Die Königin, die Prinzessin und der Drache

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Ich möchte euch gerne einmal eine kurze Geschichte erzählen:

Es war einmal vor noch nicht allzu langer Zeit eine Königin. Sie hatte alles, was man sich wünschen konnte. Auch eine kleine süsse Tochter. Die Tochter war fröhlich, liebenswürdig, witzig, lebendig und manchmal war sie auch trotzig. Manchmal nur ein bisschen trotzig, manchmal aber auch ziemlich trotzig.

Hatte die Königin genug geschlafen, standen frische Rosen auf dem Tisch, hatte sie eine tolle Frisur und fühlte sie sich sonst einfach wohl in ihrer Haut, dann konnte sie den Trotz ihrer kleinen Tochter gut ertragen. Sie hatten zusammen ja auch Regeln und Abmachungen aufgestellt. Dass alle zusammen lieb und anständig sein wollen, dass Schlagen und Hauen tabu sind und dass man vor dem Essen die Hände wäscht. Das klappte an guten Tagen auch wirklich ganz prima.
Doch eines Tages bedrohte ein böser Drache  das Königreich. Alle waren angespannt und versuchten das Viech vom Schloss fern zu halten. Die Königin war müde und ausgelaugt, sie hatte einen Pickel auf der Stirn und fühlte sich einfach schrecklich.
Und dann begann auch noch die kleine Prinzessin zu schreien. Sie war wütend, wollte nicht die Zähne putzen, nicht die Schuhe wegräumen, sie war frech und laut und die Königin spürte ein Kribbeln im Magen. Es war ein unangenehmes Kribbeln. Sie spürte auch einen warmen Schauer den Rücken runter laufen, ihre Hände fühlten sich an, als wären sie taub, es rauschte in ihren Ohren und sie wurde laut, ganz laut. Sie schrie die Prinzessin an: „Jetzt hör auf zu schrei-iiiien!“ (Das alleine ist ja schon ein Widerspruch), doch das  merkte die Königin gar nicht mehr. Sie packte die kleine Prinzessin am Arm und zog sie die Treppe hoch. Das kleine Mädchen liess sich exakt in dem Moment nach hinten fallen und die Königin wurde noch wütender. Sie vergass ihre königlichen Manieren und verwandelte sich sekundenschnell, in genau so einen Drachen, der draussen vor dem Schlosstor die Menschen in Angst und Schrecken versetzte.
Bevor die Königin die kleine Prinzessin ins Turmzimmer brachte, haute sie ihr mit der flachen Hand auf den Po. Patsch.
Es war ein kleiner Schlag. Aber es war ein Schlag. Dann schloss sie die Türe zum Turmzimmer und lehnte sich erschöpft an die Wand.
Drinnen tobte die Prinzessin weiter. Sie war wütend, frustriert und traurig.
Plötzlich hörte die Königin, wie das kleine Mädchen im Turmzimmerchen zu schluchzen anfing und in dem Moment fiel ihre eigene Wut, wie ein schwerer heisser Umhang von ihren Schultern. Sie wusste, dass sie genau das getan hatte, was sie eigentlich nicht tun wollte und sie fühlte sich schrecklich und hilflos.
Ein paar Minuten sass sie da und öffnete dann ganz leise und langsam die Türe. Die Prinzessin sass auf ihrem kleinen grünen Thron, wischte sich die Tränchen aus den Augen und sagte zu der Königin:
„Du, jetzt hör mal. Wenn ICH nicht hauen darf, dann darfst DU aber auch nicht.“

Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.