Vom Elternsein

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Unglaublich gefreut haben wir uns, als wir damals diesen zweiten Strich auf dem Teststreifen gesehen haben.

Glücklich waren wir, als wir das erste Mal dein Herz schlagen gehört haben.

Geliebt haben wir dich vom ersten Moment an, als wir dich in den Armen halten durften.

Besorgt waren wir, als du immer geweint hast und wir nicht wussten was dir fehlt.

Müde waren wir, und sind es heute noch, wenn du nicht schlafen willst, ständig nach uns rufst und in der Nacht und immer und immer wieder aufstehst.

Fasziniert sind wir, wie du die Welt entdeckst und uns immer wieder zum Staunen bringst.

Zufrieden sind wir, wenn du friedlich auf unserem Bauch liegst.

Wütend sind wir, wenn du nicht die Dinge tun willst, die wir von dir verlangen.

Unverstanden fühlen wir uns, wenn uns alle sagen wollen, wie wir mit dir umgehen sollen.

Gefordert sind wir, dich zu einem verantwortungsvollen Menschen zu erziehen.

Aufgeregt waren wir damals, als du deinen ersten Schritt gemacht hast.
Aufgeregt sind wir auch heute noch.
Wenn du eine Ballettaufführung hast, beim Fussballmatch im Tor stehst, wenn du neue Dinge ausprobierst, immer selbstständiger wirst und wir dich immer mehr loslassen müssen.

Zuversichtlich sind wir, wenn wir dir zuschauen, wie du deinen Alltag meisterst.

Ausgelaugt sind wir, wenn wir dir immer wieder das Gleiche sagen müssen und du einfach nicht auf uns hörst.

Alleine fühlen wir uns manchmal in unserer Rolle.
Wenn niemand da ist, dem wir unser Herz ausschütten können. Niemand mit dem wir zusammen lachen oder ein bisschen schimpfen können. Über dein Verhalten, über unsere Sorgen, den Alltag und über die Welt.

Gestresst sind wir, wenn wir unsere hohen Erwartungen nicht erfüllen können und deshalb immer das Gefühl haben, wir kommen immer einen Schritt zu spät und die Anderen würden alles viel besser hinkriegen als wir.

Ausgefüllt sind wir, nach einem schönen Tag mit viel Positivem, mit Kinderlachen, mit viel Freude und Spass. Wenn wir zusammen rumgealbert und Eis gegessen haben – einfach ein tolles Team waren.

Ängstlich sind wir, wenn du krank bist oder auf hohen Klettergerüsten herumkletterst. Wenn du das erste Mal in ein Schullager gehst oder mit dem Fahrrad auf der Strasse unterwegs bist.

Ungeliebt fühlen wir uns, wenn einfach mal wieder alles schief läuft. Wenn die Hose nicht sitzt, die Frisur Scheisse ist. Wenn jeder nur übers Essen meckert, wenn wir dir extra was Kleines vom Einkauf mit nach Hause gebracht haben und das Einzige was wir von dir hören ist ein:
„Warum hast du mir das blaue Buch gekauft und nicht das rote. Ich hätte lieber das rote gehabt. Das blaue ist doof.“

Stolz sind wir, wenn du deine erste Runde auf dem Fahrrad fährst, ganz alleine in den Kindergarten läufst, du deine Abschlussprüfungen bestanden hast.

Enttäuscht sind wir, wenn wir dich beim Lügen ertappen, wenn du dich nicht an unsere Abmachungen hältst und wir merken, dass wir das Vertrauen zu dir verlieren.

Überrascht sind wir immer wieder über die vielen Fortschritte, die du jeden Tag machst.
Leider sagen wir dir das viel zu wenig.
Weil wir es in der Hektik des Alltag vergessen oder es uns selbstverständlich erscheint.

Ratlos sind wir, wenn du deinen Willen entdeckst und genau das Gegenteil willst, von dem was wir eigentlich möchten.

Unsicher sind wir, wenn du plötzlich dein Zimmer abschliesst und deine Ruhe willst. Wenn du uns von deinem Leben ausschliesst und deine Probleme in WhatsApp Chats besprichst.

Genervt sind wir von deinen Schreiattacken, deinem Chaos oder wenn du die Augen rollst und sagst:
„Mann Alter! Ihr seid voll die fiesen Eltern! ALLE anderen dürfen das! Lasst mich einfach in Ruhe!“

Erwartungsvoll blicken wir in die Zukunft.
Ob wir das alles hier mit dir meistern werden?
Ob wir nicht über unsere hohen Erwartungen stolpern?
Ob unsere Balance zwischen Führen und Loslassen die richtige war?

Es ist nicht einfach.
Und ab und zu stehen wir kurz vor dem Scheitern.
Sind 
müde, gestresst, unsicher ängstlich, enttäuscht, ratlos, wütend, alleine, traurig und ausgelaugt.

Es ist echt streng und manchmal bringst du uns dermassen auf die Palme, so dass wir nicht wissen, bringst und wie wir da jemals wieder runterkommen sollen.

Auch wenn wir uns ärgern über dein Verhalten, deine Ausraster, über freche Sprüche und Schimpfwörter. Wenn du dein Zimmer nicht aufräumst, deine Schuhe liegen lässt, deine Schwester ärgerst, den Teenie-Blick aufsetzt. Wenn du nicht schlafen willst, am morgen zu viel quasselst, eine Trotzphase nach der anderen kommt:

Wir sind DANKBAR, dass du hier bist.