«Hallo liebe Eltern, hier spricht das „Grännihaar“»

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Liebe Eltern
Ich bin’s. Das „Grännihaar“.
Einige von euch kennen mich vielleicht aus ihrer eigenen Kindheit oder aus dem aktuellen Erziehungsalltag mit euren eigenen Kinderlein.
Wer mich nicht kennt:
Also. Ich bin das Haar (meistens mehrere, also so ein kleiner, feiner Haarbüschel) an den Schläfen der Kinder. An mir wird oft gezogen und das tut weh. Und wenn etwas weh tut, dann muss man oft „gränne“. „Gränne“ ist ein Schweizer Wort in Berner Dialekt und bedeutet: weinen. Deshalb nennt man mich das „Grännihaar“.
Ich bin also das Haar an den Schläfen, wegen dem man weinen muss, wenn man daran zieht. *allesklarsoweit

Eltern ziehen an mir aus folgenden Gründen:
Weil,
die Kinder auch nach mehrmaliger Aufforderung nicht gehorchen
die Kinder auch nach mehrmaligem Rufen nicht kommen.
die Kinder frech sind.
die Kinder hauen
die Kinder grob und gemein zu anderen Kindern sind
die Eltern nicht Ernst nehmen

Manchmal ziehen die Eltern an mir, aus:
ÜBERFORDERUNG
Weil sie müde sind, gestresst, nicht mehr weiter wissen, einfach genug haben und ihren Kindern zeigen wollen: „STOP, es reicht, ich kann nicht mehr, hör jetzt einfach auf damit und benimm dich so wie ich will.“

Manchmal ziehen Eltern aber auch an mir, aus:
ÜBERZEUGUNG.
Weil sie es immer schon getan haben, weil sie es aus ihrer eigenen Kindheit kennen, weil sie immer und überall lesen, dass es andere auch tun und es ja schliesslich „niemandem“ geschadet hat, weil sie dem Kind zeigen wollen, dass es eine Grenze überschritten oder eine Abmachung oder Regel gebrochen hat. Oder vielleicht auch, weil sie keine anderen Alternativen kennen. Weil sie in diesem „Strafmodus“ gefangen sind und vielleicht gar nicht wissen, dass man schon VORHER, also bevor die Situation aus dem Ruder läuft, ein paar Dinge tun kann, damit es eben besser klappt.

Liebe Eltern.
Egal aus welchen Gründen ihr an mir, dem „Grännihaar“ zieht, egal ob ihr es als Reflex tut oder ganz bewusst: Hört euch doch bitte kurz an, was ich zu sagen habe. Es wäre mir wirklich ein Anliegen.
Vielleicht kann ich dem Einen oder Anderen von euch ein paar Ideen und Inputs geben damit aufzuhören, und mich in Ruhe zu lassen. Nicht an mir zu ziehen heisst nämlich nicht, dass man eine „Larifari-Erziehung“ praktiziert, dass man den Kindern alles durch gehen lässt und dass die Kids einem auf der Nase herum tanzen müssen. Auch wenn ihr vielleicht der Ansicht seid „das habe euch/oder noch niemandem geschadet“, es gibt nämlich durchaus ein paar Möglichkeiten, wie ihr das auch ohne mich, das „Grännihaar“ schaffen könnt. Also hört mal zu.

1. Redet mit euren Kindern
Bevor ihr euch beschwert, dass sie Regeln und Abmachungen nicht einhalten, muss es welche geben. Kinder müssen wissen, WAS GENAU von ihnen erwartet wird. Deshalb ist es wichtig, dass ihr immer gut vorausplant:
Sagt ihnen vor dem Einkaufen, WO ihr hingeht, WOMIT und WAS ihr braucht. Schreibt zusammen einen Einkaufszettel und sagt ihnen klar, dass ihr nur die Sachen braucht, die auf dem Zettel stehen. Sagt ihnen auch, dass die Spielwarenecke ganz toll ist und dass ihr kurz dort hingehen könnt, dass ihr aber von dort nichts braucht. Ihr könnt z.B einen Zettel mitnehmen und die „allfälligen“ Wünsche eurer Kids aufschreiben oder im Smartphone einen Fotoordner mit dem Namen: „Diese Sachen wünscht sich mein Kind“ anlegen und dann darf das Kind jeweils ein Foto vom tollen Laserschwert oder der Monster-Barbie machen.“ Versucht POSITIV zu formulieren, sagt also, was das Kind machen und nicht, was es NICHT machen soll.
Wenn ihr immer wieder in den gleichen Situationen Streit oder Ärger habt und das Gefühl habt, ihr müsstet IMMER wieder das Gleiche sagen, dann besprecht zusammen ein paar Regeln und Abmachungen. Schreibt diese dann auf und hängt sie gut sichtbar auf.
Erinnert die Kinder immer wieder an eure Abmachungen. z.B Bevor ihr in den Supermarkt, ins Restaurant oder ins Schuhgeschäft reingeht, wiederholt ihr das Wichtigste noch einmal oder fragt eure Kinder selber danach: „Weisst du noch, was wir abgemacht haben?“

2. Gebt euren Kinder etwas zu tun
Kinder sind oft quengelig, nervig oder ungehorsam, wenn sie nix zu tun haben, sprich: wenn es ihnen langweilig ist. Bindet sie in die Aufgabe mit ein, lasst sie mithelfen, gebt ihnen viele interessante Sachen zu tun, gebt ihnen eine Aufgabe. Redet mit ihnen, sprecht über Farben, Formen, singt Lieder, erfindet Geschichten, sucht nach lustigen Namen. Je nachdem wo ihr halt gerade seid und was ihr gerade macht.

