Warum ist mein Kind so frech?

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Manchmal ist es wirklich zum Verzweifeln:
Da hat man gearbeitet, die Wohnung einigermassen in Schuss gehalten, zum 30. Mal das Wohnzimmer aufgeräumt, Kleider sortiert, die Wäsche aufgehängt, die Kinder getröstet, Bücher erzählt, Frisuren geflochten, Brötchen geschmiert, beim Versteckspiel geholfen (obwohl man es hasst hinter Vorhänge und und Sofas zu kriechen…). Man war mit den Kindern im Schlepptau einkaufen, hat mit viel Verständnis die 3 Trotzphasen am Vormittag überstanden, hat die Kinder abgelenkt, mit ihnen gebastelt, sie in all ihren Belangen ernst genommen.
Und unsere Kids?
Die räumen dafür brav ihr Zimmerchen auf, spielen 2 Stunden ohne Streit mit der jüngeren Schwester, helfen im Haushalt, schweben engelsgleich durch die Wohnung, sind ohne Pause hilfsbereit und nett und machen uns so so unglaublich happy, dass wir uns direkt vorstellen könnten, noch drei weitere Kinder zu bekommen…
Ha! Musstet ihr auch grad laut lachen?
Denn genau SO, läuft es in den wenigsten Fällen ab.
Überhaupt, ganz und gar nicht.

Warum ist mein Kind bloss so frech?

„Blablabala, ich höre dir gar nicht zu!“

„Ist mir doch schnurz, was du sagst. Ich mach das eh nicht!“

„Tja, Pech für dich.“

„________ (hier ein beliebiges Schimpfwort einsetzen) – Mama oder Papa“.

„Ich hasse dich. Ich will lieber bei der Oma wohnen.“

„Die Mama meiner Freundin ist viel netter als du.“

„Du bist soooo blöd und dumm.“

Genau diese „frechen“ und „ungezogenen“ Antworten treiben uns regelmässig zur Weissglut. Wir haben doch ALLES gemacht, damit es dem Kindlein gut geht und als Dank gibt’s so was.
Mit diesen „Kränkungen“ umzugehen ist nicht ganz einfach und wir tun dann meistens genau das, was in der Situation völlig kontraproduktiv ist. Wir werden wütend, fangen an zu schimpfen, stossen wilde Drohungen aus („Wenn du jetzt nicht sofort anständig bist, dann nehm ich dir dein Feuerwehrauto weg, streichen wir dir dein Geburtstagsfest, darfst du am Abend nicht TV glotzen“),  werten das Kind als Person ab und nicht sein Verhalten („Du bist heute echt wieder unmöglich“. Warum bist du immer so frech, findest du das eigentlich lustig? Kannst du eigentlich auch mal anständig mit mir reden?“)

Wenn Kinder nicht kooperieren, frech und ungehorsam sind, dann klingeln oft sämtliche Alarmglocken. Man fühlt sich überfordert, zurückgestossen, nicht wertgeschätzt, ungeliebt und manchmal hat man sogar das Gefühl, dass wirklich etwas an der Eltern-Kind Beziehung nicht stimmt.

„Mein Kind mag mich nicht mehr!“
„Ich habe als Mutter versagt!“
„Was mach ich nur falsch, dass er sich so benimmt?“
„Nur mein Kind ist so frech und undankbar!“

Damit man vielleicht etwas ruhiger und gelassener reagieren kann, muss man Folgendes verstehen:

Freche, provozierende Antworten sind eine kindliche Strategie. Kinder wollen uns Eltern damit etwas mitteilen.
Auch wenn man das vielleicht im Moment nicht recht nachvollziehen kann und einem dieses Verständnis in der Situation oft komplett fehlt. Es ist aber so.
Diese „frechen“ Antworten sind eine Reaktion auf etwas, mit dem die Kinder nicht einverstanden sind.

