SO, genau SO muss es sein – Wenn Eltern fixe Vorstellungen haben

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Wenn man den lieben langen Tag um die Kinder herum schwirrt, dann kann einem manchmal schon etwas der Kopf brummen. Und wenn der brummt, dann kommt es nicht selten vor, dass man ihn gar etwas verliert. Also den Kopf meine ich.
Man verliert den Überblick, die Relationen und benimmt sich dann als Eltern nicht selten ehm, leicht daneben und genau so trotzig wie die Kinderlein.
Ich habe schon einige Male übers „jetzt chillt doch mal“, sich nicht immer über alles aufregen und das „weniger ist mehr“ berichtet. Gerade weil wir oft so fixiert auf UNSERE Ansichten sind, gibt’s hier wieder mal ein paar Gedanken dazu.

Wir Eltern gehen ja mit fixen Vorstellungen durchs Leben. Wir denken uns aus, WIE etwas sein muss, WIE Kinder sich benehmen, sich anziehen und wie oft und wie freundlich sie „Danke sagen“ oder sich entschuldigen müssen.
Decken sich unsere Vorstellungen und Anforderungen mit denen unserer Kids, dann ist alles prima. Wir sind vergnügt und fröhlich, posten süsse Kinderbilder mit Herzchen auf Facebook und erzählen allen und überall wie brav doch unsere Kinderschar ist.
Decken sich unsere Vorstellungen und Anforderungen mit denen unserer Kids aber plötzlich nicht mehr, dann fangen wir an rumzunörgeln und den Kinderlein unsere Vorstellungen aufzudrängen.
Ich rede hier nicht von Abmachungen und Regeln, die man zusammen diskutiert und aufgestellt hat, also nicht von DEN Dingen, die wirklich wichtig sind und einer gewissen Logik folgen.
Ich rede hier von den Dingen, die wir in unseren Elternköpfen so gespeichert haben, weil WIR das Gefühl haben, unsere Kinder müssen sie GENAU so machen oder weil „man das halt so tut“, weil „man das früher auch schon so gemacht hat“ oder man sich überlegt: „Was sollen denn die Anderen bloss denken?“

„Du ziehst jetzt nicht diese Strumpfhose mit dem Loch an.“

„Nein, also diese Gummistiefel bleiben im Schrank. Es regnet ja gar nicht.“

„Du nimmst jetzt den blauen Becher und nicht den roten“

„Nein, du ziehst jetzt zuerst die Jacke an und dann erst die Mütze.“

„Nein, du kannst nicht zwei verschiedene Ohrstecker tragen.“

„Jetzt rede ich zuerst mit der Omi, du kannst nachher das Telefon haben und noch rasch etwas sagen.“

„Du ziehst jetzt diese Handschuhe an.“

„Nein, diesen Keks isst du jetzt einfach so und brichst ihn nicht auseinander.“
„Wenn wir einkaufen gehen kannst du die Feenflügel nicht anziehen.“

„Nein, diesen Pulli kannst du nicht anziehen, der ist für den Sommer.“

Versteht ihr was ich meine?
Auf jede dieser Anweisungen könnte man die Frage stellen: „Hmmm. Warum denn nicht.“ Und weil wir Eltern sind und immer ganz tolle Antworten parat haben, sagen wir dann oft: „Weil, ehm. Es ist einfach so. Ich will es nicht. Es ist wegen, ehmm“… (Und dann kommt irgend eine eher unlogische Antwort zum Vorschein).
Natürlich ist es legitim, immer mal wieder zu sagen, dass wir Eltern gewisse Dinge nicht wollen. Oder besser noch zu sagen: WAS genau wir denn wollen, WAS wir von unseren Kindern erwarten. Dass hat eben mit unseren Vorstellungen zu tun. Wir wollen, dass es GENAU SO gemacht wird.
Es passiert aber oft, dass wir uns dermassen auf das „SO muss es sein“ einschwören, dass wir ein bisschen die Leichtigkeit vergessen. Wir werden dann stur und genau so bockig wie unsere Kinder. Wir verstricken uns in Machtspiele, in denen es am Ende nur noch darum geht, wer denn jetzt gewonnen hat.
Wir vergessen dann, dass es doch eigentlich ganz viele andere wichtige Dinge gibt über die wir sprechen und für die wir Regeln und Abmachungen treffen müssen.

Kinder müssen Erfahrungen sammeln können. Und das können sie nur, wenn wir ihnen diese Erfahrungsräume öffnen. Auch wenn wir vielleicht wissen, dass es mit den Gummistiefeln etwas gar warm werden könnte, müssen Kinder manchmal diese Erfahrung selber machen können und dürfen.
Warmes Wetter + Gummistiefel = warme, schwitzige Füsse = nicht so praktisch = das nächste Mal zieh ich wieder die Turnschuhe an.
Es geht nicht darum, dass wir unseren Kinderlein einfach ungefiltert ALLES erlauben, es geht darum zu überlegen:
WIE wichtig ist das jetzt grad für alle Beteiligten.
Warum muss man es genau SO machen?
Wie viel Ärger, Wut und Trotz bringt meine Version?
Und was passiert denn Schlimmes, wenn es nicht genau so gemacht wird, wie ich das in meinem Elternschädel drin habe?“
In vielen Fällen passiert da gar nix Schlimmes, im Gegenteil. Vielleicht kann man dadurch sogar einen unnötigen Trotzanfall verhindern und zusammen einen gemütlichen Nachmittag verbringen. *wärjaauchmalwiederschön
Wenn wir Kindern immer wieder erlauben ihre eigenen Erfahrungen zu machen, dann heisst das auch, dass wir ihnen immer wieder ein Stück Freiraum geben, sie aber dafür auch ein Stück loslassen müssen.
Und das ist eben gar nicht sooo einfach.

Erfahrungen zu machen, das bringt in den meisten Fällen auch Erkenntnisse mit sich. Also zum Beispiel, dass das mit den Gummistiefeln eben doch nicht so eine tolle Idee war, bei der Strumpfhose mit dem Loch immer der grosse Zeh rausgeguckt hat und alle gelacht haben.
Sprich: Dass die Eltern vielleicht doch Recht hatten.
Probiert es einfach immer mal wieder aus. Es funktioniert nämlich ganz prima

Wir Eltern müssen dann einfach nur noch lernen, dass wir uns in solchen Momenten das:
„Siehst du, ich hab’s ja gesagt!“
verkneifen können. :-)

  • Anja von der Kellerbande

    Toller Artikel. Danke fürs „erinnern“. Oft hat man bestimmte Vorstellungen wie zB der Tagesablauf oder Kleidung.

    Umso mehr ich bei solchen flexiblen Abläufen nachgebe desto schneller und glücklicher geht mein Räuber durch den Tag.

    Daran arbeite ich gerade als überorganisierende Mama mit beginnender Selbstfindungsphase des Sohnes.

    Liebe Grüße

    Anja von der Kellerbande.wordpress.com