Snapchat ist down – Ein Drama in 5 Akten

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1. Akt

Es ist 21:15.
In den europäischen Kinder- und Teeniezimmern ist alles wie immer. Die Kids liegen auf dem Bett, sitzen am Pult und tun so, als würden sie noch ein bisschen für die Schule lernen…
Die Eltern sitzen gemütlich auf den Sofas, denken sich:
„Oh wie schööön, alles ruhig. Die Kinderlein sind im Zimmer und lernen noch ein bisschen für die Schule und bald, bald schlafen alle friedlich und ruhig.“
Nichts deutet auf das Drama hin, welches in einigen Minuten seinen Lauf nehmen wird.

Es ist 21:35.
Immer noch alles ruhig.
„Das muss eine wirklich schwierige, grosse Prüfung sein, für die das Kindlein oben angestrengt und leise lernt“, denkt sich die Elternschaft. Deshalb geht man auch nicht in die Zimmer rein, man will ja schliesslich den Lern-Flow nicht stören.
Niemand ahnt, dass in ein paar Minuten die europäische Jugend in eine kollektive Fast-Ohnmacht versinken wird.

2. Akt

Es ist 21:38
Die Türen der Kinder- und Teeniezimmer fliegen auf. Egal ob in München, Paris, Basel, Münsingen, Dortmund, im Berner Oberland, in Bayern, Belgien oder gar in Kurdistan:
Überall stürzen die Teenies laut schimpfend ins elterliche Wohnzimmer und brüllen:
„DAS W-Lan geht nicht!!! Waaarum geht das W-Lan nicht! Was ist das für ein Scheiss W-Lan? Was ist denn loooos?“
Lautes „Teenie-Warum-geht-das-Wlan-nicht-mehr“-Gebrüll lässt abgebrühte Eltern schon lange nicht mehr aus dem Konzept bringen.
Also ruhig atmen, nett lächeln und einfach genau DAS sagen, was immer gut ankommt:
„Also bei mir geht’s!“

Noch bevor die Eltern ihren beliebten und bekannten Satz „Was ist denn genau das Problem?“ in die heimischen Wohnzimmer rufen können, holen die Teenies tief Luft.
Und so brüllt es um 21:39 aus fast allen europäischen Teenie-Kehlen:

„ICH KANN KEINE SNAPS MEHR VERSCHICKEN!“

Wer sich mit der Teenie-Materie gar nicht oder noch nicht sonderlich gut auskennt, der wird sich der Dramatik dieses einen Satzes nicht bewusst sein.
Wer aber Teenies hat, der weiss was das bedeutet.

1. Das Kind hat überhaupt gar keine Hausaufgaben gemacht.
2. Wie soll das Kind sich denn jetzt mit seinen Freunden austauschen?
3. Wie soll es ihnen denn jetzt gute Nacht sagen?
4. Wie soll es ihnen die immer gleichen Bilder (die, worauf man jeweils nur den halben Körper und Kopf sieht…) schicken?

5. Und WAS UM HIMMELSWILLEN PASSIERT MIT DEN FLÄMMCHEN?!

Falls ihr jetzt keine Ahnung habt, wovon ich hier rede, erkläre ich euch die Sache ganz kurz:
Snapchat ist der beliebteste Messenger Dienst der „ab 13-Jährigen“. Ähnlich wie WhatsApp, nur cooler. Und mit Hundeschnauze und ohne Elternbeteiligung.
Also. Snapchat möchte natürlich seine Schäfchen dazu ermuntern, regelmässig ganz viele Bilder oder Videos – sogenannte Snaps – zu verschicken.
Deshalb wurde vor einiger Zeit der Snap-Streak eingeführt. Je mehr Snaps man mit einer Person in Serie austauscht, umso «wertvoller» ist diese Beziehung.
Mehr Snaps in Serie heisst: Hinter dem Namen der jeweiligen Person taucht ein Flammen-Emoji auf, das erst erlischt, wenn man während 24 Stunden nicht zusammen «gesnappt» hat. Je höher die Zahl hinter der Flamme, umso länger dauert der Snap-Streak. Die Freundschaft ist also nicht 0815, sondern ganz besonders wichtig.
Oder so.

