Nicht immer gleich einmischen!

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Ja Kinder können fies sein.
Sehr fies sogar.
Und gemein.
Oder beides zusammen.

Heute vielleicht noch beste Freunde:
„Ich lade dich bestimmt zu meinem Geburtstag ein. Willst du die Hälfte von meinen Gummibärchen?“ und morgen schon wieder:
„Mit dir spiele ich nieeee mehr. Du bist voll doof, zum Geburtstag lad ich dich so wieso nieeee mehr ein und deine Hose sieht auch voll Scheisse aus.“
Wenn andere Kinder, die eigenen Kinder beschimpfen, beleidigen, ausschliessen dann tut das vor allem dem Elternherz immer ganz furchtbar weh.
„Du bist ein Baby.“
„Voll hohl.“
„Blöde Kuh.“
„Ich hasse dich, ich will dich nie mehr sehen“.
Solche und manchmal auch noch schlimmere Sätze bekommen die Kids dann auf dem Schulweg, in der Pause oder am Nachmittag auf dem Quartierspielplatz zu hören.
Wenn das eigene Kind dann traurig wie ein „verschupftes“ Kücken in der Ecke sitzt oder weinend vom Kindergarten nach Hause kommt, dann stehen Mamis nicht selten vor dem kollektiven Amoklauf. Man möchte das böse Kind am liebsten durch den Fleischwolf drehen, es zusammenscheissen, mit ihm schimpfen, ihm die Leviten lesen, ihm Manieren beibringen, ihm zeigen, wie daneben sein Verhalten doch ist und danach das gleiche Programm auch noch gleich mit den durchziehen.

Vielleicht stellt man das Kind zur Rede und stellt Fragen wie:
„Warum hast du das getan?“
„Warum ärgerst du mein Kind?“
„Was fällt dir eigentlich ein?“ 
„Bist du noch ganz bei Trost?“ 
„Was soll das?“

Manchmal spricht man vor lauter Wut vielleicht auch Drohungen aus wie:
„Wenn du jetzt nicht damit aufhörst, dann kannst du was erleben. Ich spreche mit deinem Papi. Ich sag’s der Lehrerin. Du darfst nie mehr zu uns zum Spielen kommen. Und der Nikolaus bringt dir dann bestimmt keine Geschenke wenn du so weiter fährst.“

Manchmal nimmt man sich dann vor lauter Frust auch die Eltern vor:
„Können sie mal ihrem Sohn sagen, er solle mein Kind in Ruhe lassen? Wissen sie eigentlich, was ihr Sohn immer auf dem Schulweg macht? Ihr Kind ist ein totaler Terrorist, das geht ja gar nicht. Können sie den nicht mal etwas besser erziehen? Ich werde alle ihre Blumen vergiften, wenn das nicht aufhört.“

Und wenn man dann immer noch genug Luft in den Lungen hat, dann nimmt man sich das eigene Kind auch
noch gleich vor und erteilt ganz kluge Ratschläge:
„Du musst dich wehren, mein Schatz. Zurück hauen, ihn halt auch anspucken. Geh zur Lehrerin. Versteck dich halt in der Pause hinter einem Gebüsch, damit er dich nicht sieht und dir nix tun kann.“
Ja und was dann?
Alles ist zwar gut gemeint, bringt aber in den meisten Fällen nicht wirklich viel.

Aber was bringt denn etwas?

Wie kann man Kindern in solchen Situationen helfen?
Soll man überhaupt und wann greift man als Eltern ein?

1. Gut zuhören

Erzählen Kinder von Ungerechtigkeiten, von Streitereien oder von „bösen, fiesen“ Kameraden, dann gilt es immer gut hin zu hören.
Bevor man gleich predigt, schimpft, moralisiert und gute Tipps gibt: Einfach mal zuhören, nachfragen wenn man etwas nicht genau verstanden hat, Gegenfragen stellen.
„Dann hat er dich einfach so gehauen? Dann wollte er plötzlich nicht mehr mit dir spielen? Dann hat er dich geärgert und das hat dich traurig gemacht?“
Manchmal ist die Situation auf den 1. Blick etwas anders und sie klärt sich erst, wenn die Kinder in ihren eigenen Worten erzählen, was passiert ist. Manchmal hilft den Kindern auch schon nur das Erzählen und das Problem ist dann gar kein so grosses mehr.
Man merkt oft auch, dass das eigene Kind in den Konflikt vielleicht genau so involviert war, wie der „Täter“. Manchmal ist es auch hilfreich, wenn die Kids ihre Gefühle dabei benennen können.
„Wie ging es dir dabei? Warst du wütend? Traurig?“
Es kann auch vorkommen, dass Kinder sonst ein Problem haben, und dass solche Streitereien oder Hänseleien, viel schlimmer empfunden werden, als sie eigentlich sind. Vielleicht ist das Kind kränklich, übermüdet, hat Mühe loszulassen, fühlt sich unwohl in einer Gruppe, ist über- oder unterfordert, langweilt sich, findet nicht ganz so leicht den Kontakt zu andern.

