Gegen den Hass im Netz

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Sie sind wie ein hartnäckiges, grausliges Geschwür.
Sie fressen sich durch die Online Magazine und Zeitungen, durch die Facebook Gruppen und Blogs:

DIE KOMMENTARE

Nicht die reflektierten, sachlichen, respektvollen, manchmal auch kritischen Kommentare.
Nicht die, die zum nachdenken, nachfragen, diskutieren anregen.
Sondern die BÖSARTIGEN.
Kommentare die verletzen, andere Menschen verhöhnen, anklagen, bedrohen, beschimpfen, die Lügen verbreiten, sich über Schicksale lustig machen, anderen den Tod oder eine Vergewaltigung wünschen.
Diese Kommentare, die unsere ganze Online-Welt vergiften und dafür sorgen, dass man jeden Tag das Gefühl hat, ein Teil der Menschheit hätte komplett den Verstand verloren.
Wo man sich fragt: „Wo genau leben diese Menschen? Woher kommt dieser Hass? Wer oder was hat ihnen dieses böse Geschwür eingesetzt?“

Die Grenze zwischen unfreundlich und bösartig ist schmal

Es braucht oft nur zwei, drei schlecht gelaunte Menschen, ein paar Trolle, die eine Diskussion zum explodieren bringen. Und wenn niemand eingreift, die „beschmutzte“ Wand nicht sofort säubert, entstehen immer mehr „Schmierereien“.
Und genau das passiert tagtäglich in den Kommentarspalten und Facebookgruppen:
Es sind schlichtweg zu wenig Leute da, welche sich um die Online Community kümmert.
Wer einen Link postet, ein Statement abgibt, der MUSS die Kommentare beobachten, sich kümmern, Fragen und Gegenfragen stellen.
„Wie meinst du das?“
„Wie kommst du auf diese Idee?“
„Woher hast du das?“
„Warum macht dich das so wütend?“
Man muss Postings entschärfen, Leute zur Rede stellen, um eine anständige Gesprächskultur bemüht sein, auf Fragen anworten. Man muss aber auch den Mut haben, Leute auszuschliessen, Kommentare zu löschen, Diskussionen zu schliessen oder sie gar nicht erst anzufangen.
Das braucht Zeit, Geduld und Nerven.
Manchmal muss man sich als auch überlegen: Macht das jetzt Sinn? Ist diese Diskussion geeignet, um hier in diesem Sozialen Netzwerk darüber zu diskutieren? Man muss nämlich nicht alles zur Diskussion frei geben. Die Leute müssen nicht immer und überall ihren Senf dazu geben. Schon gar nicht, wenn man nicht hundertprozentig in der Lage ist, die Diskussion zu betreuen.
Die NZZ zum Beispiel baut ihre Kommentarspalten um. Nicht weil sie die Meinungen der Leser nicht mehr hören will, sondern weil sie gemerkt hat, dass die Mehrheit gar nicht mehr diskutiert, sondern dass ganz oft nur noch gedroht, gepöbelt und beschimpft wird.
In Zukunft wird die Kommentarspalte auf NZZ.ch bei den meisten Artikeln deaktiviert sein. Stattdessen tauscht sich jede Woche ein Autor unter seinem Artikel mit den Lesern aus.
Sachliche Kritik, Fragen und Vorschläge werden weiterhin willkommen sein, aber eben unter Beobachtung. Die Kommentarspalte wird ausserdem zum Leserforum umfunktioniert. Jeden Tag können die Leser zu drei Themen, die auf veröffentlichen Texten basieren, diskutieren. Initiiert, moderiert und begleitet werden die Debatten von der Redaktion.
Ein wichtiger Schritt, um die Leute viellicht auch ein bisschen vor sich selbst zu schützen. Denn viele wissen wahrlich nicht immer so genau, was sie da im Internet eigentlich genau tun und von sich geben. Und merken nicht, dass sie eigentlich von allen guten Geistern verlassen sind.
Ich bin wirklich immer wieder erstaunt, welcher Umgangston unter uns „Erwachsenen“ herrscht, obwohl gerade wir, ständig von unserem Nachwuchs erwarten „anständig“ zu sein.
In Mamagruppen beklagen sich Mütter ständig über ihre (oder über fremde Kinderlein), dass sie laut sind, brüllen, nicht gehorchen, nicht zuhören, andere Kinder schlagen oder auslachen, keinen Respekt haben und wie verzweifelt sie darüber sind.
Doch liest man regelmässig in diesen Gruppen mit, fragt man sich ganz oft:
Wie sollen unsere Kinder denn genau diese Dinge lernen, wenn wir Eltern keine besseren Vorbilder sind?
Wenn wir online andere beschimpfen, uns über sie lustig machen, lästern, keinen Respekt haben, frech sind und einander nicht zuhören?