Um freche, provozierende Antworten zu verstehen und mögliche Lösungsansätze zu finden, muss man wissen, WAS Kinder eigentlich damit meinen. Oft ist es für sie die einzige Möglichkeit zu sagen:
„Hey, ich hab mich jetzt aber wirklich sehr, sehr über dich geärgert. Ich bin damit nicht einverstanden.“

„Blablabala, ich höre dir gar nicht zu!“

Damit will das Kind eigentlich sagen:
„Ihr redet einfach viel zu viel. So viele Anweisungen, Drohungen, Befehle, die ich jeden Tag von euch bekomme, kann ich gar nicht mehr aufnehmen. Redet doch einfach etwas weniger, wenn ihr etwas von mir wollt, dann kommt zu mir hin, gebt klare und ruhige Anweisungen und textet mich nicht den ganzen Tag zu.“

Erziehungsfalle Nr. 1 – Zu viele Anweisungen

Erziehungsfalle Nr. 3 – Von weit her rufen

Erziehungsfalle Nr. 4 – Ungenaue Anweisungen

Sagt was ihr meint und redet Klartext

Blablabla

Die Elternantwort lässt dann oft nicht lange auf sich warten:

„So redest du aber nicht mit mir mein Fräulein!“
„Das sag ich dem Nikolaus!“
„Wenn du so weitermachst, dann darfst du morgen nicht in den Zirkus gehen!“

Was könnte man als Eltern denn sonst noch sagen?

Wenn man wirklich konstruktiv auf diese „Blablabla“- Antwort eingehen möchte, dann gibt es folgende Möglichkeiten:
1. „Oh ich merk grad, du denkst ich schimpfe zu viel mit dir, ich texte dich zu viel zu. Das ist gut möglich. Ich bin einfach wirklich ziemlich sauer, dass du deine Sachen wieder hier hast liegen lassen.
Wie wollen wir das machen?
Hast du deine Idee?“
Das kann sein, dass man als Eltern vielleicht ein bisschen mit hilft, dass man sich mal in Ruhe zusammen setzt und mal ein paar Abmachungen trifft, wie das in Zukunft aussehen soll.
Immer die gleichen Diskussionen!

2. Man kann auch einfach mal still sein, sich seinen Kommentar verkneifen und dann ein bisschen später nochmals das Gespräch suchen, ruhig seine Wünsche und Ansichten vorbringen und gemeinsam eine Lösung finden.

Vielleicht denkt ihr jetzt:
Hä? Warum soll ich auf ein freches „Blabla“ meiner Kids mit einem gewissen Verständnis reagieren.
Ist doch jetzt nicht meine Schuld, wenn die mir solch freche Antworten geben?

Es geht hier auch nicht um Schuldzuweisung, sondern ganz einfach um die Frage:

Warum passiert das und wie kommen wir da wieder raus?

Wenn man nämlich ständig nur mit Schimpfen und Drohen reagiert, kann man diesen Teufelskreis kaum verlassen. Deshalb ist es wichtig, GENAU hinzuschauen, denn Kinder spiegeln oft einfach nur unser Verhalten.
Ein bisschen zurück stehen, sich immer wieder überlegen:
„Warum hab ich das jetzt gesagt?“
„War das alles jetzt wirklich soooo schlimm?“
„Musste ich da jetzt schimpfen, reden, moralisieren, predigen, referieren?“


„Ist mir doch schnurz. Das mach ich nicht, Pech für dich!…“

Damit will das Kind eigentlich sagen:
„Jetzt zeig ich dir auch mal wie das ist, wenn man etwas nicht bekommt, dass man vom andern gerne hätte oder dass der andere tun sollte. Da bist du jetzt grad selber Schuld, so geht es mir nämlich auch jedes Mal, wenn ich etwas will und du einfach sagst: Nö, das bekommst du nicht.“

Die Elternantwort lässt dann oft nicht lange auf sich warten:

„Na mein Fräulein, hier bestimmen immer noch wir. Solange du hier hier wohnst, haben wir das Sagen, wir können dann sonst auch ganz Anders, dann hast DU nämlich Pech gehabt, wirst dann schon sehen…“

Was könnte man als Eltern sonst sagen?

1. „Schau mal, ich will dich nicht zwingen, das kann ich auch gar nicht. Mir ist es aber wichtig dass…., weil….
Dann mach du mir doch mal einen Vorschlag, wie wir das jetzt lösen wollen.“

Manchmal hat man einfach den falschen Zeitpunkt gewählt. Wenn Kinder am Spielen sind, ist oft nicht der richtige Moment etwas von ihnen zu verlangen. Vielleicht kann man den Zeitpunkt etwas verschieben, die Art und Weise WIE und WO etwas erledigt werden muss ein bisschen ändern und anpassen.
Kompromisse einzugehen, das gehört zur Erziehung dazu und in den meisten Fällen fällt einem da auch kein Stein aus der Krone.
Ganz oft verstricken wir uns dabei nämlich in Machtkämpfe, die eigentlich gar nicht nötig sind.
SO, genau SO muss es sein – Wenn Eltern fixe Vorstellungen haben

