Diagnose: Wild, laut, unaufmerksam

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Ich weiss, es ist immer einfach, über ein Thema zu schreiben, wenn man selber nicht direkt betroffen ist, sondern „nur“ jemanden kennt.
Ich weiss aber, dass der Leidensdruck unheimlich gross ist, dass Familien manchmal fast daran zerbrechen und Eltern oft kurz vor dem Zusammenbruch stehen.
Dann kommt vom Arzt die Diagnose „ADHS“ und nicht selten wird Ritalin verschrieben. Die Betroffenen erzählen vom „umgekehrten“ Kind, dass endlich alles „viel viel besser läuft“ und das Kind „wieder normal“ leben kann.
Nicht Betroffene verwerfen die Hände, verurteilen und werfen oft mit bösen Schimpfwörtern um sich oder teilen Artikel von Weltuntergangs- und Verschwörungsportalen, wie zum Beispiel vom Kopp Verlag.

Auch ich werde immer mal wieder um diesbezüglich um Rat gefragt. Was kann man tun, wenn ein Kind „auffällig und schwierig“ ist. Hat es vielleicht ADHS? Soll man es abklären lassen? Und was dann? Was, wenn dann eine Diagnose da ist? Soll man dem Kind Medikamente geben?

Gerade vor kurzem hat mich wieder eine Mama angeschrieben, dessen Kind abgeklärt werden soll, sie aber eigentlich nicht das Gefühl hat, dass es nötig sei. Sie war unsicher, wollte einen Rat, ein paar Ideen, Vorschläge, Tipps.
Ich merke, dass in letzter Zeit viele Eltern zögern. Diese Diagnose nicht einfach so in den Raum stellen wollen, sie auch hinterfragen, sich wirklich gut informieren, sich verschiedene Meinungen anhören, abwägen und sich oft auch der Selbstkritik stellen:

Was können WIR als Eltern tun?
Was haben WIR vielleicht bis jetzt ein bisschen verpasst?
WAS braucht unser Kind von UNS und von seinem Umfeld?
Wie können wir mit IHM ZUSAMMEN die Defizite beseitigen?

Als „Nichtbetroffene“ ist es immer leicht, Ratschläge zu geben. Wenn ich gefragt werde, dann sind das hier so meine Favoriten.
(Alles Dinge, die man am besten von ganz frühster Kindheit an, immer in seinen Erziehungsalltag miteinbeziehen kann. Gilt übrigens für ALLE Kinder :-).


Sie wertschätzen, loben und ihnen immer wieder zeigen, dass sie wichtig sind und gebraucht werden.

Die Kinder viel bewegen und die Welt entdecken lassen
(Sie z.B in eine Wald- oder Bauernhofspielgruppe schicken, später vielleicht mal zu den Pfadfindern).

Auf den Zuckerkonsum achten

Den Kindern viel interessante Beschäftigungen geben

Sie ganz oft in viele Aufgaben miteinbeziehen

Klare Abmachungen treffen und konkrete, aber nicht zu viele Anweisungen geben.

Rituale einbauen, Strukturen einhalten

Den Kindern nicht alles abnehmen, nicht ständig alles für sie erledigen.
Sondern lieber nach dem Motto von Maria Montessori: Hilf mir, es selbst zu tun

Frust und Wut aushalten lassen, zusammen nach möglichen Lösungen suchen.

Ruhepausen/Oasen schaffen

Klingt alles toll, ich weiss, doch die Umsetzung ist eben nicht immer ganz einfach.
Kommen dann noch eigene Sorgen, wie Geldprobleme, Ehekrise, Stress, Krankheit, dazu; dann sind tolle Ratschläge dann oft einfach nur das, was sie sind: Tolle Ratschläge.
Doch helfen können sie einem nicht wirklich, weil man sie eben nicht umsetzen kann.

