„Amerika, hast du komplett den Verstand verloren?!“

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Schock.
Amerika hat tatsächlich Donald Trump gewählt.
Den launischen, unfassbar arroganten, rücksichtslosen, rassistischen, menschenverachtenden Populisten. Den Milliardär mit dem zerknautschten Gesicht und der merkwürdigen Frisur, der aussieht wie eine Parodie seiner selbst oder wie eine Figur aus „Spitting Image“, einer britischen Satireserie aus den 80-er Jahren. *vielleichterinnertihreuch

Amerika hat also gewählt und die ganze Welt ist geschockt.
Ok. Die Kandidaten-Auswahl war sehr bescheiden. Eine Auswahl zwischen „Cholera oder Pest“, wie viele Wähler zynisch kommentiert haben.

Wäre es nicht so tragisch, würde man einfach nur den Kopf schütteln und dann zur Tagesordnung übergehen: „Irgendwie wird die Welt diese 4 Jahre mit Donald schon überleben, den Bush haben wir ja auch überlebt.“

Soll ich was darüber schreiben hab ich mir überlegt?
Über diese Wahlnacht.
Über meine Gefühle, als ich um 03:00 ins Bett gegangen bin, bereits mit der schrecklichen Vorahnung, dass dieser unsägliche Mensch bald der neue Leader von Amerika sein wird.
Soll ich nicht einfach meinen Frust auf Facebook ausdrücken? Bilder und Links in meine Timeline posten um so mit meinem Unverständnis ein bisschen besser umgehen zu können?

Ich hab’s mir Anders überlegt, wie ihr hier sehen könnt. Bereits 188 Wörter hab ich geschrieben. Über diese Wahl, dessen Endresultat mich so aufregt, dass ich brechen könnte.

Ich hab’s mir Anders überlegt, weil meine Kids (im Teeniealter) heute morgen um viertel nach 6 als Erstes gefragt haben:
„Und WER hat die Wahl gewonnen?“ und ich ihnen sagen musste, dass es wohl der Mann mit dem orangen Gesicht sein wird. Der Mann, der es ok findet, Frauen anzugrapschen und ihnen zwischen die Beine zu langen („Jaja, ein lustiger Witz, den ALLE Männer machen, wenn sie mit anderen männlichen Geschöpfen in einem Bus sitzen…“)
Der Mann, der mit rassistischen und sexistischen Sprüchen um sich schlägt, der alle Journalisten als kriminell bezeichnet, der eine Mauer bauen will, um illegale Einwanderer aus Mexiko fernzuhalten, der an einer Wahlveranstaltung gedroht hat: „Greift mich einer an, schlage ich zehnmal härter zurück.“ Und dann noch hinzu fügte: „Warum sollten wir uns nicht mit einer Nuke (Verniedlichungsform von Atombombe, also ein Atombömbchen, sozusagen) wehren dürfen?“
Ein Mann also, der wie es scheint komplett den Verstand verloren hat und der nun zu einem der mächtigsten Menschen dieser Welt wird.
Ich hab’s mir Anders überlegt, weil meine 14- und 13-jährigen Mädels mich entsetzt angeschaut und mich Dinge gefragt haben, die ich nicht beantworten konnte.

„Wie ist so etwas möglich?“
„Wer wählt so einen Menschen?“
„Warum wird einer, der ständig nur Andere beleidigt zum Präsidenten von Amerika gewählt?“
„Der ist doch Erwachsen, der sollte doch also auch ein Vorbild sein?“
„Können die Leute in den USA denn jetzt gar nix dagegen tun?“
„Hat Amerika denn komplett den Verstand verloren?“


Fragen, die wir dann am Mittagstisch versucht haben ansatzweise zu beantworten.
Fragen, die eigentlich aber auch in den Schulunterricht gehört hätten. Wann, wenn nicht in diesem Moment, kann Geschichtsunterricht im letzten, 9.Schuljahr, eindrücklicher dokumentiert werden.
Warum werden diese Fragen zum Beispiel nicht von der Lehrerin aufgenommen und dann mit der Klasse darüber diskutiert?
Warum gibt es keine Diskussion über „Wutbürger“, und „Wahlmänner“, über Demokratieverständnis und Meinungsbildung in den Medien oder die Auswirkungen von populistischen Tendenzen in unserer Welt? Stattdessen lernten wir hier in den letzten Wochen „Oxoplasmose“, sehr viele Französischwörter, den Knochenaufbau und „irgendwas in Geografie“, dass ich schon wieder vergessen habe.
Alles wichtige Dinge, ohne Frage. Aber diese US-Wahl und der Lärm den es (auch online) um sie herum gab, hätte auch in irgendeiner Form in den Schulunterricht dazu gehört.
Ich verstehe es nicht.

