Jugendlohn statt Taschengeld – Mehr Eigenverantwortung beim Geld ausgeben

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Wart ihr auch schon mit „Vor- oder ganz pubertären Kids“ einkaufen?

Dann kennt ihr diese Szene sehr wahrscheinlich ganz gut:

Treusorgende Mutter: (TM)
„Hosen. Du brauchst Hosen. Mit diesen zerrissenen kannst du also wirklich nicht mehr in die Schule. Da muss ich mich ja schämen.“

Teenager:
„Alle tragen diese Hosen. Das verstehst du nicht.
Ok. Diese Trainerhosen sind toll.“

TM:
„Trainerhosen? Du hast aber schon 11 Paar.“

Teenager:
„Ja und?“

TM:
„Also Trainerhosen zahl ich dir nicht. Die kannst du dir selber kaufen.“

Teenager:
„Warum zahlst du mir Hosen aber keine Trainerhosen?“

TM:
„Weil du Hosen BRAUCHST und Trainerhosen hast du noch genug.“

Teenager:
Aber letztens hast du ______ (hier der Name der Schwester oder des Bruders) einsetzen auch Trainerhosen bezahlt.

TM:
„Ja, weil sie die für den Turnunterricht braucht.“

Teenager:
„Die waren aber viel teurer als diese hier.“

TM:
„Jetzt hör mal auf rumzumeckern. Ich zahl dir einfach ein paar Hosen, alles andere kannst du dir von deinem Taschengeld kaufen!“

Teenager:
„Mann ey. Du bist voll gemein.
Aber dann will ich noch dieses T-Shirt, meine sind alle zu klein. Oder hässlich. Oder babyhaft“

TM:
„Brauchst du denn WIRKLICH noch T-Shirts?“

Teenager:
„Jaaaa. Sag ich dooo-oooch.“

Und so zieht sich dann diese Diskussion ins Unendliche. Der Kleiderkauf wird zum Spiessrutenlauf.
Fazit:
Keine Hosen gekauft, Mutter hässig, Teenager hässig und am Schluss gibt’s noch die Drohung:
„Das war das letzte Mal, dass ich mit dir einkaufen war. Ich kauf dir jetzt dann einfach gar nix mehr“, oben drauf.

Wie man solche Konflikte vermeiden kann, wollt ihr sehr wahrscheinlich jetzt wissen oder?
Also wir haben den Jugendlohn eingeführt.

Jugendlohn? Hä? Was ist denn das?

Das Prinzip ist ganz einfach:
Jugendliche erhalten einen fixen monatlichen Betrag, von dem sie grössere Teile ihrer Lebenskosten selbstverantwortlich finanzieren.
Der Lohn beinhaltet eigentlich die Kosten, die von der Familie ohnehin getragen werden.
Das heisst: Er entspricht den bisherigen Ausgaben, welche die Eltern bis jetzt übernommen haben, (einfach so, ohne das explizit irgendwo auszuweisen) sowie dem aktuellen Lebensstandart und natürlich dem Familienbudget.
Dieser „Lohn“ wird jeden Monat auf ein eigenes Konto der Kinder eingezahlt. Sie erhalten eine Bankkarte (mit Bezugslimite), mit der sie dann das Geld abheben oder im Geschäft direkt mit der Karte zahlen können.
Ich nenne hier bewusst keine konkrete Zahl, denn der Betrag ist wirklich sehr individuell. Es kommt darauf an, welche Bereiche ihr in den Jugendlohn mit einbezieht und es ist vor allem auch davon abhängig, in welchem Kanton oder in welchem Land man wohnt.
(In der Schweiz ist, wie wir alle wissen, das Leben doch sehr, sehr teuer).
Eine ungefähre Angabe bekommt ihr, wenn ihr die Berechnungshilfen (Link etwas weiter unten) ausfüllt.

Wie funktionert der Jugendlohn

In einer ruhigen Minute setzt man sich mit den Teenies an einen Tisch und macht zusammen ein Budget. Dabei werden alle nötigen Lebenskosten aufgeschrieben.
Wie viel Geld werden pro Jahr ungefähr für Kleider, Coiffeur, Handy, Freizeitaktivitäten, Zug- oder Busbillette, Kosmetik, Unterhalt des Fahrrades, Sport usw. ausgegeben? Diese Fragen gilt es zu beantworten.
Am Anfang trifft man eine Annahme, da man ja nicht genau weiss, wie hoch die Kosten effektiv sind, ausser man hat vorher schon ein Familienbudget gemacht und kann dazu genaue Angaben machen.
Damit ihr einen kleinen Anhaltspunkt habt, könnt ihr z.B drei Monate lang die Ausgaben für eure Kids aufschreiben, und könnt damit vielleicht eine etwas genauere Annahme treffen.

