Neulich morgens

0

„Doch. Du ziehst jetzt diese Winterjacke an!“
„Damit sehe ich aber dick aus.“

„Überhaupt nicht wahr. Wo bist DU denn dick?“
„Niemand trägt jetzt schon eine Winterjacke.“

„Es ist aber draussen saukalt und überhaupt ist mir egal, was die anderen tragen.“
„Mir ist aber nicht kaaa-aaalt“.

„Doch. Ich weiss genau dass dir kalt ist. Und überhaupt hat die Jacke viel Geld gekostet. Dann nimm wenigstens die Regenjacke.“
„Nein, damit sehe ich noch dicker aus und es regnet ja fast überhaupt gar nicht.“

„Ja, jetzt vielleicht noch nicht. Aber was ist, wenn du nach Hause kommst?“
„Ich habe ja einen kurzen Schulweg.“

„Ja, aber auch auf einem kurzen Schulweg kann man nass werden.“
„Ja nu, werd ich halt ein bisschen nass. Ist doch nicht schlimm.“

„Doch, ist es. Du wirst dich erkälten und krank werden. Ich werde dich dann nicht pflegen, wenn du krank bist. Im Fall.“
„Du bist voll blöd. Lass mich doch einfach. Ich habe nicht kalt und krank werde ich auch nicht. Und DU trägst deine Winterjacke ja auch noch nicht.“

Kennt ihr das?
Diese lustigen Diskussionen.
Die ganz klein anfangen, sich steigern und dann am Schluss ausarten?
Immer.
Und ihr merkt manchmal schon während der Diskussion, dass ihr da auf etwas beharrt, dass eigentlich gar nicht soooo wichtig ist, aber ihr beharrt weiter darauf, weil ihr so eingespurt seid.
Irgendwie schwankt ihr zwischen:
„Doch, die Jacke wird jetzt angezogen“ und
„eigentlich ist es ja egal, hat sie dann halt kalt, ist ja nicht mein Problem“.
Ihr argumentiert und referiert, ihr predigt und am Schluss schmeisst ihr bestenfalls noch ein paar Drohungen hinter her:
„Wenn du die Jacke jetzt nicht anziehst, darfst du am Nachmittag nicht abmachen, gibt’s kein Dessert.“

Oder manchmal denken wir uns ganz absurde Drohungen aus, wie:
„Wenn du die Jacke jetzt nicht anziehst, kauf ich dir NIE mehr eine neue Winterjacke, gehst du heute nicht in die Schule, wirst du krank, dann schicke ich dich trotzdem in den Unterricht.“
So was halt.

Was tun?
Also:
1. Ganz ruhig bleiben und den gesunden Menschenverstand einschalten
Überlegt euch: Warum ist mir das jetzt so wichtig?
Wie oft bin ICH selber als Kind oder/und Teenie nur im Pulli und Jeans-Gilet in die Schule geradelt?
Habe ich es überlebt?
Oder: Haben mich meine Eltern nicht auch immer gezwungen das Jäcklein anzuziehen?
Und: JA, ich hab’s angezogen.
Aber hinter dem nächsten Busch, dann einfach heimlich in die Schultasche gestopft…

Und es ist doch so:
Spätestens wenn mein Kind dann mal kalt hat, wird es die Winterjacke dann schon anziehen.
Und auch WENN es mal ein bisschen kalt hat, es wird sich nicht gleich lebensgefährliche Erfrierungen holen.

2. Vorausplanen
Wenn ihr nicht jeden Morgen eine Diskussion um Sommer- oder Winterjäckchen haben wollt, dann räumt die hauchdünnen Hochsommer-Jäckchen am besten gleich in den Keller und lasst nur noch die Jacken in der Garderobe, die einigermassen zur Jahreszeit passen.
Kleinere Kinder könnt ihr am Abend vorher schon mal vorwarnen:
„Hey. Morgen ist es ganz grausliges Wetter. Nur 3 Grad und es regnet in Strömen. Morgen musst du dann die dicke Jacke A oder die dicke Jacke B anziehen.“
Wenn ihr den Kids diese Info am Abend vorher und am morgen vor dem Frühstück gebt, ist die Wahrscheinlichkeit viel kleiner, dass es ein Theater gibt.

3. Die Kinder selber entscheiden lassen
Das heisst: Macht die Türe auf, lasst die Kinder in den Socken einen Moment vor die Türe stehen und sagt dann: „Schau, so kalt ist es heute.
Was meinst du, welche Jacke willst du anziehen?“

4. Weniger ist mehr
Keine Moralpredigt, nicht unzählige Male über diese Jacke diskutieren, ironische und freche Kommentare weg lassen.
Springt über euren Schatten, lasst die Kinder einfach mal so aus dem Haus gehen. Wenn sie wieder da sind könnt ihr dann zusammen schauen, ob sich ihre Wahl gelohnt hat oder nicht.

Nicht selten kommen die Kids nämlich am Mittag zur Türe rein und sagen:
„Mama, es war wirklich saukalt. Wir Mädels haben heute in der Pause beschlossen, dass wir alle morgen die Winterjacke anziehen. Auch wenn wir halt ein bisschen dick darin aussehen.“

Und wenn diese Erkenntnis kommt, ist es immer gut, sich den Satz:
„Siehst du, hab ich dir doch schon heute morgen gesagt, hättest du nur auf mich gehört“ zu verkneifen.

Geniesst es einfach.

Und schweigt.
:-)