Es ist aber nicht nur die Schule, die dieses Thema aufgreifen sollte. Auch wir Eltern müssen unseren Jugendlichen in dieser turbulenten Zeit immer wieder zeigen, wohin diese Lügen und dieser Hass, offline wie auch online, führt. Wohin uns Menschen die Unzufriedenheit und die Wut bringt, und wie sie unsere gesamte Weltpolitik verändert.

Ja, wir Eltern haben tagtäglich schwierige Aufgaben zu meistern. Je nach Alter unserer Kids müssen wir täglich Streit schlichten, beim Anziehen helfen, Wutanfälle überstehen, Brote schmieren, Geschichten erzählen, Hausaufgaben checken, den Medienkonsum überwachen, Respekt und Toleranz lehren und die Kinder auf ihrem Weg zur Selbstständigkeit und zum Erwachsen werden begleiten.
Das fordert uns und wird mit zunehmendem Alter unseres Nachwuchses immer anstrengender und anspruchsvoller.
Kinder brauchen Verlässlichkeit aber auch Motivation. Sie brauchen Zuwendung, auch dann wenn’s grad schwierig ist. Sie brauchen Verständnis und manchmal auch Erwachsene, die ihnen gewisse Dinge zeigen und erklären. Sie brauchen manchmal auch Kontrolle aber auch ganz viele Möglichkeiten Dinge selbstständig zu tun. Damit sie lernen kritisch zu sein, selber zu denken und auch mal „Nein“ sagen zu können.

Wir sind gefordert.

Wir müssen Diskussionen anstossen, den Kindern und Jugendlichen zeigen, dass man Dinge hinterfragen und sich selber eine Meinung bilden und auch für diese einstehen muss. Dass man nicht blind, YouTubern, Instagramern und sonst irgendwelchen Menschen nacheifern muss, die einem ständig irgendwelche Weisheiten, Parolen oder Produkte andrehen wollen. Dass man nicht ungefragt irgendwelche Quotes, Links und Nachrichten teilen und weiterleiten soll, ohne vorher darüber nachzudenken WAS genau der Inhalt ist, WOHER die Quelle kommt und WARUM man das jetzt teilen will.
Wir müssen Fragen stellen, auch wenn es manchmal unbequem ist. Wie müssen hinschauen und auch mal Diskussionen und Streit aushalten.
Wir müssen aber auch Vorbilder sein und uns genau so kritisch mit dem, was in unserer Welt passiert, auseinandersetzen. Nicht blind alles nachplappern und teilen, über Leute urteilen, schimpfen und Hass weiterverbreiten.
Es braucht einen wachen Geist, Aufmerksamkeit, Diskussion und Engagement. Wir müssen uns einmischen, uns informieren und eben auch wählen gehen. Wenn wir denn das Privileg haben, das tun zu können.

Wir haben heute viel diskutiert. Viele Fragen konnten nicht beantwortet werden.
Aber wir bleiben dran.

Ein bisschen Hoffnung bleibt.

Dass wir alle, mit einem wachen und offenen Geist, mit viel Engagement und vielen anregenden Diskussionen, unsere Kinder zu aufgeweckten, kritischen, selbstständigen und lösungsorientierten Menschen erziehen.
Menschen, die ihr Leben in die Hand nehmen, selber denken, und nicht einfach blind einem „Rattenfänger“ mit einer lustigen Flöte, ehm Botschaft nacheifern.

Ein bisschen Hoffnung bleibt, dass das politische System in Amerika stark genug ist, um die Macht eines solchen grössenwahnsinnigen Präsidenten zu beschränken.
Garantie gibt es aber leider keine.

Vielleicht können wir einfach im Kleinen damit beginnen, dass unsere Kids in ein paar Jahren, wenn sie selber wählen gehen können, etwas mehr bei Verstand sind, als wir Erwachsenen im Moment.