3. Ermutigt eure Kinder
Sie können ganz viele Sachen nämlich schon ganz gut. Sagt es ihnen. Gebt ihnen immer wieder ein positives Feedback. Das kann ein Lob sein, ein Lächeln, eine nette Geste.
Passt auf, dass ihr beim Ermutigen nicht ins Negative fallt.
Also nicht: „Endlich, hast du mal getan, was ich dir gesagt habe!“

4. Erwartet nicht zu viel
Zu hohe Erwartungen können euch und eure Kids nur stressen und dann klappt es meistens sowieso nicht. Kinder sind neugierig, laut, wild, entdeckungsfreudig, launisch, eigensinnig, manchmal müde, hungrig oder haben einfach keinen Bock, das zu tun, was wir von ihnen möchten.
Manchmal verstehen sie unsere Anweisungen auch einfach nicht, weil sie unklar sind, wir sie von weit her rufen, weil wir zu viele davon geben und den ganzen Tag nur reden und reden oder weil wir eben keine Anweisungen geben sondern eine Frage stellen: „Würdest du jetzt bitte damit aufhören? Kommst du jetzt endlich her?“
Kinder müssen viele Dinge lernen. Step by Step. Viele Sachen können sie noch nicht und sie brauchen unsere Hilfe und unsere Anweisungen.
Erwartet aber auch nicht zu viel von euch. Ihr müsst nicht perfekt sein, euch und eurem Umfeld auch nichts beweisen.

5. Logische Konsequenzen
Jeder macht Fehler und jeder hält sich ab und zu nicht an Abmachungen. Das ist normal.
Ich als „Grännihaar“ beobachte das immer wieder. Da ich ja auf dem Kopf bin, hab ich das von dort oben immer gut im Blick. Ich möchte aber einfach nicht ständig als Konsequenz hinhalten müssen. Denn ich habe mit dem Problemverhalten herzlich wenig zu tun. Wenn Kinder nicht hören, etwas kaputt machen, laut sein, ihre Geschwister ärgern, dann habe ich als „Grännihaar“ nix damit zu tun. Wenn ihr dauernd an mir zieht, dann bringt ihr die Kinder einfach nur zum Weinen, ihr macht ihnen vielleicht auch Angst und tut ihnen weh. Ihr zeigt ihnen damit aber auch, dass es ok ist, wenn man bei Problemen einfach an einem „Grännihaar“ zieht, um zu zeigen, dass es ein Problem ist. Worum es genau geht und wie man es hätte anders machen können, lernen die Kids dadurch nicht.

Und zum Schluss möchte ich das hier auch noch los werden:

Wenn Kinder grösser werden, dann sind sie noch in der „Lehre“, in der „Ausbildung“. Viele Sachen können sie ganz automatisch, viele Sachen müsst ihr ihnen aber auch zeigen und dabei auch immer wieder versuchen, ein Vorbild zu sein.
Es braucht viel Geduld, viele, viele Wiederholungen, viel Ermutigung, gutes Feedback. Sie müssen Erfahrungen aber auch Fehler machen und auch aus ihnen lernen dürfen.
Ein Lehrmeister zieht dem Auszubildenden auch nicht am „Grännihaar“, wenn er einen Fehler macht, einen schlechten Tag hat oder sich mal daneben benimmt. Und nein, es gibt keinen Unterschied, ob es jetzt Erwachsene sind oder Kinder.

Ich bin ein „Grännihaar“, kein Erziehungs-Spezialist, aber ich spüre immer, dass es den Kindern weh tut, dass sie jedes Mal eine kleine Demütigung erleiden, auch wenn sie die oft nicht zeigen. Diese kleine Verletzung bringt meistens noch mehr Wut, Frustration und nicht selten auch Angst hervor. Die Kinder werden noch bockiger, noch aufsässiger, gehorchen mit der Zeit noch weniger oder sie haben ganz einfach Schiss davor, etwas falsch zu machen.
Jedes „Grännihaar“ wird euch das Gleiche sagen. Egal ob es auf dem Kopf eines Erwachsenen oder auf dem Kopf eines Kindes wächst.
Vielleicht denkt ihr das nächste Mal einfach ein bisschen daran, falls es euch passieren sollte oder falls es bis jetzt zu euren Erziehungsstrategien gehört hat.
Und sonst könnt ihr ja auch diese Frau Elternplanet fragen, die hilft euch immer gerne und steht mit Rat und Tat zur Seite.

Und es ist im Fall nie zu spät, sich eine andere logische Konsequenz zu überlegen und dann auch noch gleich den Satz zu sagen: „Dein Verhalten hat mich jetzt wirklich grad sehr geärgert, aber ich wollte dir nicht weh tun, sorry, dass ich dich am Grännihaar gezogen habe“.

Ich würd mich freuen.

Hochachtungsvoll
Das „Grännihaar“