Bei den Anderen läuft immer alles ganz, ganz prima…

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Sitzt ihr auch manchmal da und denkt:
„Meine Güte, ich habe einfach alles falsch gemacht.“
Die Kinder sind frech, laut und hören tun sie sowieso nie. Sie machen ständig etwas kaputt, sie streiten sich dauernd, essen können sie auch immer noch nicht schön und der Teenager ist auch einfach nur unverschämt, launisch und weiss nicht was er will.
Ihr sitzt dann so da und badet einfach ein Weilchen in eurem Selbstmitleid und denkt dabei an die Kinder der Schwägerin oder der Bambusflötenlehrerin. Diese Kinder, die immer sooo höflich sind und immer brav grüssen und ganz bestimmt nie sagen:
„Du bist eine so hohle Nuss, dich will ich nie wieder sehen, hau ab verschwinde du verdammte Ziege“

Manchmal schämt man fast ein bisschen, weil man denkt, dass nur die eigenen Kinder ein solches Chaos im Zimmer haben, dass nur die eigenen Kinder in der vorpubertären Wut laut herumbrüllen und schreien:
„Duu-uuu hast mir im Fall überhaupt nichts zu sagen, duu-uuu nervst einfach nur, hau ab!“
Man getraut sich fast nicht mehr auf den Spielplatz, weil man denkt:
„Echt, nur MEINE Jungs hauen den anderen auf den Kopf oder schubsen sie in den Sand.“

Man könnte einfach nur noch heulen, weil man denkt: „ICH habe komplett versagt!“

Am frustrierendsten ist es dann jeweils, wenn man von der Nachbarin, der Freundin oder der wildfremden Mutter im Supermarkt, diesen „Oh-mein-Gott-du-tust-mir-aber-leid-dein-solches-Kind-ist-ja-voll-anstrengend“-Blick zugeworfen bekommt. Toll ist dann auch, wenn das Kind der Fremden fröhlich, leise und brav ein Brötchen mampft und ohne zu hyperventilieren am SpielsachenRegal vorbei spaziert.
Da fühlt man sich gleich noch mieser und noch unfähiger.

„Warum um Himmelswillen läuft es bei den andern immer viel besser, als bei mir?“
„Warum ist dieses Kind so brav und meines ein kleiner Teufel? „
„Warum sagt dieser Teenie zu seiner Mutter: Klar, Mom, ich versteh das und meiner schreit: Du bist voll fiiieeess, chill einfach dein Leben, mit dir geh ich nie mehr einkaufen“?

Ja warum?
Warum kommen wir Eltern immer auf diese abstrusen Gedanken?
Warum denken wir ständig, dass es bei anderen besser läuft als bei uns?
Dass die andern es besser im Griff haben, dass die andern Kinder alle viel besser gehorchen, netter, lieber und braver sind?

Wir sehen ja jeweils nur einen kleinen Bruchteil aus dem Leben der anderen Familien. Kleine Mosaikstückchen, die uns dann suggerieren: „Hey, die haben alles im Griff!“
Aber das stimmt nicht:
Niemand hat dieses Erziehungsding immer und überall und ständig im Griff. Wir sind einfach manchmal am Anschlag überfordert, müde, genervt, unfair, laut und haben keinen Bock mehr.
Das passiert allen.
Immer mal wieder.
Auch mir.
Ehrlich jetzt.

Und wenn ihr einmal ganz genau darauf achtet, dann werdet ihr merken, dass diese:
„Oh-mein-Gott-du-tust-mir-aber-leid-ein-solches-Kind-ist-ja-voll-anstrengend“-Blicke der Nachbarin, der Freundin oder der wildfremden Mutter im Supermarkt, in Wirklichkeit nämlich etwas ganz anderes bedeuten.
Und zwar:

„Oh-mein-Gott-ich-bin-so-froh-dass-es-andern-auch-so-geht-dass-andere-Kinder-sich-manchmal-auch-so-daneben-benehmen-wie-meine-zum-Glück-bin-ich-nicht-die-Einzige-jetzt-bin-ich-ein-bisschen-beruhigt.“