…und dann gib ihnen Flügel…

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Es fäng in dem Moment an, in dem unsere Kinder geboren werden:

Das Loslassen

Jeden Tag entdecken sie Welt ein Stückchen mehr, Lernen Neues, Wachsen und entwickeln sie sich weiter. Am Anfang sind diese Schritte noch klein, es geht langsam voran und wir sind oft ganz ungeduldig.
Es kann uns manchmal nicht genug schnell gehen. Wir möchten doch auch, dass unser Kindlein genau die Dinge schon kann, die man täglich von anderen in den Facebook-Mama-Gruppen liest oder von Müttern auf dem Spielplatz hört.
Wann endlich können sie den Kopf heben, sich drehen, das erste Wort brabbeln, sitzen, sich fortbewegen, durchschlafen?
Wann endlich können sie aufs Klo gehen, sich selber anziehen, mal ein Minütchen still sitzen, endlich einen Kopffüssler zeichnen, den man dann stolz posten kann?

Wir können die Fortschritte kaum erwarten und wenn sie dann tatsächlich da sind, werden wir ganz schnell wehmütig:
„Waaas? So gross ist mein Kindlein schon? Sooo viele Dinge kann es schon und meine Hilfe braucht es täglich immer weniger?“
Das ist Freude und Schock zugleich. Denn:

Loslassen ist nicht ganz so einfach

Natürlich freut man sich, wenn Kinder grösser, mobiler, selbstständiger werden, denn dadurch gewinnt man auch wieder etwas Freiraum zurück. Und doch hat man nicht selten ein kleines Klösschen im Hals wenn man die kleinen Bodys, die Schoppenfläschen, die Babybadewanne, oder den Kinderwagen definitiv im Keller verstauen muss.
„Hach! Es war halt schon eine herzige Zeit!“
Manchmal passiert es auch, dass man ganz unbewusst, an den guten alten Baby- und Kleinkinderzeiten und Ritualen festhält. In dem man den Kindern immer noch den Schoppen, den Schnuller oder das Babybettchen überlässt, obwohl sie von ihrer Entwicklung her schon längst aus einem normalen Becher trinken, in einem normalen Kinderbett schlafen oder ganz ohne ständiges Genuckel durch die Welt gehen könnten.

Wenn diese Dinge plötzlich alle wegfallen, wir das auch so zulassen und ändern, dann ist das definitiv ein grosser Schritt – das Baby ist eben kein Baby mehr.

Loslassen heisst, die Kinder zur Selbstständigkeit zu erziehen

Denn nur wenn wir den Kindern auch etwas zutrauen, nicht immer alles für sie erledigen, erst dann haben sie auch die Möglichkeit, die Selbstständigkeit zu erlernen, die sie fürs Leben brauchen.
Hilf mir es selbst zu tun, ist dabei ein wunderbares Motto.

Je grösser die Kinder werden, umso weniger offensichtlich braucht es uns Eltern. Sie lassen unsere Hand immer ein bisschen mehr los (wenn wir sie denn lassen). Sie wollen ihre eigenen Erfahrungen machen und das heisst für uns, dass wir immer mehr zurück stehen müssen und nicht zu nah an den Kindern dran sein dürfen.
Eine weitere, schwierige Lektion für uns Eltern.
Denn das heisst nicht, dass wir jetzt weniger für sie da sind, uns weniger kümmern, sie weniger ernst nehmen. Es bedeutet, dass wir das sichtbare Band in ein unsichtbares umtauschen. Dieser „Umtausch“, der meistens mit dem Schuleintritt, also so zwischen 6-7 Jahren anfängt, (manchmal sogar schon früher) geht oft nicht geräuschlos vor sich.

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Den Kindern Halt geben, ohne sie festzuhalten.

Wir sind uns gewohnt, dass man uns Eltern ständig sieht und hört, dass wir referieren, rufen, erklären, bewerten, predigen und die Aufgaben unserer Kinder übernehmen. Ganz oft sind es dann die Kinder, die ihren Freiraum plötzlich einfordern, in dem sie sagen, oder genervt rufen:
„Ehm, mach bitte die Tüüü-üüre zu!“
„Kannst du rausge-eeehen bitte?“
„Jaaa, ich weee-iiiss, aber jetzt gee-eehh! Du neee-eeervst“.

Solche Sätze verletzen uns, und wir empfinden unsere Kids dann nicht selten als frech und undankbar. Für sie bedeutet es Abgrenzung für uns ist es eine Beleidigung.
Wir müssen anfangen, uns mit einigen Dingen abzufinden: Dass sie sich gerne zurückziehen, alleine sind, dass andere Bezugspersonen in ihr Leben treten, dass sie lieber mit Freunden zusammen sind, als mit uns auf den Sonntagsspaziergang kommen, dass sie Geheimnisse haben und uns nicht mehr alles erzählen wollen.
Plötzlich stellt sich nicht mehr die Frage:
„Wann gehst du weg?“ sondern: „Wann bist du denn da?“

Vielleicht steckt ihr auch grad in einem kleinen Gefühlschaos. Habt ein Kindergarten- oder Schulkind, welches nun plötzlich den ganzen Morgen (oder vielleicht gar den ganzen Tag) von zu Hause weg ist. Ihr freut euch zwar über das Leuchten in den Augen, über den neuen Lebensabschnitt, seid aber gleichzeitig auch etwas wehmütig, vielleicht auch traurig und könnt mit der neugewonnenen Freiheit noch nicht so viel anfangen.

Vielleicht habt ihr auch einen jungen Menschen zu Hause, der die obligatorische Schulzeit beendet, eine Lehre oder eine weiterführende Schule angefangen hat und am Mittag nicht mehr bei euch am Tisch sitzt. Jahrelang habt ihr euch über das Gemotze übers Essen und über die Streitigkeiten am Mittagsstisch geärgert, euch sogar ein bisschen darauf gefreut, wenn das dann endlich ein Ende hat.
Jetzt ist es soweit.
Ihr seid vielleicht nur noch zu zweit, mit eurem anderen Kind, oder vielleicht auch ganz alleine und ihr wisst:
Dieser neue Lebensabschnitt ist endgültig.
Ihr wisst, dass ihr eigentlich alles richtig gemacht habt und doch tut es ein bisschen weh – dieses Loslassen.

Denn ganz so einfach wie es sich in diesem bekannten Satz liest, ist es dann eben doch nicht…

„Wenn Kinder klein sind,
gib ihnen Wurzeln,
wenn sie groß sind,
verleih ihnen Flügel.“

Johann Wolfgang von Goethe