Nicht perfekt – aber menschlich

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Wenn man, so wie ich, regelmässig schlaue Artikel mit Erziehungsweisheiten veröffentlicht, den Eltern Tipps und Ratschläge gibt, wie sie den Alltag mit ihren Kinderlein vielleicht ein bisschen ruhiger und harmonischer gestalten können, besteht immer auch die Gefahr, dass die Leute vor den Bildschirmen denken:
„Oh Gott!
Wieder diese Erziehungstante.
DIE hat ja wohl auch die Weisheit mit Löffeln gefressen.
Das liest sich immer so einfach, aber im Alltag ist das überhaupt gar nicht so leicht umzusetzen.
DIE hat gut reden.
Weiss die eigentlich WIE anstrengend dieser Erziehungsalltag manchmal sein kann?“

JA. DIE, (also ich, die Frau Elternplanet) weiss das. :-)
Weil ich erstens: Tagtäglich mit Eltern zu tun habe.
Und zweitens: Weil ich selber zwei Kinder habe und erst noch zwei im besten Pubertäts-Trotz-Motz Alter.
Weil ich genau DIE Situationen, die ihr täglich erlebt, auch erlebt habe und zum Teil immer noch erlebe.
Vielleicht ein bisschen anders, aber nicht weniger anstrengend… ;-)
Weil ich den Frust, den Ärger, die Wut kenne, die einen manchmal überrollt.
Einfach so und heftig.

Weil ich auch schon mal heulend mit zwei kleinen Kindern (damals etwa 2 und 3,5 Jahre) im Wohnzimmer stand und einfach nicht mehr wusste, was ich hier eigentlich tue.
Weil mich meine Kids auch schon an den Rand der Verzweiflung gebracht haben, weil ich nicht mehr wusste, wie ich reagieren soll, wenn sie ständig streiten und sich an den Haaren reissen.
Weil ich auch schon mal nach „Fliegen-Sie-jetzt-sofort-auf-eine-einsame-Insel-ohne-Kinder“ Angeboten gegoogelt habe und die Kinder um halb 7 am liebsten schon ins Bett gesteckt oder dem Samichlaus mitgegeben hätte.
Ich kenne ihn:
Den ganz normalen Wahnsinn, den Eltern mit ihren Kindern erleben.

Wenn man schlaue Tipps gibt, dann gilt man schnell mal als „Fachfrau“ oder „Fachperson“. Eine Person also, die vom Fach ist.
Und von denen gibt es ja bekanntlich viele.
Fachpersonen geben fachmännischen oder fachfrauischen Rat und haben manchmal so ein bisschen die Tendenz, überheblich zu wirken.
Denn SIE:
Wissen ja wie man es besser machen kann
Wissen, was man gaaar und überhaupt niiiieeeemals machen darf

Wie gibt man Tipps, damit es nicht überheblich wirkt?

Es ist eine Gratwanderung, Tipps und Ratschläge so zu verpacken, dass Eltern nicht das Gefühl haben, dass „diese Frau Elternplanet ja echt voll überheblich daher kommt und immer so tut, als wisse sie wie der Erziehungs-Hase läuft.“
Ich gebe mein Bestes, dass es eben nicht so wirkt. Ganz verhindern kann ich es aber wahrscheinlich nicht.
Ich versuche euch deshalb manchmal zu zeigen, dass auch hier nicht immer alles rund läuft, dass ich grade jetzt mit dem Teeniealter, auch manchmal wieder sehr am Anschlag und wütend bin und eben auch mal Dinge tue, von denen ich euch in meinen Beiträgen eigentlich abrate… :-)

Ich tue das, weil ich eben nicht einfach eine „Fachfrau“ bin, sondern eine Mama, die täglich versucht ihr Bestes zu geben.
Dank meinem „Fachwissen“ gelingt mir das zum grössten Teil auch. Weil ich viele wichtige Strategien kenne, weil ich in etwa weiss, wie man schwierige Situationen meistern oder ihnen gar aus dem Weg gehen kann.
Ich weiss, worauf es ankommt, beschäftige mich täglich mit dem Thema „Erziehung“ und trotzdem bin ich nicht unfehlbar.

Ich habe euch im letzten Blogartikel erzählt, warum ich am 14. November, einen Tag nach den Terroranschlägen, meine Kinder angeschrien habe.
Dieser Artikel hat auf Facebook eine unglaubliche Reichweite von fast 130 000 Personen erziehlt, unzählige Kommentare generiert und wurde wie wild im Netz geteilt.
Viele haben „Danke“ gesagt, weil es ihnen an diesem Morgen ähnlich ging.
Weil sie genau so aufgewühlt und deshalb auch abgelenkt, nicht bei der Sache und deshalb unfair zu ihren Kindern waren wie ich das im Artikel geschildert habe.

Heute hat mich eine Mail erreicht, von einer „langjährigen“ Familienbegleiterin. Sie hat mir ganz empört geschrieben, dass sie dieses Beispiel mit dem Anschreien total daneben fand. Dass es uns doch sehr bewusst sein sollten, wohin schreien führt und WAS die Hintergründe sind!!!!!!!!!!!!!!
(Dazu 14 Ausrufezeichen).

Ja liebe langjährige Familienbegleiterin. Sie haben Recht.
Es ist nicht ok, seine Kinder anzuschreien. Das ist es ganz und gar nicht. Egal, was passiert ist und trotzdem habe ich es in dem Moment getan. Als „Fachfrau“ aber vor allem als Mama und als Mensch.
Natürlich hab ich als „Fachfrau“ die Situation sofort analysiert, hab mir überlegt WARUM das passiert ist, hab mich dann später auch entschuldigt und auch gleich meine Schlüsse gezogen, WIE ich  das ein anderes Mal besser machen könnte.
Vielleicht haben Sie selber immer alles richtig gemacht. Vielleicht haben Sie nie wirklich nie ihre Kinder angeschrien. Toll.
Vielleicht erinnern Sie sich aber auch einfach nicht mehr so genau, weil ihre Kinder (laut der Biografie auf Ihrer Homepage) schon erwachsen sind… :-)
Die negativen Dinge vergessen wir ja bekanntlich schnell.

Ich bin in dieser bestimmten Situation laut geworden und JA, es war nicht ok.
Es ist aber auch nicht ok, wenn Fachleute ständig so tun, als würden alle Anderen immer alles falsch machen und mit dem Finger auf sie zeigen. DAS hilft nämlich niemandem. Das frustriert nur und hält Eltern möglicherweise sogar davon ab, Hilfe zu suchen.
Weil sie sich gar nicht mehr trauen, sich unverstanden fühlen und denkt, nur sie selber machen immer alles falsch.
DAS ist nämlich heuchlerisch, denn ALLE machen mal Fehler und nur wer sie zugibt, kann auch aus ihnen lernen.

Ich habe diese Situation ganz bewusst aufgeschrieben, um euch zu zeigen, dass eben auch Leute, die tagtäglich mit Erziehung zu tun haben, sich manchmal nicht nach dem „Lehrbuch“ verhalten.
Das ist zwar nicht gerade perfekt.
Und auch nicht besonders vorbildlich.
Aber menschlich.

Also lasst euch nicht verunsichern.
Geht weiter euren Erziehungsweg, mit all den Höhen und Tiefen.

  • Marisa Liviero

    Vielen Dank…es ist das ehrlichste, und beste Elternportal das ich kenne, mit einer supernormalen Elternplanettante.(:-))
    Danke dafür, Danke für die menschlichkeit!