Resignation macht sich breit

Auch bei mir.
Ich mag eigentlich gar keine Kommentare mehr lesen. Ich glaube, wenn ich mit Elternplanet nicht selber eine so tolle, respektvolle Facebook Community hätte, dann hätt ich wohl schon längst den Verstand verloren und meinen Facebookaccount gelöscht. Es ist einfach nur noch frustrierend.
Und so wie mir geht es wohl vielen.
Wir halten uns von den Kommentarspalten fern, wir schweigen und überlassen das Feld den Honks, den Trollen, den Wutbürgern, den Einsamen und Verletzten, den Pöblern, Rassisten und denen, die einfach nur den ganzen Tag über etwas schimpfen.
Ganz oft sind das auch Leute, die Kinder auf ihren Profilbildern haben. Das find ich ganz besonders erschreckend.
Da fragt ich mich immer wieder:

Liebe Eltern, sind das die Werte, die ihr euren Kindern mit auf den Weg geben wollt?

Eine neue Internetbewegung setzt sich gegen Hasskommentare ein

Ende Dezember 2016 wurde die Facebook Gruppe #ichbinhier (entstanden nach dem Schwedischen Vorbild) gegründet.
Eine Art Aktionsplattform, die Menschen hilft, die von bösartigen Kommentaren und Beleidigungen überrollt werden. Ziel ist es, das Diskussionsklima auf Facebook zu verbessern und den unzähligen Hasskommentaren, mit Fakten zu begegnen.
Das heisst: Wenn irgendwo auf einer News-Seite ein Link gepostet wird, der von beleidigenden, boshaften und hasserfüllten Kommentaren überflutet wird, dann schwärmen die Mitglieder der Gruppe #ichbinhier aus.
Wie kleine, fleissige Bienchen positionieren sie sich zwischen den Hasskommentaren, schreiben sachlich und respektvoll zurück, fast immer mit dem Hashtag #ichbinhier damit sie als Gruppe auch sichtbar sind.
Die Mitglieder liken die guten und konstruktiven Kommentare, damit die weiter oben erscheinen und mehr Gewicht bekommen.
Oft stellen die Gruppenmitglieder Fragen und Gegenfragen, um Lügen zu entlarven und die Trolle und Kommentarschreiber zur Rechenschaft zu ziehen.
„Woher hast du diese Information?“
„Ein Link dazu wäre hilfreich.“
„Wer ist deine Quelle?“
Eigentlich wäre genau DAS die Aufgabe der Sozial Media Teams, der entsprechenden Zeitungen, die aber in ganz vielen Fällen gnadenlos versagen.
Wer mitmachen will, der kann eine Anfrage an die Gruppe stellen. Aufgrund der grossen Nachfrage dauert es aber allerdings ein Weilchen bis man angenommen wird, weil das Profil vorher natürlich etwas unter die Lupe genommen wird. Schliesslich will man ja nur Leute dabei haben, die das Ganze ebenfalls eine gute Sache finden und unterstützen wollen.

Ein Tropfen auf den heissen Stein?

Als kleines Tröpfchen hat es angefangen, doch mittlerweile hat die Gruppe über 15 400 Mitglieder (Stand 6.2.2017) und die Aktionen tragen erste Früchte.
Wie sagt man so schön: Steter Tropfen höhlt den Stein.
Eine ermüdende, nervenaufreibende Aufgabe, die ich sehr bewundere.
Aber gerade in der heutigen Zeit eine sehr wichtige. Wir müssen hinschauen, im Dialog bleiben, nachfragen, wir müssen sachlich, unaufgeregt, respektvoll miteinander diskutieren.

Wir müssen Vorbilder sein, ganz besonders für unsere Kids und nicht Dinge von ihnen erwarten, die wir selber nicht einhalten.
Im Moment tun sie wohl am Besten daran, wenn sie die Sozialen Netzwerke, in denen sich die Erwachsenen tummeln, gar nicht erst betreten.
So lange, bis da wieder ein bisschen mehr Respekt und Menschlichkeit eingekehrt ist.
#ichbinhier und wir alle können jeden Tag ein bisschen dazu beitragen.

Die Hoffnung stirbt zuletzt.