Ich kann das nicht!

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Von Fabian Grolimond, www.mit-kindern-lernen.ch

„Ich kann das nicht!“ schreit Tobias und pfeffert ein paar Puzzle-Teile an die Wand. Seine Mutter kennt Tobias Ausbrüche nur zu gut. „Geringe Frustrationstoleranz“ hat der Kinderarzt gesagt.
Langsam weiss sie, wie sie ihn wieder beruhigen kann. Sie setzt sich neben ihn, redet ihm gut zu und hilft ihm mit dem Puzzle. Am Ende ist Tobias stolz auf das Puzzle. Seine Mutter meint: „Siehst du, du kannst es doch!“
Warum macht Tobias so ein Theater, wenn er etwas nicht auf Anhieb beherrscht? Und wie könnte man die vielbeschworene „Frustrationstoleranz“ erhöhen?
Carole Dweck untersucht an der Universität von Columbia seit mehreren Jahren, wie Kinder auf Herausforderungen reagieren. Dabei konnte sie in mehreren Studien zeigen, dass einige Kinder auch bei Schwierigkeiten Ruhe bewahren und nach Misserfolgen bereit sind, eine Aufgabe nochmals zu probieren. Sie lassen sich gerne auf schwierige Aufgaben ein und haben Ausdauer. Andere Kinder geben bei den kleinsten Problemen auf und versuchen drohenden Misserfolgen aus dem Weg zu gehen. Sobald etwas schwierig oder anstrengend aussieht, fragen sie gleich um Hilfe oder wollen etwas Leichteres machen.
Wodurch unterscheiden sich diese Kinder? Und inwiefern tragen Eltern und andere Bezugspersonen dazu bei, wie ein Kind mit Herausforderungen umgeht?
Sehen wir uns dazu eine spannende Studie an, die von Claudia Müller und Carol Dweck durchgeführt wurde.
Die Forscherinnen teilten Kinder in drei Gruppen ein und liessen diese Intelligenztestaufgaben lösen. Danach sagten sie zu allen Kindern, dass sie sehr gut waren und 80% der Aufgaben richtig gelöst hätten – unabhängig davon, wie gut die Kinder tatsächlich abgeschnitten hatten. Es ging lediglich darum, allen Kindern ein Erfolgserlebnis zu verschaffen.
Zwei Gruppen lobten die Forscherinnen zusätzlich. Zu den Kindern der ersten Gruppe sagten sie:
„Du musst ganz schön intelligent sein, dass du so viele Aufgaben lösen konntest.“

Zu den Kindern der zweiten Gruppe meinten sie:
„Du hast dir sicher sehr viel Mühe gegeben, dass du so viele Aufgaben lösen konntest.“

Die dritte Gruppe erhielt kein weiteres Lob.

Danach stellten die Forscherinnen die Kinder vor die Wahl. Sie sagten: „Du kannst jetzt entweder eine ganz leichte Aufgabe lösen. Die kannst du sicher – aber du lernst nichts dabei. Du kannst aber auch eine schwierige Aufgabe nehmen – es ist jedoch nicht sicher, dass du diese kannst. Du lernst aber sicher viel dabei.“
Für welche Aufgabe entschieden sich die Kinder? Gab es Unterschiede zwischen den Kindern die gelobt wurden und denen die kein Lob erhielten? Und wann würden die Kinder eher die schwierige Aufgabe wählen? Wenn sie für ihre Intelligenz oder ihre Anstrengungen gelobt wurden?
Die Resultate sprachen eine deutliche Sprache. Für die schwierige Aufgabe entschieden sich
– 35% der Kinder, die für ihre Intelligenz gelobt wurden
– 90% der Kinder, die für ihre Anstrengungen Lob erhielten
– 55% der Kinder, die nicht zusätzlich gelobt wurden

Wie können wir uns dieses Resultat erklären?
Zum einen könnte es sein, dass Kinder, denen gesagt wird, dass sie intelligent sind, denken: „Wieso soll ich mich dann noch anstrengen? Ich bin ja bereits klug.“
Die andere Erklärung wäre, dass Kinder Ängste entwickeln und denken: „Was ist, wenn ich diese Aufgabe nicht kann? Bin ich dann dumm?“
Wenn wir Kinder für ihre Begabung, ihr Talent oder ihre Intelligenz loben, bekommen Kinder das Gefühl, dass Leistung von unveränderbaren Eigenschaften abhängt. Jede Aufgabe wird dann zu einem Test, der zeigt, wie begabt man ist. Damit steigt die Angst zu versagen. Es könnte sich herausstellen, dass man doch nicht so klug, begabt oder talentiert ist, wie man selbst oder andere denken. Misserfolge werden zu einem Beweis für die eigene Unfähigkeit. Daher fühlen sich diese Kinder sicherer, wenn sie sich gar nicht darauf einlassen. Typische Sätze von Kindern, die glauben, dass Leistung mit Begabung zu tun hat, sind: „Mathe kann man halt – oder man kann es nicht.“, „Ich bin eh zu dumm – ich schaff das nicht!“
Wenn Kinder hingegen für ihre Anstrengungen, das Ausprobieren, das Lernen und Fortschritte gelobt werden, entwickeln sie die Haltung: Was ich nicht kann, kann ich noch lernen. Je mehr Kinder ihre Leistungen auf das Üben zurückführen, desto mehr haben sie auch das Gefühl, dass es sich lohnt:
– An einer schwierigen Aufgabe dran zu bleiben
– Es nach einem Misserfolg nochmals zu versuchen
– Neue Strategien zu lernen
– Neue Wege auszuprobieren