2. Ruhig bleiben

Bevor man gleich zum Telefonhörer greift, die Geschichte auf Facebook postet oder sich den „der hat mich gehauen“-Freund vorknöpft:
Einfach mal durchatmen und dann mit dem Kind zusammen überlegen, welche Lösungen es gibt.
Es geht auch darum, den Vorfall richtig einzuordnen:
War das jetzt einfach ein nicht ganz netter, aber verhältnismässig harmloser Streit?
Wie oft in der Woche passiert das?
Welche Kinder sind betroffen und wie kann man sein Kind stärken, es unterstützen und ihm helfen?

3. Lösungen suchen

Kinder lernen am besten aus solchen Situationen, wenn wir mit ihnen zusammen nach möglichen Lösungen suchen: Fragen und Gegenfragen stellen können da gut helfen.
„Was hättest du tun können? Was machst du das nächste Mal, wenn der Timo dich ärgert?
Wo kannst du dir Hilfe holen? Was könntest du sagen, wenn du auch mitspielen möchtest?
Was kann ICH für dich tun? Kannst du diesen Streit alleine lösen?“

Manchmal kann auch ein kleines Rollenspiel helfen, sich das nötige Selbstvertrauen zu holen.
Wenn man merkt, dass das Kind selber nicht klar kommt, dann kann es hilfreich sein, sich mal für einen Kindergarten- oder Schulbesuch anzumelden, das Kind mal auf dem Schulweg zu begleiten, und es mal in der entsprechenden Situation zu beobachten.
Bevor man gleich auf die Eltern los geht:
Unbedingt das Gespräch mit der Lehrperson suchen.
Wie schätzt sie das Ganze ein?
Ist ihr etwas aufgefallen?
Kann sie das Problem vielleicht mal mit den Kindern besprechen, es zum Thema machen, ein paar Regeln und Abmachungen diskutieren und aufstellen?

Mobbing ist ganz schrecklich und es ist wichtig, dass man gut hinschaut und die Thematik ernst nimmt.
Der Übergang von kleinen Hänseleien zum Mobbing ist fliessend.
Aber nicht jeder Streit, jedes böse Wort unter Kindern ist gleich ein Grund die Zähne zu fletschen und sich einzumischen und laut „Mobbing“ zu schreien.
Ich bin immer der Meinung, dass Kinder schon etwas aushalten können. Man muss als Eltern nicht ständig grad mit dem Anwalt drohen oder sich jeden Mittag hinter dem Ahornbaum verstecken, um zu schauen, ob die Kids vielleicht Streit haben.
Streiten, sich ärgern, sich manchmal auch beschimpfen, die Freundschaft künden –  Das alles gehört dazu.
Das macht einen zwar manchmal traurig oder wütend, aber es ist normal. Wir haben uns als Kinder auch ab und zu gestritten, wir waren auch manchmal „hohl“ oder „ein Baby“, oder mussten eine „Ent-Freundung“ durchmachen. Und wir haben es überlebt.
Streiten, sich ärgern, sich auch mal zoffen ist ein wichtiger Prozess, damit man sich eben nachher auch wieder versöhnen kann.
Es ist wichtig, dass Kinder die Möglichkeiten haben, selber Wege und Lösungen zu finden, wie sie mit solchen Schwierigkeiten umgehen können. Wir Eltern können sie unterstützen, begleiten, eingreifen wenn nötig, aber wir müssen nicht ständig den Polizisten spielen und uns vor die Kinder „werfen“ und ihre Streitigkeiten und Probleme immer und jederzeit aus dem Weg räumen.
Kinder müssen wissen, dass wir für sie da sind, dass sie auf uns zählen können, dass wir sie unterstützen, wenn sie selber nicht weiter kommen.
Wir müssen ihnen helfen und manchmal heisst das eben auch:
Ihnen helfen – es SELBST zu tun.