„So habe ich mir das aber nicht vorgestellt…“

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Und dann stehst du plötzlich vor deinem Kind und denkst:
„Oh mein Gott! Was tu ich hier?
Und was tut mein Kind?
Und warum treibt mich dieses kleine oder mittlere Geschöpf an den Rand eines Nervenzusammenbruchs?
Warum brüll ich hier rum?
Und warum tut es nicht das, was ich sage?“

SO habe ich mir das alles gewiss nicht vorgestellt

Du zweifelst plötzlich an deinen Fähigkeiten als Mutter, denn du wolltest es doch so gut machen.
Du wolltest geduldig sein und immer zuhören.
Einfühlsam und fair sein.
Verständnis zeigen und nie dein Kind anschreien.
Und jetzt stehst du da und tust genau das, was du nicht tun wolltest:
Ungeduldig deinem Kind ins Wort fallen.
Unfair und verständnislos das kleine Mädchen anschreien und ihm mit irgendwelchem Blödsinn drohen.
Du bist einfach nur wütend.
Aber eigentlich nicht über dein Kind, sondern über dich selber. Dass du an dieser Aufgabe scheiterst.
„Es ist ja nicht so schwer ein Kind zu erziehen“, so war das in deinem Kopf drin bevor du selber eines hattest.

Und jetzt stehst du da mit einem Baby im Arm und einem Kleinkind, das sich zum wiederholten Mal auf den Boden wirft, schreit und tobt und eine Gesichtsfarbe annimmt, bei der dir schon fast Angst und Bange wird. Eigentlich wolltest du nur schnell einkaufen gehen.
Mit zwei kleinen Kindern.
Ganz gemütlich, so wie es doch immer auch in den Zeitschriften und Babybrei-Werbespots aussieht.
Aber so ist es eben nicht.

Es ist gerade verdammt noch mal anstrengend

Und du hast gerade überhaupt keinen Plan, was du hier eigentlich machst und wie du die nächsten 15 Jahre überleben sollst.
Doch du wirst.
Und du wirst auch an dieser Aufgabe wachsen.
Du wirst lernen, was dein Kind braucht, wie du alles unter einen Hut bringen kannst. Vielleicht liest du ja auch ab und zu das Elternplanetchen und siehst, was man tun kann, damit diese Trotzanfälle nicht mehr ganz so häufig vorkommen und was du tun könntest, wenn dann halt eben doch. :-)
Und dann werden die Kinder grösser, selbstständiger und du denkst:
„So, das Schlimmste hätten wir überstanden“.
Und dann stehst du plötzlich wieder vor deinem Kind und denkst:

„Oh mein Gott! Was tu ich hier?
Und was tut mein Kind?
Und warum treibt mich dieser Teenager an den Rand eines Nervenzusammenbruchs?
Warum brüll ich hier rum?
Und warum tut sie nicht das, was ich sage?“

SO habe ich mir das alles gewiss nicht vorgestellt.

Und dann tust du genau das, was du nie tun wollest, genau die Dinge, die in den schlauen Büchern unter:
„Das sollten Sie bei ihrem Teenager niemals machen“ steht.
Du fängst an zu moralisieren, du schimpfst und drohst, du sagst deinem Kind, dass es dir „aber so was von egal ist, wenn es halt eine schlechte Note hat“, dass es sich „aber so was von darauf gefasst machen kann, dass dieses Verhalten eine saftige Strafe mit sich bringt“.
Du sprichst genau DIE Strafen aus, die du selber schon von deinen Eltern gehasst hast und hasst dich in dem Moment grad selber, weil du doch „nie so werden wolltest“. Du beschimpfst dein Kind als Person, du tust einfach alles, damit die Beziehung zu deinem Kind garantiert leidet.
Das Gefühl der Ohnmacht, schleicht sich wie ein kalter Schauer über deinen Rücken, genau so wie damals, als du mit deinem Trotzkind einkaufen gehen wolltest.
Und wieder fragst du dich:

„Wo führt das hin?
Sie ist doch erst 12.
Was erlaubt sie sich eigentlich?
Und warum hab ich das nicht im Griff?
Warum lass ich mich hier provozieren?
Warum benehme ich mich eigentlich hier und jetzt genau so kindisch, wie mein Teenager?
Was kann ich tun?“

Du könntest heulen, aus lauter Frust und Wut, brüllst aber einfach weiter irgend welche unsinnigen Drohungen durchs Wohnzimmer.

Nein, SO habe ich mir das alles gewiss nicht vorgestellt

Diese Erziehungsaufgabe ist wahrlich keine leichte Aufgabe.
Sie fordert uns.
Jeden Tag, von morgens bis abends.
Manchmal scheint es, als würden wir daran verzweifeln. Manchmal wünschen wir uns die Kids einfach auf den Mond oder eine Woche in ein Ferienlager.
Aber wir werden auch diese schwierige Zeit überstehen. Weil wir unsere Kids lieb haben. Weil wir, auch wenn wir uns manchmal wie die Elefanten im Porzellanladen benehmen, eigentlich nur das Beste wollen. Wir werden weiterhin Fehler machen und uns immer wieder selber kritisch den Spiegel hin halten müssen. Wir werden uns immer wieder fragen:
„Was braucht unser Kind, was wollen wir und wie können wir das zusammen schaffen?“
Wir werden auch an diesen Aufgaben wachsen.
Und ganz besonders in den schwierigen Situationen sollten wir nicht vergessen:

„Kinder brauchen Liebe – besonders wenn sie sie nicht verdienen.“
(Henry David Thoreau)

  • ANA

    Mega super Text…meine Buben sind 5 und 3 und ich kann und will es nicht glauben das es in ein paar Jahren heftiger wird!! Leider vermisse ich in diesen Texten das die Hierarchie trotz dem Gebrüll der Mütter klar sein muss für die Kids. Dies musste ich vor kurzen auch lernen.