Ende des Jahres wird ein 13. Monatslohn ausgezahlt. Wir zahlen diesen jeweils bereits im November aus, da im Dezember ja oft eine neue Winterjacke oder Weihnachtsgeschenke bezahlt werden müssen.
Winterschuhe sind ja bei den meisten Teenies nicht sooo hoch im Kurs und werden dann häufig zu Gunsten anderen, wichtigeren, Dingen vernachlässigt…
„Mit den Turnschuhen kann ich prima gut zur Schule gehen…“

Alle wichtigen Infos, Berechnungshilfen und Arbeitsblätter findet ihr übrigens hier.

Welche Bereiche gehören alle zum Jugendlohn?

Es gibt hier kein „richtig oder falsch“. Ihr trefft gemeinsam die Entscheidung, welche Bereiche ihr im Jugendlohn mit einbeziehen wollt.
Wie oben schon erwähnt sind es bei uns z.B Kleider (auch Skikleidung), Schuhe, Coiffeur, Fahrrad-Reparaturen, Essen auswärts, Freizeitbeschäftigungen, Tickets für den Öffentlichen Verkehr.

Ausgeschlossen vom Jugendlohn sind bei uns:
Ski-, Snowboardmiete, Krankenkasse, Essen wenn wir zusammen unterwegs sind (z.B in den Ferien), Jahresbeiträge/Abos und Kleiderbeschaffung für Hobbies (Volleyball, Pfadi, Ballett, Schwimmbadabo).
Das heisst, diese Ausgaben werden weiterhin von uns Eltern übernommen.

Welche Rahmenbedingungen braucht es?

Wenn man den Kids mehr Verantwortung überträgt, dann macht es natürlich auch Sinn, wenn man ein paar Regeln und Abmachungen vorher zusammen bespricht. Diese Abmachungen werden in einem kleinen, zusätzlichen „Vertrag“ zusammengefasst, also schriftlich festgehalten und von allen unterschrieben.
Das heisst, der Jugendlohn wird von den Eltern eingezahlt, wenn diese Bedingungen auch eingehalten werden.
Welche das sind, das müsst ihr mit euren Kids in Ruhe diskutieren.
Auch hier gilt:
Weniger ist mehr. Lieber ein paar wenige Regeln, die dann aber auch eingehalten werden können.
Abmachungen könnten z.B sein:

Zimmer- oder Badezimmerordnung und Hygiene 
Wer macht was putzt?
Wann?
An welchem Tag?
Wie oft?

Umgang in der Familie
Wie gehen wir miteinander um?
An welchen Aktivitäten sollen/müssen die Kids teilnehmen?
Welche Hausarbeiten fallen für die Kinder an?
Welche Dinge erledigen sie im Haushalt?

Freizeitaktivitäten
Wie oft, wann und wo dürfen sie mit ihren Freunden abmachen?
Wann müssen sie während der Woche/am Wochenende zu Hause sein?
Wann gehen sie am Abend ins Bett? Wann ist Licht erlöschen?

Handy/PC Konsum
Wie lange dürfen sie chatten, gamen, telefonieren?

Das sind ein paar Vorschläge/Beispiele. Ob und welche Regeln ihr mit dem Vertrag, resp. dem Jugendlohn verknüpfen wollt, ist natürlich eure eigene Entscheidung.
Ich persönlich finde es wichtig, dass man eine gute Balance findet und aufpassen muss, dass man den Jugendlohn nicht an zu viele „Verpflichtungen“ und Regeln knüpft. Sonst wird das ganze unübersichtlich, kompliziert und der eigentliche Sinn geht etwas verloren.

