Kommunikation im Netz – Bitte Gehirn einschalten!

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Vor dem Abschicken - Gehirn einschalten!Wer in ein Restaurant geht, im Zug sitzt, zu Besuch geht, mit anderen Worten:
Wer sich im Real Life bewegt, der weiss, an welche Regeln er sich halten soll: Dass man den nassen Hund nicht auf den Sitz legt, nicht an die Scheiben spuckt, dass man die Gastgeber grüsst, nicht Anderen ins Wort fällt, keine Beleidigungen und Schimpfwörter sagt, die dreckigen Stiefel draussen lässt, nicht mit dem Wein gurgelt, solche Sachen halt. Man weiss das, weil es immer schon so war, weil man es schon von klein auf gelernt hat, weil es sich so gehört, weil wir ja alle anständig sein wollen. Stimmt doch?
 

Oder stellt euch einmal vor, ihr würdet zu Besuch gehen und den Gastgeber mit: „Hallo Arschloch, verpiss dich doch!“ bezeichnen. Ihr würdet dem Gegenüber im Zug sagen, dass sein T-Shirt Scheisse aussieht, ihn fragen, warum er rote Socken trägt, ihn beleidigen weil er ein Nike und kein Puma T-Shirt trägt. Stellt euch vor, ihr würdet im Restaurant den Kellner anspucken, ihm sagen dass ihr das Restaurant auf der anderen Strassenseite viel besser findet, ihn belehren und ihm erklären, wie er die Teller auf den Tisch stellen soll und dann am Schluss einfach gehen ohne zu bezahlen. Eine Frechheit wäre das oder?

Was man sich niemals im richtigen Leben getrauen würde, passiert leider tagtäglich auf den unzähligen Blogs, in Kommentaren, auf sozialen Plattformen wie YouTube, Twitter und Facebook. Da wird gespuckt, geschlagen, getreten, rein virtuell natürlich. Alles unter dem Motto: Wer sich im Internet bewegt, also seine Sachen öffentlich macht, der muss halt auch einstecken können. „Selber Schuld, wenn sie einen Blog hat, dann muss sie halt auch mit Kritik umgehen können.“ Genau, so macht man das ja auch im Restaurant: „Wer ein Restaurant hat, der muss halt auch damit umgehen können, dass ich mein Essen, wenn’s mir nicht schmeckt, einfach auf den Boden spucke.“ *daswarjetztironisch
Eine unglaublich bösartige, niederträchtige, egoistische Gesprächskultur hat sich da im Netz entwickelt. „Ich schreibe, was ich zu schreiben habe, ohne Rücksicht auf Verluste.“ Die Gürtellinie ist oft schon so weit runtergerutscht, dass man beide Pobacken sehen kann.

Virtuelle Kommunikation ist hohe Schule. Wie antworte ich auf eine provokative Frage? Wie schreib ich zurück, wenn jemand nicht gleicher Meinung ist, wie bringe ich als Seitenadministrator meinen „Fans“ eine angemessene Schreibweise bei, geht das überhaupt? Wie schreibe ich Sätze so, dass sie niemandem in den falschen Hals geraten? Mach ich ein Ausrufezeichen oder doch lieber nur drei … Braucht es einen Smiley am Schluss und wenn ja, welchen? Je nachdem wie ich meinen Satz abschliesse, bedeutet der Satz für das Gegenüber plötzlich ganz etwas anderes.
Virtuelle Kommunikation ist vor allem deshalb sehr anspruchsvoll, weil wir unser Gegenüber ja nicht sehen. Hat er oder sie gerade eben ein trotzendes Kind ins Bett bringen müssen, ist sein Hund gestern gestorben, hat er vielleicht Hunger und ist deshalb gerade sehr unausstehlich? Hat er oder sie vielleicht gerade sehr viele Pickel, zu viele Kilos auf den Hüften, ist er einfach ziemlich unzufrieden mit sich und der Welt? Wir wissen es nicht und wenn er deshalb etwas unfreundlich antwortet, dann ist das vielleicht nicht, weil er uns oder unsere Frage doof findet, sondern eben seine Hüften, seine Frisur oder sein trotzendes Kind.
Selten sind Diskussionen unter Online- oder Blogartikeln konstruktiv, weil so viele anonyme Menschen, mit so vielen eigenen Problemchen vor den Bildschirmen hocken und ihren Frust und ihren Ärger irgendwo raus lassen müssen. Da kann schon ein einfaches: „Das kann ich jetzt absolut nicht nachvollziehen“ eine Grundsatzdiskussion mit unzähligen Beleidigungen auslösen. Ein „Hä? Was ist denn in dich gefahren?“, lässt Schreiberinnen ihre gute Kinderstube vergessen und es endet nicht selten mit wüsten Beschimpfungen.

Werden gesponserte Produkte in Videos oder Blogs zum Beispiel nicht richtig gekennzeichnet, entlädt sich der ungebremste Zorn von anderen SchreiberInnen. Da wird Lug und Betrug vorgeworfen und mit Dreck geschmissen. Wahre Dramen spielen sich oft ab, da sind TV-Seifenopern ein feuchter Furz dagegen.

Die Frage ist nur: Was kann man tun, damit sich der Ton und die Gesprächskultur auf einem angenehmen Niveau bewegt?

