Vom kleinen und vom grossen Glück

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Es war einmal ein reicher Mann. Er hatte Autos, viel Geld, Klunker, Häuser, Aktien, teure Uhren, ein Boot, drei Hunde, ein Schloss in der Provence. Er hatte in seinen Augen einfach alles, was es zum glücklich sein braucht. Sein Glück waren die Blicke der anderen Menschen, wenn er mit seinen teuren Autos durch die Einkaufsstrassen fuhr. Sein Glück waren die goldenen Uhren an seinem Handgelenk, die teuren Ringe und der übervolle Kleiderschrank. Sein Glück war, sich einfach alles kaufen zu können was sein Herz begehrte. „Ich bin ein echter Glückspilz“, dachte er jeden Morgen wenn er in seine Garage ging oder am Abend eine teure Zigarre rauchte. „Jeder beneidet mich, jeder möchte insgeheim so sein wie ich, und das macht mich stolz und glücklich.“
Jeden Morgen liess er sich von seinem Chauffeur an einen nahegelegenen See fahren. Er stieg nie aus seinem Auto, aus Angst er könnte überfallen werden oder seine teuren Schuhe ruinieren. Er sass nur kurz da, schaute zum Fenster hinaus und schenkte sich ein Glas Champagner ein. Jeden Tag sass ganz in der Nähe ein alter Mann mit seiner Fischerrute. Immer und immer wieder warf der Alte seine Angel in den See, in der Hoffnung einen Fisch zu fangen. Immer und immer wieder zog er sie aus dem Wasser hinaus ohne etwas gefangen zu haben. Sein Kessel blieb leer.
Wochenlang beobachtete der reiche Mann den Fischer, bis er sich eines Tages aufraffte und aus seinem Auto stieg und zu ihm hin ging.
„Warum stehst du jeden Tag hier wirfst deine Rute ins Wasser, wenn du eh nie Glück hast und nie einen Fisch fängst?“, fragte ihn der Reiche.
Der alte Mann schaute bedächtig auf den See und warf seine Rute erneut ins Wasser.
„Warum lässt du es nicht einfach sein, machst etwas Vernünftiges, etwas das dir mehr Glück bringt?“, liess der Reiche nicht locker.
Der alte Mann hob seinen Kopf und schaute zum reichen Mann, der ihn um fast einen Kopf überragte, hinauf, lächelte und sagte:
„Ich brauche keinen Fisch, damit ich glücklich bin. Ich BIN schon glücklich.
Hier zu stehen, aufs Wasser zu schauen, die Sonnenstrahlen auf meinem Gesicht zu spüren, die frische Luft zu atmen, den Regen auf mein Gesicht prasseln zu lassen, den Vögeln zuzuhören und zu wissen:
Es besteht durchaus die Chance, DASS ich vielleicht mal einen Fisch fange, DAS ist mein Glück.“

Glück entsteht oft durch Aufmerksamkeit in kleinen Dingen, Unglück oft durch Vernachlässigung kleiner Dinge.
Wilhelm Busch