3. Akt

Die Katastrophe ist perfekt.
Denn Google bestätigt, was die Eltern schon lange wissen. Nicht das „Scheiss-Wlan“ ist Schuld.
Nein. Es ist viel, viel schlimmer:

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SNAPCHAT IST DOWN!

Tot. Fertig. Schluss. Und das in fast ganz Europa.

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Damit fällt nicht nur der allabendliche Unterhaltungskanal unseres Nachwuchses weg, nein – auch die unzähligen Freundschaften sind in Gefahr.
Denn der „Flämmchen-Austausch“ hat besonders am Abend Hochkonjunktur. Dann nämlich hat man dafür Zeit und die Eltern denken ja eh, man mache still und leise Hausaufgaben…
Wenn Snapchat aber nicht mehr geht (und niemand weiss wie lange), dann könnte die ganze europäische Jugend alle ihre Freunde, ähm Flämmchen verlieren.
Stellt euch DAS einmal vor.
Niemand hätte ein einziges Flämmchen mehr. Das ganze „Gesnappe“ von mehreren Monaten wären „im Arsch, Alter!“

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Auszüge aus den Krisen-Gesprächen

4. Akt

Auf den verschiedenen „Störungsseiten“, die jeweils über Probleme von WhatsApp, Facebook, Instagram, Snapchat und Co. berichten, tummeln sich plötzlich Tausende von verzweifelten Kids und Teenies.
Sie können nicht fassen, was hier gerade passiert.
Der Nervfaktor steigt ins Unermessliche.

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Doch die Kids sind erfinderisch. Gibt’s kein Snapchat mehr, plaudern sie halt über die Kommentarfunktion der jeweiligen Seiten miteinander, spenden sich Trost, machen Witzchen, suchen Rat und geben Hilfestellungen wie:

„Ihr müsst die App deinstallieren und dann wieder installieren, dann geht es wieder!“
„Ihr dürft jaaaaa nicht die App deinstallieren und dann wieder installieren, dann geht es nämlich überhaupt nicht mehr und ihr könnt euch nicht mehr einloggen!“

Die Seite gleicht einem virtuellen Dorfplatz, kurz vor der Hexenverbrennung.
Die Hexe, ist natürlich Snapchat und die wird beschimpft und bedroht.
Alles ist natürlich ganz „Teenie-Like“  gaaanz dramatisch und doch kann man sich ein Kichern nicht verkneifen.

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Der kollektiven Ohnmacht nahe, trudeln immer mehr Halbwüchsige auf den Hilfeseiten ein. Ganz viele loggen sich seit Monaten auch mal wieder in ihre Twitter Accounts ein oder nutzen ganz oldschoolmässig WhatsApp.

5. Akt

Die Teenies schwanken zwischen Hyperventilation, Ungläubigkeit, Angst und blankem Entsetzen – die Eltern freuen sich, dass sie ihre Kinderschar am Abend mal wieder im Wohnzimmer sehen.
Alles Bitten, Betteln, Fluchen, Schimpfen, Drohen bringt nix. Die „Snapchat-Verantwortlichen“ bringen ihre Server nicht mehr rechtzeitig zum Laufen.
Und es kommt, was kommen muss:

Die Kids müssen ohne „Best-Friends Snaps“ ins Bett.

Und was vielleicht noch schlimmer ist:
Auch ohne die Gewissheit, ob sie morgen ihre 753 Flämmchen noch haben.

Ganz spät am Abend die Entwarnung (die meisten haben sie wohl erst am nächsten Tag gesehen).

SNAPCHAT GEHT WIEDER

Sogar in Kurdistan.

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Das Teenieleben hat also wieder einen Sinn.
Gott sei Dank!

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