Hier meine Tipps und Erfahrungen für Seitenbetreiber:

Wer eine Facebook-Seite, einen Blog, einen YouTube Kanal oder eine Online-Zeitung betreibt der muss ständig seine Kommentare im Auge haben. Das heisst: Die Kommentarfunktion einschalten und die Kommentare alle durchlesen und genehmigen oder so oft online sein, dass er die Kommentare jederzeit löschen oder Nutzer blockieren kann. Die Hoffnung, dass sich das von Anfang an irgendwie selber regelt und die Leute das im Griff haben, kann man gleich vergessen.
Das ist harte Arbeit und braucht viel Zeit. Dass sich das lohnt, sehe ich jeden Tag auf der Elternplanet Facebookseite, auf der ein ausgesprochen angenehmes, gar freundschaftliches Klima herrscht.

Es braucht einen Chef. Gerade in Facebook Gruppen oder auf Fanseiten muss klar sein, wer der Administrator ist und der muss mit den Leuten interagieren. Zurück schreiben, Gegenfragen stellen, auch mal Leute zurecht weisen, hitzige Diskussionen etwas runter bremsen, moderieren und auch mal freche, unanständige Kommentare löschen und Leute von den Seiten und aus den Gruppen entfernen und blockieren. Meine Erfahrung hat gezeigt: Wenn ein ruhiges, freundliches Klima herrscht, dann haben es Nörgler und Dummköpfe viel schwerer, als wenn auf den Seiten schon ein recht rauer und unfreundlicher Ton herrscht. Die Hemmschwelle auf eine bereits verschmierte Wand zu schmieren ist viel kleiner als auf eine weisse.

Gewisse Themen kann man einfach nicht auf sozialen Plattformen diskutieren. Anspruchsvolle politische Fragen z.B, die Einwanderungspolitik des Bundes, Impf-Fragen oder wie lange man ein Kind stillen soll. Also diskutieren kann man sie schon, aber sie arten IMMER aus. Immer.

Genau so wie in der Kindererziehung, brauchen auch Erwachsene immer mal wieder ein Lob und eine Anerkennung. Gebt den Leuten Feedback, wenn es gut läuft, wenn das Gesprächsklima angenehm ist. Sollte eine Diskussion mal aus dem Ruder laufen, dann lieber die Diskussion beenden oder notfalls auch mal löschen und danach das ganze nicht wieder aufwärmen. Postings wie: „Sorry, ich musste Posting xy löschen“ bringen nichts. Im Gegenteil. Die Leute, die es nicht mitbekommen haben, fragen dann natürlich „Warum?“ der Beitrag gelöscht wurde, alle Andern beginnen wieder mit Erklärungen und das Thema nimmt nie ein Ende.

Was man sich als „Privater Kommentarschreiber“ überlegen muss:

Muss/Will ich mich auf eine Diskussion jetzt wirklich einlassen? Ist mir die Zeit nicht zu schade? Geh ich nicht lieber mit meinen Kindern ein Eis essen oder mach mir einen Kaffee? Wie formuliere ich meine Antwort, dass niemand beleidigt wird?
Vor dem Abschicken der Antwort, unbedingt noch einmal in Ruhe durchlesen. Wie klingt das? Merkt man erst Minuten später, dass man vielleicht etwas gar grob reagiert oder etwas übers Ziel hinaus geschossen ist, dann kann man sich a.) entschuldigen oder b.) in vielen Fällen, seinen geposteten Kommentar korrigieren. Manchmal hilft es auch, einen Kommentar zu schreiben, ihn einfach so stehen zu lassen und ihn dann, ohne abzuschicken, wieder zu löschen.

Damit Kommunikation in der virtuellen Welt genau so wie im realen Leben funktioniert braucht es nicht nur ein Gehirn. Man muss es vor dem Schreiben einfach zuerst einschalten. Und wer keines hat oder es grad nicht findet, der hält einfach mal die Klappe, kommentiert nix und geht ein bisschen raus an die frische Luft. Oder schreibt seinen Frust in ein Tagebuch.
Am Besten eines zum Abschliessen.

 

 

  • Claudina

    Genau, bin der gleichen Meinung und ich finde du machst das super :)

  • Marion

    mir richtig aus der Seele gesprochen und ich bewunder Menschen wie dich dies es si toll in Worte fassen können …

    liebes Umärmel Marion * emily-fay* die auch von Mari ihrer Seite rüber kam

  • Annika

    Einfach nur klasse geschrieben (Inhalt und Stil) – da müssen jetzt drei Ausrufezeichen herhalten !!!
    Liebe Grüße von Annika, die von babykindundmeer rübergeschwappt ist

  • misch

    Ausser ein BRAVO hab ich hierzu nichts zu schreiben :-)

  • Katja

    Absolut auf den Punkt gebracht – Mit Charme und einem Augenzwinkern die harte Wahrheit serviert ;-)
    <3

  • Caro

    Finde den Artikel super. Du hast es wirklich mal auf den Punkt gebracht.
    Denn so und nicht anders ist es inzwischen leider… Die Leute spucken dir dein Essen nicht vor die Füße, nein. Sie spucken es dir direkt ins Gesicht. Und danach kommt ein: ‚Oh, hab ich dich getroffen?‘ und auch das nur, wenn man Glück hat.
    Super gelungen und auf den Punkt gebracht.

    Habe nur eine Kleinigkeit am Schreibstil zu ‚bemängeln‘, es sind am Anfang etwas zu viele Vergleiche, du könntest sie in den ersten beiden Absätzen einkürzen. ;)
    Ansonsten stimme ich zu. :)

  • Mari

    Wow, besser hätte ich es nicht asudrücken können. Ich danke dir!