Freiheit für alle Einhörner!

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Schlimmes hat sich in letzter Zeit im Land der Einhörner ereignet. So schlimm, dass ich hier meine Stimme erheben und euch darüber berichten muss.

Lange Zeit lebten die wunderbaren Fabelwesen ganz ruhig und in Frieden in ihren Einhornwäldern, sammelten Glitzerstaub, pflegten ihre Mähnen und polierten ihre Zähne. Wenn man Glück hatte, dann sah man ganz selten eines dieser schönen Geschöpfe, in einem Traum, manchmal als Held auf einem Buchumschlag oder als Bild auf einer Tasse.
Die Einhörner machten sich rar, denn sie wussten aus den Psychologie-Ratgebern:

„Willst du gelten, mach dich selten“

Diesem Motto blieben sie treu, nichts und niemand konnte sie davon abbringen.

Doch plötzlich, niemand weiss so genau wie das passieren konnte, brachen die „Marke Ting-Riesen“ in das Land der Einhörner ein. Sie stampften mit ihren grossen Füssen durch den lieblichen Wald, sie riefen und brüllten und brachten den Einhörnern ganz viele Regenbogenblumen mit.
Ja genau – das sind DIE Regenbogenblumen, die für den Regenbogen-Schweif und für *ihrwisstschonwas verantwortlich sind.
Die Riesen füllten ihre Lastwagen und deponierten die Blumen in der Waldlichtung. Die Einhörner waren völlig aus dem Häuschen. Noch nie hatten sie so viele Regenbogenblumen auf einem Haufen gesehen, denn eigentlich sind Regenbogenblumen im Land der Einhörner ein seltenes Gewächs. Sie brauchen viel Pflege und wachsen nur bei Vollmond, deshalb sind sie besonders wirkungsvoll und lassen nicht nur die Einhorn-Schweife, die Kotze und die Pupse in Regenbogenfarben leuchten – NEIN, sie sorgen auch dafür, dass die Einhörner demütig, bescheiden und zurückhaltend bleiben.

Das Schicksal nimmt seinen Lauf

Da niemand von den Riesen ewig Zeit hatte, auf die Regenbogenblumen-Ernte zu warten, benutzten sie den wunderbaren Overkill-Dünger. Der lies die Blumen auf den Feldern in Kürze wachsen und gedeihen, so dass tonnenweise Blumen geerntet werden konnten.
Genau diese Ernte lag nun auf der sonst so ruhigen Waldlichtung in der Einhorn-Welt:
Die Einhörner stürzten sich mit Gekreische auf die Blumen, rissen sie sich gegenseitig aus den Hufen, posierten für Selfies und mampften danach den ganzen Blumenberg. Die Szene glich einem YouTube Treffen mit BibisBeautyPalace.

Nach 3 Tagen lagen alle Einhörner halb ohnmächtig, mit aufgeblähten Bäuchen, völlig hemmungslos und kaum noch bei Verstand, auf der Lichtung.
Für die „Marke Ting-Riesen“, die sich bis dahin schön still und ruhig hinter den Bäumen versteckt hielten, war es nun ganz leicht, die Einhörner mit ein bisschen Rosenduft und Bambusflötenmusik auf die Lastwagen zu locken.

Im Nu, waren alle Tiere eingesammelt und das Schicksal der Einhörner besiegelt.
Die „Marke Ting-Riesen“ gröhlten und johlten, denn sie wussten:

„Mit diesen Einhörnern erobern wir die Welt“

Der Angriff auf „Hello Kitty, Spiderman, Anna, Elsa und Olaf“ konnte also gestartet werden.
Die armen, belämmerten Einhörner wussten nicht mehr wie ihnen geschah. Sie wurden von nun an auf Badetüchern, Schultaschen, Hausschuhen, Ballons, Bier, Unterwäsche, Schokolade, Süssgetränken, Duschschaum, Handcréme, Toilettenpapier, Parkplätzen, Zahnbürsten, Joghurts, Kekspackungen, ja sogar auf Toastbrot gedruckt und verewigt. Sie wurden sogar in schwimmende Inseln verwandelt und schwammen in diesem Sommer zu Tausenden in Flüssen, Schwimmbädern und Weltmeeren um ihr Leben.
Und immer in Pastellfarben oder in rosa oder pink.
Am Anfang fühlten sie sich durch so viel Ruhm und Ehre natürlich geschmeichelt und veranstalteten in den Stallungen der „Marke Ting-Riesen“ jeden Abend eine grosse Party.
Doch als plötzlich die ersten Einhorn-Würste in den Verkauf gelangten, wurde ihnen doch plötzlich Angst und Bange.

