„R.I.P kleiner Engel“ – Gedenkseiten auf skrupelloser Like-Jagd

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Der Fall des getöteten, neunjährigen Jaden aus Deutschland hat die Internet-Welt die letzten Tage in Atem gehalten. Die Timelines wurden geflutet von Artikeln und Fahndungsaufrufen – das Gesicht des 19-jährigen Täters hat sich in unsere Gesichter gebrannt.
Wie wir alle lesen konnten, der Mann wurde verhaftet und für die Eltern des Jungen beginnt jetzt die unglaublich schwere Zeit des Abschiednehmens. Begreifen wird man eine solch schreckliche Tat niemals können. Das Einzige was den Betroffenen in diesem schweren Moment vielleicht ein bisschen hilft und Trost gibt, sind Familie und Freunde mit denen sie in Ruhe trauern können.

Kaum eine Stunde nachdem solche Schicksalsschläge jeweils bekannt werden, schiessen „R.I.P – Ruhe in Frieden Seiten“ auf Facebook wie Pilze aus dem Boden. Das war auch dieses Mal nicht anders.
Diese sogenannten „Gedenkseiten“ sind in den meisten Fällen weder von den Eltern, noch von sonstigen Angehörigen oder Freunden erstellt worden. Die haben nämlich gerade einen unglaublichen Verlust zu verkraften und denken wohl am allerwenigsten daran, als erstes eine Facebookseite für die trauernde Online Community zu erstellen.

Warum gibt es diese R.I.P Seiten?

Hier wird ganz bewusst, mit dem Leid und dem Schicksal der Betroffenen gespielt und diese suggerieren der FB Gemeinde:
„Hey! Wenn du diese Seite likest und das Bild hier teilst, dann drückst du dein Mitgefühl aus und zeigst, wie traurig du bist.“
Genau diese Aufforderung funktioniert in diesen Situationen und bei vielen Menschen ganz besonders gut. Ist man doch selber schockiert, traurig und fassungslos und man möchte diesen Gefühlen irgendwie Ausdruck verleihen.

Die Seitenbetreibern wollen vor allem Eines

Likes sammeln.
Mit Sätzen wie:
„Like unsere Seite, wenn du diese Tat auch sinnlos findest.“
„Schicke dem kleinen Engel ein Herz“
„Zeig den Eltern, dass du in der schweren Stunde an sie denkst“
„Schaffen wir 10 000 Likes, um unsere Trauer zu zeigen?“

ist das gar nicht so schwer.
Als Eltern ist man für solche „Aufforderungen“ besonders empfänglich und teilt und liked ohne nur eine Sekunde zu überlegen.

Was bringen den Seitenbetreibern diese Likes?

Wahrscheinlich geht es in den meisten Fällen einfach nur darum, das eigene Ego zu polieren.
„Mach ich doch einfach eine R.I.P Seite, poste ein paar Kerzchen, ein Bild vom toten Kind, das ich aus dem Internet geklaut habe und heuchle ein bisschen mein Mitgefühl und ZACK! meine Seite hat 10 000 Likes.“

Ganz oft passiert aber auch folgendes:
Die Seitenbetreiber warten so lange bis der „Hype“ um das tragische Schicksal etwas abgeklungen ist und verkaufen dann ihre Seite an den Meistbietenden.
Denn im Internet gilt: Je mehr Likes umso grösser der Wert der Seite.
Irgendwann mal wird dann der Seitenname geändert und dann werden Affiliate und Werbepostings online gestellt.

Warum erzähle ich euch das alles?

Weil ich es ganz einfach widerlich und höchst verwerflich finde, sich mit dem Leid und dem Schicksal von fremden Menschen zu bereichern.
Weil viele Facebook-Nutzer einfach sehr leichtgläubig sind, selten Dinge hinterfragen und ohne zu überlegen einfach alles teilen und liken, was ihnen unter die Tastatur kommt.

Ich bin gestern Abend auch über eine dieser „R.I.P Jaden aus Herne“ Seiten gestolpert und habe mir verwundert die Augen gerieben:
WAAS? Das Bild hat bereits über 2000 „Likes“, Herzchen und „Heul-Smileys“?
Dann  hab ich mir mal den Verlauf des Postings angeguckt.
Das kann man nämlich und man sieht genau, was am Original Posting alles so verändert wurde. Es ist wirklich unfassbar und haarsträubend.
Die Screenshots hab ich dann an mimikama (Die Seite, die sich genau mit solchen Geschichten, Fakes und Hoax-Meldungen befasst, auf Facebook findet ihr sie unter „Zuerst denken, dann klicken“) geschickt und sie haben dazu heute morgen ihren Artikel veröffentlicht.
Schaut unbedingt mal rein, dort seht ihr auch die abgeänderten Screenshots. Den Artikel findet ihr hier:

Das (Like) – Geschäft mit dem Tod. Wo bleibt die Moral?

UPDATE:
Die Inhalte der Seite wurden nach der Publikation diverser Artikel und heftigen Protesten von FB Nutzern entfernt. Die Seite inkl. der 11 595 Likes besteht aber bis zur Stunde weiterhin. Sie wird nun wohl so stehen bleiben und wahrscheinlich irgendwann mal verkauft und dann einfach umbenannt. Sehr wahrscheinlich werden dann dubiose Gewinnspiele oder Affiliate Links gepostet.

Was kann man tun, damit man nicht auf solche Seiten herein fällt?

1. Hirn einschalten
Wem bringt es etwas, wenn ich eine solche Seite like und teile?

2. Impressum lesen
Wer steckt dahinter? Eine Facebookseite muss zwingend ein Impressum haben. Steht dort nix, dann ist das in den meisten Fällen unseriös und stammt nicht von den „Betroffenen“ selber“

3. Seiten NICHT  liken und am besten keine Kommentare darunter absetzen
Wenn ihr die Seiten schon geliked habt, entliked sie wieder und kommentiert am besten gar nix. Das erhöht nämlich nur die Reichweite des Postings.

4. Trauert auf eure eigene Weise
Zündet eine Kerze an, schreibt ein Gedicht, macht einen Spaziergang, sprecht mit euren Freunden über die schrecklichen Vorfälle, malt ein Bild, betet, schickt in Gedanken ein paar tröstende Worte an die Familie aber helft nicht mit, dass sich solche widerlichen Seiten unkontrolliert ausbreiten können.