaft machen muss.
Deshalb müssen wir Eltern manchmal auch so ein bisschen wie diese „Verkäufer“ sein.
Wir müssen unseren Kids immer mal wieder Dinge „andrehen“, die eigentlich total doof sind, die sie aber trotzdem machen müssen.
Und da sind wir gefordert:

Es braucht Fantasie und Humor und eben auch dieses „Verkäufer-Gen“.

Es spielt nämlich durchaus eine Rolle WIE wir ins chaotische Kinderzimmer  rein gehen:
Verdrehen wir die Augen, halten die Hände an den Kopf und rufen laut und mit dramatischem Gesichtsausdruck: „Oh mein Gott. Das ist aber ein Chaos hier. Das dauert ja Stunden, das wieder aufzuräumen. Jetzt musst du aber anfangen, sonst wirst du ja niiieee fertig!“  dann ist sonnenklar, dass bei den Kindern nicht die geringste Begeisterung aufkommt. Im Gegenteil, sie werden dermassen frustriert sein, dass sie schreiend weglaufen oder sich auf den Boden schmeissen.
Wenn wir das ein bisschen geschickter anpacken, eben genau so, wie die lustigen TV Verkäufer oder die lustigen „Marktschreier“, dann ist die Chance durchaus gegeben, dass sie kooperativ sind.
Oder wenigstens: kooperativER :-)

Versucht mit einer lustigen Stimme zu sprechen, ihr könnt einen Sportreporter nachahmen, der die Kinder zum Einräumen der Legos anfeuert. Redet wie ein Löwe, ein Clown, wie ein Pilot oder wie ein Mäuschen.
Oder ihr spielt Piraten und schnappt euch alle Schätze die am Boden liegen, möglichst schnell damit ihr alle in Sicherheit gebracht habt, bevor die anderen Piraten zurück kommen.
Lasst Musik laufen, macht ein Wettrennen, zaubert, gebt klare Anweisungen wer was wohin versorgen muss.
Das funktioniert nicht nur beim Aufräumen, sondern auch in ganz vielen anderen Situationen. Überlegt euch, WAS eure Kinder den gerne haben und versucht diese Vorlieben miteinzubeziehen. Das kann die Lieblingscomicfigur sein, eine Figur aus dem Lieblingsbuch, das kann ein toller Song sein, ein Plüschtier, ein selbst erfundenes Gedicht oder eine Geschichte. Macht Geräuschen, nehmt eine Glocke zu Hilfe, damit sie zum Beispiel schneller zum Tisch kommen.
Lasst euch einfach immer mal wieder etwas einfallen und nehmt die „Verkäufer-Stimme“ hervor. Manchmal muss man diese Stimme ein bisschen suchen, weil sie vom vielen schimpfen und drohen etwas verloren gegangen ist…
Tut so, als würdet ihr das, was eure Kinderlein jetzt dann grad tun müssen, selber toll finden. Es klappt nämlich 100 Mal besser, als wenn man lustlos, ohne Motivation und Fantasie einen Auftrag gibt.

Natürlich hat man nicht immer und jederzeit den Nerv, sich wie ein Zauberer oder ein Zirkusdirektor zu benehmen. Manchmal ist man einfach nur genervt, hat keine Lust auf diese Spielchen und man möchte einfach nur, dass die Kinder _____________________ (hier ein beliebiges Schimpf- oder Fluchwort einsetzen) vorwärts machen und die Anweisungen befolgen.
Und dann fängt man wieder an zu schimpfen und zu drohen und zählt bis 3 und manchmal brüllt man auch und die Stimmung ist etwa so gut, wie das verschimmelte Znünibrot, welches man am morgen aus der Schultasche des Juniors gefischt hat.

Und deshalb hier nochmals der Tipp:
Zeigt euren Kindern immer mal wieder, WAS sie schon geschafft haben und nicht, was sie alles noch tun müssen.
Motiviert sie und aktiviert immer mal wieder euer Verkäufer-Gen. Es wird viel besser funktionieren, als das ewige Geschimpfe und Gedrohe.

Gute Geschäfte, wünsch ich euch. :-)

 

  • Brigitte Deganutti-Haumüller

    Oh ja das kennen wir. wir haben angefangen am morgen das Anzieproblem (Kindergartenkind 6 1/2 Jahre) in den Griff zu bekommen… Zur Zeit machen wir Olmypiade. Angezogen und Zähne geputzt in 10 min = Gold, in 15 min = Silber, 20 min. = Bronze und alles was länger dauert = nichts. Damit die Zähne aber auch wirklich gut und sauber geputzt werden ist für dieses in der vorgegebene Zeit ein Minimum vom 3 min.fest eingeplant! Unser Sohn bekommt aber nicht etwas Materielles dafür, aber schon alleine der Gedanke er hat GOLD oder Silber gewonnen reicht ihm völlig aus. Wenn Olympia vorbei ist kommst ein neues Thema…. vielleicht den Fasnachtsumzug nicht verpassen, Wettrennen mit dem Osterhasen oder wieder mal ein Wettrennen gegen seine kleine Schwester (3 1/2 J.) welche dann aber Mamis Hilfe hat.