2. „Ich weiss jetzt ehrlich gesagt auch nicht, wie wir dieses Problem lösen wollen. Mir ist wichtig dass…, ich will dir hier jetzt aber nicht drohen und dich mit Gewalt dazu zwingen. Hast du eine Idee, wie wir diese Situation lösen könnten?“

Manchmal ist es ganz hilfreich, wenn man den Kids sagt, dass man jetzt im Moment auch keine wirklich tolle Lösung parat hat. Dass man nicht weiter weiss und keine Idee hat.

„_____ (hier ein beliebiges Schimpfwort einsetzen) – Mama oder Papa“

Damit will das Kind eigentlich sagen:
„Du hast „Nein“ gesagt, hast mir etwas verboten. Ich mag das nicht, bin damit nicht einverstanden und finde dich deshalb grad doof. Du hast meinen Wunsch nicht respektiert, hast mich mit deiner Ankündigung unsanft aus meiner Welt gerissen. Ich kann mich grad nicht anders ausdrücken, als mit einem Schimpfwort, das heisst aber nicht, dass ich dich als Mama und Papa nicht mehr lieb habe.“

Die Elternantwort lässt dann oft nicht lange auf sich warten:

„Ok, wenn ich blöd bin, dann kann ich dir jetzt aber auch kein Zvieri machen, keine Gute Nacht Geschichte vorlesen, dir nicht beim Anziehen helfen.“
„Wenn ich blöd bin, dann musst du halt selber schauen wie du zurecht kommst.“

Was könnte man als Eltern sonst sagen?

1. „Ich verstehe, dass du noch nicht nach Hause möchtest, dass du dich über mich und mein „Nein“ ärgerst und du es lieber anders haben möchtest. Es bleibt aber beim „Nein“, auch wenn ich deine Wut und deinen Ärger verstehe.“

Damit zeigt man als Eltern Verständnis für die Wut oder den Ärger, man zeigt den Kids, dass auch solche Gefühle dazu gehören, ändert aber seine Meinung trotzdem nicht.

2. Manchmal hilft es auch, wenn man sich VORHER überlegt, ob ein „Nein“ wirklich die einzige Lösung ist. Man kann Kindern nämlich auch eine Alternative anbieten oder gemeinsam mit ihnen eine suchen:
„Schau, ich möchte nicht, dass du hier im Wohnzimmer mit deinen Tierchen und dem Wasser spielst. Wenn du das machen möchtest, dann kannst du in den Garten gehen, im Lavabo etwas Wasser einlassen…. usw.“
Ganz oft ist es ja so, dass man den Kindern die Dinge nicht einfach restlos verbieten will oder muss. Alternativen können helfen und Wutanfälle ganz oft verhindern.
„Nein, nein, nein, das darfst du nicht!“

Vor allem kleine Kinder haben noch nicht genug Worte, sich „angemessener“ auszudrücken oder ihre Gefühle zu artikulieren. Zu sagen: „Ich bin damit nicht einverstanden, es ärgert mich, ich bin sauer, traurig, wütend, enttäuscht“ ist schwierig. (Oft können das ja nicht mal Erwachsene richtig…)
Deshalb kommen eben oft Sätze wie: „Du bist blöd, dumm, die andere Mama ist viel netter als du.“

Ich weiss, es fällt einem häufig wirklich sehr schwer die Klappe zu halten und nicht genau so kindisch zu reagieren.
Das hängt auch stark davon ab, wie man sich selber fühlt, ob man Sorgen hat, traurig, unzufrieden oder müde ist. Nehmt das wirklich nicht zu persönlich, versucht da möglichst gelassen zu bleiben. Ihr könnt ausserdem schon ein bisschen für die Pubertäts-Zeit üben…
Hallelujah, da wird es dann noch etwas anspruchsvoller…

„Ich hasse dich. Ich will lieber bei der Oma wohnen. Die Mama meiner Freundin ist viieeel netter als du!“

