„Ich spiele niiiiiieeeee mehr mit dir, Volltrottel!“

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Hat euch eure Freundin oder euer bester Freund schon mal Vollhirni genannt? Oder Hosenscheisser? Loser oder Entenarsch?
Hat euch die Kollegin vom Büro schon mal in ein Gebüsch geschubst, oder die Jacke versteckt, extra die Türe zu gehalten?
Ist euch eure Nachbarin schon mal einfach davon gerannt, als ihr zusammen nach Hause gegangen seid?
Natürlich nicht. Das machen Erwachsene nicht. Meistens auf jeden Fall. Oder nur an Fussball-Grossanlässen…
Aber Kinder.
Die tun das.
Und zwar oft, sehr oft. Sie sind fies und gemein zu einander, sie ärgern und hauen sich manchmal auch. Sie verteilen Schimpfworte, sie lassen sich auch manchmal im Stich, sie brüllen sich an und sie kündigen ihre Freundschaften wegen angebissenen Äpfeln, Fussballtoren, gleichen Jeansjacken und Geburtstagseinladungen.

„Der hat voll einfach in meinen Apfel gebissen. Vollhirni. Der ist nicht mehr mein Freund, das kannst du vergessen!“
„Immer lässt der alle Tore rein. So ein Loser. Ich will niiiiieeee mehr mit dem Fussballspielen. Und mein Freund ist der auch nicht mehr. Da nehm ich lieber den Johnny. Der kann’s wenigstens.“
„Sie hat genau die gleiche Jeansjacke gekauft wie ich. So ein Entenarsch. Und es sieht auch noch voll Scheisse aus. Die ist nicht mehr meine Freundin.“
„Nicht mal zum Geburtstag hat sich mich eingeladen, obwohl sie an meine Party kommen durfte. So eine hohle Nuss. Ich rede niiiiieeeee mehr ein Wort mit der.“

Und manchmal beobachten wir Eltern diese Szenen. Wie unsere Kinder innerhalb von einer Minute auf die andere, ihren besten Freund verlieren oder alleine nach Hause gehen müssen. „Die haben ihr Geheimspiel gespielt und ich durfte nicht mitmachen. Alle hatten schon jemand zum Pause machen, nur mich hat niemand gefragt.“
Es zerreisst uns das Herz und wir schwanken dann irgendwo zwischen: „Dieses-Kind-nehm-ich-mir-zur-Brust-und-die-Eltern-auch-grad“ und „Ach-das-gehört-doch-dazu-das-legt-sich-wieder.“

Manchmal beobachten wir aber auch, dass unsere Kinder das Gleiche mit ihren „besten“ Freunden machen. Weglaufen, die Freundschaft kündigen, fies sein.
So schnell wie sich Kinder entfreunden, blöd finden und „niiiiiiieeeee mehr zusammen spielen wollen“, so schnell ist ihre Welt auch wieder in Ordnung. Da braucht es von uns Eltern manchmal ein bisschen Gelassenheit, ein paar Stunden Geduld und die „doofe Nuss, der Entenarsch und der Loser“ sitzen wieder im Kinderzimmer und schmieden Pläne.
Wir müssen uns nicht immer einmischen. Wir müssen unsere Kinder auch nicht gleich beim Psychologen anmelden oder den Eltern mit einer Anzeige drohen. Nicht jedes Kind, das streitet ist grad auffällig oder hat ADS.
Wir müssen auch nicht immer eine Lösung parat haben, wie Kinder ihre Streitereien in Ordnung bringen können.
Wir können zuhören, nachfragen, Verständnis über die Wut und den Ärger zeigen.

Wir können den Kids allenfalls mit Fragen und Gegenfragen helfen, eine mögliche Lösung zu finden:

„Was könntest du denn jetzt tun, wenn dich der Nico so geärgert hat?“

„Was denkst du, worüber würde er sich wohl freuen, nachdem du so hässig mit ihm geredet hast?“

„Was könntest du Mia denn jetzt sagen, nach dem sie dich nicht eingeladen hat?“

Solche Anregungen, bringen oft mehr, als eine Moralpredigt und unzählige Ratschläge.

„Jetzt siehst du was passiert…“

„Hättest du nur…“

„Warum tust du immer?…“

„Selber Schuld, wenn du ihn immer ärgerst…“

„Du musst halt…“

„Jetzt lass ihn doch“!

„Du gehst dich jetzt entschuldigen, sonst darf er nie mehr zu uns kommen…“

Wir müssen genau hinschauen, ob die Kinder leiden, sich selber nicht wehren können. Beobachten, ob das tagtäglich passiert oder ob das einfach ein normaler Kinderstreit ist. Der zum grösser werden dazu gehört und der niemandem wirklich schadet.
Nicht jeder Streit ist gleich Mobbing. Nicht jedes böse Wort gleich ein Fall für die Schulsozialarbeiterin.
Wenn man unsicher ist, ob und wie man Kinder beistehen soll, helfen oft ein paar einfache Fragen: „Brauchst du Hilfe? Kannst du das selber lösen? Kann ich dir irgendwie helfen? Macht es dich traurig? Bist du unsicher? Hast du Angst?“
Bei einem solchen Gespräch, merkt dann nämlich schnell, ob man die Lösung des Problems den Kindern überlassen kann oder ob man Hilfe anbieten, einschreiten oder externe Hilfe anfordern soll.

Streiten und sich wieder versöhnen muss man lernen.
Immer wieder.
Und das kann man nur, wenn man ab und zu die Gelegenheit dazu hat.