Gerade Eltern mit „ADHS“ Kindern sind es wahrscheinlich Leid, immer wieder lesen zu müssen, dass „ADHS“ keine Krankheit, sondern nur eine Modeerscheinung ist, weil sie es ganz anders erleben oder erlebt haben. Sie haben das getan, was ihrer Meinung nach richtig war, was man ihnen empfohlen hat und trotzdem hat sich die Situation nicht verbessert.

Ich kann gut nachvollziehen dass diese „Diagnose“: „Ihr Kind hat…“ dann manchmal recht befreiend sein kann. Man weiss jetzt, warum das Kind Schwierigkeiten macht, warum „etwas mit ihm nicht stimmt.“

Ich weiss nicht, wie ich reagieren würde, wenn mir nahe gelegt würde, mein Kind mal „abklären“ zu lassen.

Vielleicht würde ich es tun, weil man es eben tut oder der Leidensdruck dermassen gross ist. Vielleicht würde ich meinem Kind einen Moment lang ein Medikament geben, damit alle wieder ein bisschen zur Ruhe kommen, wieder ein normaler Umgang möglich ist um sich denn einen neuen Weg zu suchen.
Vielleicht würde ich aber auch von Anfang an nach Alternativen suchen, mir überlegen:

Wenn es keine Krankheit ist, was ist es dann?
Und wie wollen wir das anpacken?
Wenn es keine Medikamente braucht, was braucht es dann?

Ich will mir nicht anmassen, hier den ultimativen Tipp oder Ratschlag zu veröffentlichen, denn ich habe selber keinen.

Ich bin im Netz sehr oft schon über alle möglichen Artikel zum Thema gestolpert.
Über weniger gute, über haarsträubende, über ganz Gute und über den hier.

Ein spannendes Interview mit dem Neurobiologen und Hirnforscher Dr. Gerald Hüther, der zugegebenermassen nicht ganz unumstritten ist…
Er entwickelt eine neue Sicht auf die häufigste psychiatrische Erkrankung von Kindern. Seine These: Diesen Kindern fehlt die Erfahrung des Gefühls der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen durch „shared attention“.
Deshalb fällt es ihnen schwer, sich in Gemeinschaften zurechtzufinden. Sie werden deshalb ausgegrenzt und zurückgewiesen. Ihre ADS-Symptomatik ist Ausdruck der von ihnen gefundenen Bewältigungsstrategien für diesen Ausschluss.

Den ganzen Artikel findet ihr hier.

Und das Interview mit Dr. Gerald Hüther im ZDF „Heute Journal“ gibt’s hier.

Ein spannender Ansatz, findet eine „Nichtbetroffene“.
Vielleicht auch ein Ansatz oder eine kleine Hilfestellung für alle die gerade am Anfang dieser „ADHS“ Diskussion stecken.
Für einige vielleicht auch ein Grund den Kopf zu schütteln, weil auch diese Sichtweise nicht unumstritten ist. Nicht selten fallen dabei die Worte Scharlatan, Spinner oder „Nicht-Experte“.

Ich weiss, es gibt so viele unterschiedliche Meinungen zum Thema.
Taucht eine Theorie auf, wird sie auch gleich wieder von jemandem widerlegt. Die Diskussion und der Austausch bleibt spannend und ich hoffe, dass jeder den Weg herausfindet, der für sich und seine Familie der richtige ist.

Ein möglicher Weg, zeigt Katya Held (Aromatherapeuthin) in ihrer Diplomarbeit auf.
Aromatherapie und ADHS – Geht das?
So heisst ihre Arbeit und sie stellt sie euch kostenlos als Download zur Verfügung. Wer sich gerne mal in das interessante Thema einlesen möchte, der klickt einfach hier auf den Link.

Wer mehr zu Katyas Arbeit wissen möchte oder sich speziell für die Aromatherapie bei ADHS Kindern oder Erwachsenen interessiert, der schaut am besten mal auf Katyas Homepage:
jali-aroma.ch vorbei.