Damit will das Kind eigentlich sagen:
„Ich bin soooo wütend auf dich. Ich weiss mir gar nicht mehr anders zu helfen, als dir zu drohen und dich zu provozieren. Hoffentlich merkst du, dass du mich wirklich geärgert hast. Ich erhoffe mir damit, dass du vielleicht dein Verbot zurück nimmst und es mir dann doch erlaubst…“

Die Elternantwort lässt dann oft nicht lange auf sich warten:

„Dann geh doch zu Oma. Die kann dann nicht mehr den ganzen Tag mit dir Fussball spielen und singen kann sie ausserdem auch nicht so gut wie ich. Dann geh doch zu deiner Freundin. Wirst dann schon sehen was du davon hast. Die Mutter deiner Freundin arbeitet jeden Tag, das wird dann auch nicht lustig….“

Was könnte man als Eltern sonst sagen?

1. „Ok, du bist wirklich mega wütend im Moment, das kann ich verstehen. Ich lasse dich jetzt einen Moment in Ruhe. Falls du mich aber brauchst oder ich dir irgendwie helfen kann, kommst du einfach wieder zu mir.“

Auch wenn das Mama-Herz in einer solchen Situation blutet, denkt einfach immer daran:
Dieser Satz ist nichts anderes als eine schnelle, unüberlegte Reaktion der Kinder. Was sie damit bei uns auslösen, sind sie sich nicht wirklich bewusst. Er ist auch schneller gesagt, als ihnen eigentlich lieb ist.
Ganz oft merken sie nämlich innerhalb der nächsten Sekunden oder Minuten, dass diese Gefühlsausbruch etwas unbedarft und übertrieben war. Wenn wir sofort beleidigt darauf reagieren, schimpfen, drohen oder ebenfalls mit einer gemeinen Aussage antworten, dann haben sie gar keine Möglichkeiten mehr, sich zu entschuldigen oder sich wieder zu beruhigen.
Gerade bei Teenies passiert das sehr häufig und man verstrickt sich schnell in einen lauten Machtkampf.
Wenn das regelmässig vorkommt, der Umgangston also sehr rau und unfreundlich ist, dann versucht, das in einer ruhigen Minute zusammen zu besprechen.
Auch hier muss man sich aber selber immer den Spiegel vorhalten und sich fragen:
„Wie spreche ich selber eigentlich mit meinen Kindern? Wie genervt und unfreundlich ist denn mein Ton?“

Ich weiss, das klingt alles super einfach, wenn man gemütlich auf dem Sofa sitzt und einen Kaffee schlürft. Wahrscheinlich habt ihr jetzt ein paar Mal ganz fest mit dem Kopf genickt und gedacht:
„Jawoll! Genau so ist es! Genau so werde ich das nächste Mal reagieren.“
Und wenn man dann jeweils in der Situation drin steckt, dann tut man es eben doch nicht. Man wird von seinen Gefühlen überrannt, man lässt sich provozieren und von den kindlichen Antworten anstecken. Man benimmt sich manchmal genau so „kindisch“, wie die Kinderlein, obwohl wir eigentlich die Erwachsenen sind und es anders machen sollten.

Vielleicht denkt ihr jetzt auch:
Klar, wieder so ein Psychogeschwätz. Ich hab keine Zeit und Lust, immer genau zuzuhören und dann alles zu besprechen. Manchmal ist es einfach so wie es ist und so wie ich es will, Punkt und Basta. Mein Kind muss lernen, dass es einfach manchmal kein „Wenn und Aber“ gibt und dass es einfach gehorchen MUSS.
Natürlich kann man nicht immer alles genau nach Plan und nach Schema machen. Manchmal ist man einfach gestresst, müde, schlecht gelaunt und man erinnert sich an die tollen Ratschläge meistens erst wieder, wenn der Sturm vorbei ist.
Das ist normal und passiert im hektischen Erziehungsalltag immer mal wieder.

Die Frage ist einfach:
Ist das eine Ausnahme, passiert das aus einer momentanen Hilflosigkeit und Überforderung oder ist das die einzige Erziehungsstrategie die man kennt und anwendet?
Warum reagiert man so, wie man normalerweise reagiert und was lernt das Kind daraus?
Das sind wichtige Fragen, denn eigentlich möchte man ja nicht ständig „das Feuer löschen“, sondern viel mehr dafür sorgen, dass es nicht immer gleich anfängt zu brennen.

Also:
Nur Mut, lasst euch nicht unterkriegen und versucht es einfach jeden Tag von Neuem.