Brief an die Eltern

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Liebe Mama
Lieber Papa

Ich würde euch gerne mal ein paar Dinge erklären. Wisst ihr, wenn man klein ist, dann tut man so einige Dinge, die ihr Erwachsenen einfach nicht so richtig verstehen könnt.
Ich liebe es, stundenlang die gleichen Kassetten zu hören und es wird mir auch nicht langweilig dabei. Ich will auch immer wieder die gleichen Geschichten von euch erzählt bekommen. Es beruhigt mich, wenn ich weiss wie die Geschichte ausgeht, wenn mir beim Umblättern alles vertraut und bekannt vorkommt.
Ich kann auch stundenlang irgendwo herum trödeln, denn ich muss doch so viele spannende Dinge beobachten. Ich muss singen und mit meinen Tieren sprechen, ich sehe überall Gesichter, finde tolle Gegenstände und muss mir für alles etwas mehr Zeit lassen, damit ich auch ja nichts verpasse.
Das ist übrigens kein Chaos in meinem Zimmer. Ich habe doch extra aufgeräumt, weil ihr es gesagt habt. Das sind doch meine Piratenschätze, dort links sind doch Zaubersachen von meinen Feen und dort auf dem Pult habe ich gebastelt und bin einfach noch nicht ganz fertig geworden. Ich mache nicht extra ein Durcheinander in meinem Schrank, ich kann die Pullis einfach nicht so heraus nehmen, dass kein Chaos entsteht. Und ein Chaos stört mich ja eigentlich auch nicht besonders.

Ich drücke gerne meine Gesicht an die kalten Fensterscheiben, nicht weil ich die Scheiben verschmieren und euch ärgern will, sondern weil sich das so schön kalt anfühlt. Ich habe den Sirup nicht absichtlich umgeschüttet, ich hatte es einfach so eilig, weil ich doch meine Burg fertig bauen wollte.
Wenn ich manchmal nicht auf euch höre, dann nicht, weil ich ungehorsam bin, sondern weil ich mich in meiner eigenen Welt befinde. Wenn ich spiele, singe, tanze, dann höre ich nichts um mich herum. Brüllt nicht vom Wohnzimmer ins Kinderzimmer, denn das höre ich nicht, weil ich gerade in meiner Fantasiewelt stecke. Kommt lieber zu mir hin, sprecht mich mit Namen an und sagt was ihr gerne von mir möchtet. Wundert euch nicht, wenn ich mal „Nein“ sage, denn oft fragt ihr mich, ob ich dies oder jenes tun will. Wenn ihr mir Fragen stellt, dann antworte ich halt logischerweise oft mit „Nein“. Manchmal redet ihr auch einfach viel zu viel. Wenn ihr so viel redet, dann kann ich gar nicht mehr alles aufnehmen.
Ich weine manchmal auch wenn ihr weg geht. Macht euch aber keine Sorgen, das ist normal. Schliesslich hab ich euch lieb und bin gerne mit euch zusammen. Verabschiedet euch lieber nicht stundenlang von mir, sonst fällt es mir nur noch schwerer. Wenn ihr nämlich dann weg seid, beruhige ich mich meistens ganz schnell und alles ist wieder gut.
Ich räume auch gerne Dinge aus und bin laut. Wenn es euch stört, dann gebt mir einfach etwas, dass ich ausräumen DARF und zum quietschen schickt ihr mich einfach in mein Zimmer, dann störe ich niemanden.
Ich staune über so viele Dinge, muss alles anfassen, einstecken, sammeln. Steine werden zu Diamanten, Blätter zu Feenflügeln, die Spaghetti im Teller sehen aus wie Haare, die muss ich mir manchmal auf den Kopf legen.
Zähne putzen finde ich übrigens doof. Und aufräumen auch, genau so wie Hände waschen, Teller wegräumen, mich anziehen, ins Bett gehen. Wenn ihr mich zum Lachen bringt, wenn ihr zaubert, mit einer lustigen Stimme sprecht, dann fällt es mir aber ein bisschen leichter. Seid nicht immer so ernst. Mit ein bisschen Fantasie und Humor geht das alles viel einfacher und ich bin viel motivierter mitzuhelfen. Lasst mich viele Dinge selber tun, helft mir einfach ein wenig, wenn ich es noch nicht so gut kann, aber erledigt nicht immer alles für mich.
Sagt nicht einfach nur „Nein“, denn dann werde ich wütend und werfe mich manchmal auch auf den Boden. Bietet mir eine Alternative an, dann kann ich auswählen und bin zufrieden.
Setzt euch doch immer mal wieder zu mir auf den Boden, dann seht ihr wie KLEIN ich eigentlich bin und wie GROSS die Welt um mich herum ist.