Kinder mit einer niedrigen Frustrationstoleranz glauben, dass sie alles gleich können müssen. Sie sehen es als Zeichen von Unfähigkeit und Dummheit, wenn sie etwas nicht auf Anhieb beherrschen.
Diese Kinder müssen die Erfahrung machen, dass man sich durch Übung verbessern kann und Ausdauer und Ausprobieren wichtiger sind als Talent und Intelligenz. Verschieden Studien zeigen, dass sich diese Haltung sehr schnell verändern lässt, wenn Eltern eine „Ich probiere es mal-Haltung“ fördern.
Sie können dies tun, indem Sie ihr Kind weniger für seine Begabung oder seine Leistung loben, sondern für seine Herangehensweise. Sie könnten Dinge sagen wie:
– „Ich finde es toll, dass du es nochmals versucht hast.“
– „Seit du regelmässig übst, wirst du immer besser“
– „Ich weiss – es ist schwierig – das braucht viel Übung. Wenn du dranbleibst lernst du es sicher noch.“
– „Weisst du noch – vor zwei Monaten fandest du das total schwierig – und seit du ein paar Mal geübt hast, kannst du es richtig gut.“
Tobias Mutter hätte sagen können: „Ja – das ist wirklich knifflig. Komm, ich zeige dir einen Trick. Schau mal, es wird einfacher, wenn du zuerst alle Teile mit einem Rand suchst…Mach das mal…“
Die Mutter zeigt ihrem Sohn auf diese Weise, dass man nicht alles auf Anhieb können muss und es manchmal nur eine gute Strategie und etwas Geduld braucht, um Erfolg zu haben.
Vielleicht denkt Tobias mit der Zeit: „Ich kann es noch nicht!“ – und weiss, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis er das auch noch drauf hat.
Gerade auch wenn Kinder in einem Bereich tatsächlich Mühe haben, ist es wichtig, dass sie merken, wie sehr es sich lohnt, wenn man übt und dranbleibt. Wie das funktionieren kann, zeigt das folgende Video:

  • Franz Josef Neffe

    Ella Boysen-Kirk, die erste amerikanische Schuirätin, besuchte um 1920 EMILE COUÉ wegen ihrer Gehbehinderung; sie fuhr geheilt nach Hause.

    COUÉ machte durch seine enormen praktischen Erfolg die AUTOSUGGESTION in wenigen Jahren zur weltberühmten Selbsthilfe-Methode. Frau B.Kirk musste damals die üblichen Vorversuche für Suggestibilität machen; es klappte kein einziger. Coué meinte dazu: „Für´s erste Mal war das schon ganz gut.“

    Diese Versuche mussten übrigens alle machen. Anfangs waren das immer Gruppen von etwa 50 Personen – mehr hatten in Salon und Wohnzimmer nicht Platz. Sie sollten z.B. die Hände verschränken und rasend schnell wiederholen: „Ich kann meine Hände nicht öffnen.Ichkannnichtichkannnichtichkannnichtichkannichtichkannnichtichkannnicht………..“

    Wenn dann nach einer Minute bereits die meisten die Hände nicht mehr auseinanderbrachten pföegte Coué lächelnd zu kommentieren: „Wer so gut denken kann wie Sie, der sollte niemals denken: Ich kann nicht!“ und er meinte bei solcher Gelegenheit: „Wer so etwas einmal erlebt hat, der weiß, was Denken ist.“

    Wie dumm, dass man bei uns als Kind dafür bestraft wird, wenn man sagt: „Ich mag nicht.“ Da belibt dem GEIST, der nicht dumm ist, nur das Ausweichen in „Ich kann nicht“! Wenn wir unsere Pädagogik nicht vom PAPIER sonder vom LEBEN lernen würden, müsste uns auffallen, wieviele Schwierigkeiten wir durch diese unkluge Weichenstellung für das Kind, seine Eltern und uns, seine Erzieher heraufbeschwören. Das ICH KANN spielt die entscheidende Rolle für das LEBEN. An Beispieklen wir COUÉ kann man die Erfolgspraxis lernen. Guten Erfolg!
    Franz Josef Neffe