„Doch Mama, der Mann hatte ein gaaanz grosses Messer dabei!“

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„Nie mehr geh ich auf diesen Schulweg!“
„Ehm, warum?“
„Weil da grad ein Mann gestanden hat, mit einem Messer“, sagte unsere Tochter, damals etwa 7 Jahre alt.
Urgs.
Ich sah im Geiste schon die Polizeiwagen unsere Strasse hinauf sausen, mit anschliessender Verhaftung des Messerstechers. Schlagzeile im Blick, im 20Minuten inklusive.
Ja, stellt euch vor, ein Fast-Mörder direkt in unserem Quartier!


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Ok. Ich hab dann vorsichtshalber doch noch mal nachgefragt. Wie er denn ausgesehen und ob er was gesagt hat, wie gross das Messer war.
„Also, nein. Ein Mördermesser war es nicht. Eher kleiner.“
Aha. Da war ich schon mal ein bisschen beruhigt.
„Es könnte durchaus auch ein Sackmesser gewesen sein“, wie sich nach ein paar Minuten ausführlicher Diskussion heraus stellte. Vielleicht hätte der Mann ja auch nur was im Garten gemacht.
Uff! Gott sei Dank. Kein Schwerverbrecher in der Nähe.

Einerseits ist das ja toll, wenn Kinder aufmerksam sind, Dinge beobachten die vielleicht nicht so sind wie sonst und uns ihre Beobachtungen dann auch mitteilen
Doch da werden aus bellenden Hunden schnell mal reissende Bestien, die den Simon fast angefallen hätten.
„Der hatte 50 Zähne und soooo grosse Ohren“
Aus Grossvätern die vor der Schule auf ihre Enkelkinder warten, werden Entführer:
„Im Auto lag eine Pistole. Ganz bestimmt, der Timo hat sie gesehen.“
Aus kleinen Schulstreitereien werden Massenschlägereien mit Blut und vielen Verletzten.
„Wäre der Lehrer nicht gekommen, dann wäre der Fabian jetzt tot.“

Wie soll man als Eltern reagieren?

Meistens sind wir erst einmal geschockt und wissen dann überhaupt nicht mehr, was wir glauben sollen.
Wir wollen ja nicht von Anfang an alles gleich ins Lächerliche ziehen, abwerten und das Kind nicht ernst nehmen.  Aber jedes Mal gleich das Polizei-Sonderkommando „Enzian“ anrufen ist ja auch übertrieben.

Manchmal erzählen die Kinderlein auch schauerliche Geschichten von boxenden Lehrerinnen, von Kindergartenfreunden, die andere Kinder eine Stunde in eine Kiste gesperrt hätten.
Manchmal hört man ganz schreckliche Erzählungen, von Kindergärtnerinnen, die dem Kind verboten hätten etwas zu trinken oder zu essen oder von einer Hexe, die in der Pause hinter einem Baum stand.

Was kann man den Kids denn überhaupt glauben und warum erzählen sie oft solche wahnwitzigen Geschichten?

Kinder haben eine lebhafte Fantasie und das ist auch gut so. Sie können noch nicht so richtig zwischen Fiktion und Realität unterscheiden. Erst ab ungefähr fünf, sechs Jahren ist das kindliche Bewusstsein so weit entwickelt, dass die Kinder gezielt ausprobieren, ob sie mit einer „Veränderungen der Wahrheit“, also dem Lügen, Erfolg haben.

Wenn die Geschichten nicht grad ständig zu Kriminalfällen ausarten, kann man ganz gut:
Nachfragen, erstaunt sein, lustige Einwände haben:
„Ui, da hat das Pony aber Glück gehabt, dass der Abwart es nicht gesehen hat…“
„Hatte die Hexe denn eine Warze auf der Nase?“

„Hat das Einhorn denn laut gehustet?“
Oder so.

Wenn das Kind immer wieder masslos übertreibt, ganz offensichtlich und dabei lange, ausschweifende und lustige Stories erzählt, kann man auch mal etwas mit den Augen zwinkern.
So nach dem Motto: „Eh, WIE war das jetzt ganz genau?“
Oder dem Kind an die lange, virtuelle „Pinocchio-Nase“ fassen, die schon fast bis zur Türe kommt.
Beim Flunkern, übertreiben und Geschichten erfinden, da würd ich nicht allzu streng sein, denn oft wollen die Kids auch einfach nur ein bisschen plaudern und Aufmerksamkeit bekommen.
Man muss die Kinder deshalb auch nicht ständig zurechtweisen und ihnen sagen, dass man ihnen ihre Geschichten überhaupt nicht abkauft. Ganz oft versuchen sie dann nämlich eine noch unglaubliche Story zu erfinden.

Eine „Flunker-Geschichtenerzähl-Zeit“ einplanen

Ab und zu und kann man ganz bewusst eine solche „Flunkerzeit“ durchführen.
Einen Timer stellen und in der abgemachten Zeit, darf man so viele Lügengeschichten erzählen wie man möchte.
Oder ihr nehmt ein paar Memory-Karten hervor und erfindet zusammen mit den Kindern, zu den verschiedenen Bildern, eine haarsträubende Geschichte. Immer eine Karte neben die andere legen und eine möglichst lustige, fantasievolle, schaurige Story erzählen.

Ja und manchmal muss man halt auch mal rasch bei der Kindergärtnerin oder bei einer Mutter nachfragen, WIE das denn war mit dem Pausensnack war und ob das Kind tatsächlich den ganzen Morgen immer das genau Gleiche machen musste? Und ob der Tobias dem Simon wirklich eine blutige Nase geschlagen hat und ob der Hund von Salome wirklich entführt worden ist?
Oder man erkundigt sich direkt bei der Lehrerin, ob es diese Woche wirklich NIE Hausaufgaben gab und ob dass wirklich stimmt, dass sie so laut gebrüllt hat, dass ein Bild von der Wand gefallen ist…

Also BEVOR man gleich die KESB, die Schulbehörde, das Sondereinsatzkommando, den Elternrat einberuft oder die Erzählungen in sämtlichen Facebook-Mamagruppen postet:
Das Gespräch suchen, nachfragen und sich vergewissern, WAS da genau passiert ist.
Eine Geschichte hat nämlich immer zwei Seiten.
Ganz oft haben die Kinder nicht alles richtig mitbekommen, resp. etwas falsch verstanden.

Anders ist das natürlich beim ganz bewussten, richtigen Lügen. Also wenn es darum geht, sich einen Vorteil zu verschaffen, sich vor einer Konsequenz zu drücken oder wenn Lügen aus Angst passiert.
Da empfiehlt es sich dann wirklich genau hinzuschauen und auch hinzuhören.

Was steckt dahinter?
Warum hatte oder hat das Kind Angst?
Warum hat es mir nicht die Wahrheit gesagt?
Wie hab ich oder sein Umfeld das letzte Mal reagiert?

Den Kinder Mut machen

Die Kinder sollen wissen, dass sie uns alles erzählen dürfen, auch wenn sie einen Blödsinn gemacht haben.
Loben und bestärken, wenn sie die Wahrheit sagen und dann zusammen überlegen, wie man das wieder in Ordnung bringen kann.

Und manchmal muss man auch immer wieder ein bisschen daran denken, wann man selber das letzte Mal gelogen, geflunkert oder ein bisschen „dick aufgetragen“ hat.

Meistens ist das nämlich noch gar nicht so lange her… :-)

 

  • Viktoria Schröter

    Schöner Beitarg…. Wir erleben es auch gerade bei unserer
    6 jährigen Tochter. Ist gut zu lesen, das es ja ganz normal zu sein scheint.