Denkt ihr wieder ein bisschen daran?
Ich hab euch lieb.

 

Brief zum ausdrucken

  • Ah ok, alles klar. :-)

  • Rowena Bulfone

    Das ist mir klar, meine Antwort war auch für mopoli gedacht, die die hier geschilderten Eindrücke auf ein 8 Monate Altes Kind umlegt.

  • Hallo Rowena
    Nein, der Brief ist nicht aus der Sicht eines 8-Monate alten Kindes geschrieben. Er ist aus der Sicht eines Kleinkindes.
    Das Alter spielt aber gar nicht so eine Rolle. Viel mehr geht es darum, dass wir uns über viele Dinge, die Kinder tun ärgern, weil wir manchmal den „kindlichen“ Blickwinkel etwas verloren haben. Deshalb hilft es, wenn wir uns immer mal wieder in die Kinder hineinversetzen und die Welt mit „ihren Augen“ anschauen. Dann werden uns viele Dinge bewusst und vieles relativiert sich. Dinge die uns vorher geärgert haben können wir vielleicht dann etwas besser verstehen.

  • Rowena Bulfone

    Na der Brief ist wohl nicht aus der Sicht eines Achtmonate Alten Kindes geschrieben (die Singen und Tanzen noch selten und ich kenne auch keinen der sie mal Kinderzimmer aufräumen schickt) aber ab einem gewissen Alter ist ein Abschied auf Zeit wirklich kein Problem mehr.

  • Doni

    Ich denke das Balu eher meinte, dem Kind zu sagen: Ich komme nach dem Mittagssschlaf oder Mittagessen wieder. Stundenangaben verstehen die Kleinen nicht – aber sie kennen die (eigentlich) festen Rituale in der Kita.

  • mopoli

    Ja klar ich sag meiner 8 monaten alten Tochter,ich komme in einer stunde wieder,zum glück versteht sie mich dann!!!!

  • 39sandy39

    Ein toller Artikel, man sollte sich das wirklich sehr zu Herzen nehmen.

  • Marion Heinze

    Das sehe ich nicht so. Wir machen das gerade jeden Tag mit unserem Großen durch. Mir blutet das Mutterherz dabei, aber ich weis das er im Moment in einer Testphase ist was uns betrifft. Was nicht zuletzt am 2. Nachwuchs liegt. Ich denke das es keinem Kind schadet zu wissen das der Abschied nur für ein paar Stunden ist. Sollte ich es meinem Kind überlassen wann ich gehe, würde ich wahrscheinlich nie gehen.

  • Balu

    Ich bin geneigt zu sagen „Quatsch“. Wenn es nach den Kindern ginge, wären immer alle zusammen zuhause, denn das ist das Tollste. Wenn man sich ganz normal verabschiedet und sagt, wann man wiederkommt, dann klappt das auch. Dabei wichtig: Zeitangaben machen, die Kinder auch verstehen können. Was man natürlich nicht machen sollte, ist einfach verschwinden. Das ist niemals gut.

  • Arne Müller

    Auch das ist immer sehr subjektiv… ich erlebe das zB komplett so, wie im Artikel beschrieben! Beim Veranschieden im der Krippe kullert ganz kurz eine Träne, ich gehe sofort raus und sehe noch durchs Fenster in der Tür, dass ich schon wieder vergessen bin, weil er schon mit ganz anderen Dingen beschäftigt ist.

  • Diana Osterhage

    Ein schöner Artikel, bis auf den Satz mit dem Verabschieden…. Kinder sagen wann sie bereit sind die Eltern gehen zu lassen. Eine Trennung gegen den Willen des Kindes ist eine schwere Traumatisierung, die leider täglich in unseren Kinderbetreuungseinrichtungen stattfinden.

  • Jörg-Michael Müller

    Schön, trifft es auf den Punkt!