„Wohin soll dieser Hype noch führen?“

Der Einhorn-Älteste stellte diese berechtigte Frage eines Abends vor dem zu Bett gehen.
„In wen und was wollen die uns noch alles verwandeln, was wollen sie noch alles produzieren und mit uns anstellen?
Einhorn-Gurken?
Einhorn-Käse?
Einhorn-Brot?
Einhorn-Deo?
Einhorn-Brotaufstrich?
Einhorn-Zahnspangen?
Einhorn-Kinderwagen?
Einhorn-Autopneus?
Einhorn-Kontaktlinsen?

Oder vielleicht sogar:
Einhorn-Milch?
Einhorn-Golfschläger für den durchgeknallten amerikanischen Präsidenten?
Einhorn-Protesen?
Einhorn-Hörgeräte?
Einhorn-Tampons oder Damenbinden?
Oder am Ende vielleicht sogar:
EINHORN-KONDOME ?!?“

Die Einhörner waren verzweifelt.
Sie sehnten sich zurück in ihren Wald, auf die einsame Lichtung. Und sie wünschten sich, diese überzüchteten Regenbogenblumen niemals gefressen zu haben.
Sie wollten wieder frei sein, ihre Ruhe haben und nicht ständig von Chips-Packungen und Weichspülerflaschen grinsen müssen. Sie wollten nicht verwurstet werden, kein Toastbrot mehr sein und schon gar nicht mehr als unbequeme Schwimminseln an den Stränden dieser Welt herum stehen.

Sie versuchten vergeblich die „Marke Ting-Riesen“ zu einem Umdenken zu bewegen, sie flehten und scharrten tagelang mit ihren Hufen: Es half alles nichts.

Da wussten sie, der Zeitpunkt war gekommen, jetzt gab es nur noch eins:

Die Einhorn-Petition

Sie setzten sich alle in einen grossen Kreis und formulierten für die Menschheit eine Petition. In der Hoffnung ganz viel Unterstützung und Hilfe zu bekommen, damit sie bald wieder in ihren Wäldern umherstreifen können und zwar als das, was sie eigentlich sind:
Wunderbare, geheimnisvolle, zurückgezogene Fabelwesen.

Einhorn, Marketing, Overkill, Fabelwesen, Glitzerstaub, Produkte, Hello Kitty, Spiderman, Superman
Und wenn ihr, meine lieben Elternplanetarier, ein Herz habt, ein Herz für Einhörner – dann teilt diesen Aufruf und helft mit, den Einhörnern wieder ein einhornwürdiges Leben zu schenken.
Ein Säckchen Gitzerstaub und ein Einhorn-Regenbogen werden euch dafür in den nächsten Tagen von der Internationalen Einhorn-Vereinigung zugestellt werden.

Im Namen der Einhörner:
Besten Dank für die Mithilfe!

 

  • Andrea Schaefer

    So gut geschrieben. Ach ihr armen Einhörner, gerne helfe ich euch. Ich habe den Wirbel um euch nie verstanden. Ihr seid schön, gar keine Frage, aber wenn ich die Augen aufmache und euch als erstes sehe, verliert ihr den Reiz. Das Traurige am ganzen ist, dass ihr nicht die ersten und letzten seid, denen solches Leid gesvhirht. Wie es wohl den Eulen und Füchsen heute geht…?!?
    Vielleicht kann man solche Übergriffe in die privateste Privatsphäre verhindern? Bis jetzt traf es ja immer nur die scheuen Tiere, nie einen Tiger, Leoparden, Bären,… Vielleicht können die euch schüchternen Tiere einen selbstverteidigungskurs gegen die Marke Ting-Riesen anbieten?
    Alles Gute, und ich hoffe für euch, dass ihr bald wieder in eurer Welt sein dürft.