Zu den Abmachungen gehört aber auch, WIE die Ausgaben kontrolliert, wie und wo sie festgehalten werden. Die Kinder sollen lernen ihr Monatsbudget im Griff zu haben.
Dieser Punkt führt bei uns z.B immer wieder zu Diskussionen.
Die Kids wissen eigentlich:
Eine allfällige Erhöhung des Jugendlohns ist nur möglich, wenn wir diese „Forderung“ auch begründen können. Dafür müssen sie ihre Ausgaben aber genau aufschreiben und vorweisen können. Einfach nur zu sagen: „Es reicht nicht, ich brauche mehr Kohle!“ geht nicht.
Zeigt den Kindern deshalb von Anfang an, WIE und WO sie ihre Ausgaben erfassen können. (z.B mit einer Buchhaltungs App oder einer schlauen Tabelle).
Wir haben abgemacht, dass wir alle 3 Monate (am Anfang war es jeden Monat) zusammen sitzen und das Budget kurz besprechen.
Dieser Punkt allerdings harzt bei unseren Mädels immer noch so ein bisschen.
Das Aufschreiben und Buch führen ist noch verbesserungswürdig.
Aber wie gesagt, sie wissen: Wer keine Buchhaltung vorlegen kann, bekommt auch nicht mehr Geld.

Ab welchem Alter soll/kann der Jugendlohn eingeführt werden?

Empfohlen wird ab dem 12. Geburtstag. Ab diesem Alter können die Teenies ihre Bedürfnisse schon recht gut formulieren, holen aber trotzdem noch gerne ab und zu den elterlichen Rat ein und sind meistens doch noch recht umgänglich…. :-)
Ich sage ja: meistens…
Fürs 2. Kind war’s dann halt ein „bisschen gemein“, weil es noch 1,5 Jahre warten musste, bis es dann endlich auch 12 Jahre alt war…

Natürlich könnt ihr den Jugendlohn auch noch später einführen. Es kann einfach gut sein, dass die Einführungsphase dann halt schon ein bisschen schwieriger ist.
Ältere Jugendliche haben oft mehr Konsumwünsche und kaufen sich dann oft einfach nur die Dinge, die sie jetzt „unbedingt“ brauchen (Gruppenzwang) und nicht die Sachen, die halt jetzt notwendig wären.

Was bringt der Jugendlohn?

Es fördert ganz klar die Eigenverantwortung und die Selbstständigkeit. Die Kinder merken plötzlich, wie viel das Leben tatsächlich kostet. Sie überlegen viel mehr, ob sie dieses Trainerhose jetzt wirklich brauchen, oder ob sie mit dem Kauf nicht vielleich noch etwas warten könnten.
Das ständige: „Ich muss jetzt noch dieses oder jenes haben, ich brauche, du musst mir dies oder jenes bezahlen“ hört mit dem Jugendlohn auf.
Sie fangen auch plötzlich an, sich selber ein Sandwich zu streichen, bevor sie das Haus verlassen, weil es deutlich günstiger kommt, als immer auswärts etwas zu kaufen.
Sie lernen den Umgang mit Geld, lernen einzuteilen und wenn sie trotzdem mal in einen kleinen Kaufrausch gefallen sind, dann merken sie schnell welche Konsequenzen es dann hat:
„Oh, ich habe gar kein Geld mehr um mir neue Unterwäsche zu kaufen…“

Wir Eltern müssen jetzt nicht mehr ständig unsere (nervigen) Kommentare abgeben, wenn sich unsere Mädels etwas kaufen. SIE sind jetzt SELBER verantwortlich. SIE entscheiden, ob dieser Kauf nötig ist, ob sie wirklich noch ein paar Trainerhosen brauchen und vor allem, ob es ins Budget passt und ob sie es sich leisten können…
Ausserdem müssen wir auch nicht mehr ständig „Bank“ spielen und den Kindern für ihre Anschaffungen Geld ausleihen, weil sie vielleicht grad kein Taschengeld dabei haben oder schon alles aufgebraucht ist.
Shoppen macht jetzt sogar wieder richtig Spass…

Was unsere jüngere Tochter zum Jugendlohn meint, das hat sie in einem eigenen Blogartikel aufgeschrieben. Ihren Beitrag findet ihr hier.

Weitere Angaben, Tipps und Ideen zum Jugendlohn findet ihr unter www.jugendlohn.ch

Oder in diesem schweizerdeutschen Beitrag zum Thema „Jugendlohn“ in der Sendung ECO, des Schweizer Fernsehens.