Facebook, dein Freund und Doktor

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Hier ein roter Po, da ein paar Pickelchen über dem Bauchnabel, ein eiterndes Auge oder eine roter Nesselausschlag. Ein krummer Finger, ein grüner Zehennagel, eine riesige Aphte.
Wenn ich mal grad am Kaffee schlürfen bin und mich so durch Facebook klicke, erschrecken mich immer wieder unzählige Krankheitsbilder von kleineren und grösseren Menschen. Warum um Himmelswillen posten wir Fotos von Hand- Fuss und Dings-Krankeiten, von Beulen und Scharlachzungen?
Dafür gibt’s doch Ärzte und medizinische Telefondienste, denen kann man nämlich auch Fotos von zerquetschten Daumen und Schweisspickelchen schicken.
Unzählige Diagnosen kann man dann jeweils unter den verschiedenen Bildern lesen, eine einleuchtender als die andere:

„Ach, das hatte meiner auch. Das ist die peruanische Wurmkrankheit“.
„Nein, das ist bestimmt nicht die Wurmkrankheit, das ist eine Allergie.“
„Auf keinen Fall, das ist das Nesselfieber.“
„Das ist diese gefährliche Klauenseuche, kann für Babys tödlich sein. Kam gestern auf RTL.“
„Könnten auch die Masern sein“
„Hä? Gegen die ist man doch geimpft.“ 
(Zeitgleich startet dann auch gleich die nächste Impfdiskussion…)
„Mein Sohn hatte was Ähnliches. Ich hätte da noch eine Salbe, die läuft Ende Jahr ab, falls du sie haben möchtest, PN.“

„Ich habe gerade gegoogelt, das ist nicht die peruanische, sondern die südfränkische Wurmkrankheit“.
„Ein Pilz der schlimmeren Sorte“.
„Ein „harmloser Mückenstich“.

Ein gut gemeinter Ratschlag jagt den nächsten

„Ausdrücken, einbinden, beobachten, aussaugen, aufschneiden, zusammenquetschen.“
„Zahnpasta drauf, ein Löwenzahnblatt darüber legen, mit Essig spülen, im Olivenöl baden.“
„Trocknen lassen, feucht halten, bewegen, still halten, drauf spucken, Schweineschmalz drauf schmieren.“

Es geht zu wie auf einem Medizinischen Basar.
Wer will noch, wer hat noch nicht?
Jede und jeder gibt seine Diagnose ab. Die allermeisten sind Laien und kaum jemand kann die schwere der Infektion oder der Krankheit wirklich beurteilen.

Dass man in Sozialen Netzwerken Rezepte tauscht oder Bilder von selbstgebastelten Petflaschen-Monstern, Häkelbikinis oder Lieblings-Traktoren seiner Kinder postet, ist ja ganz prima. Ab und zu kann man durachaus auch mal ein kleines Hausmittelchen oder das Rezept eines Zwiebelsirups posten, ok.
Aber Facebook als dein Freund und Doktor?
Nein, da geh ich lieber im Real Life schnell beim Mann im weissen Kittel vorbei und bespreche allfällige Zeckenbisse oder Bindehautentzündungen, stark eitrige Ohrläppchen oder Abszesse, direkt in der Praxis.
Oder ich rufe schnell bei an, schildere die Symptome und/oder schicke dem netten Herrn Doktor auch mal schnell ein Bild, der geröteten Wange, des dunkelblauen Zehennagels..

Worum geht es eigentlich?

Um die vielen „Gute Besserungs-Wünsche“ die man bekommt, wenn man rote Ohren, dicke Knöchel oder fiebrige Kinderbilder postet?
Geht es um eine „Pseudo-Beruhigung“?
„Ach, das kenn ich, hatten wir letzte Woche auch, ist nicht so schlimm!“
Oder ist es gar ein Wettkampf: „Welches Kind hat mehr Beulen, Sommergrippen und Pseudo-Krup Anfälle eingefangen?“ *ichverstehesnicht
Dabei hätten es die Seiten- und Gruppenadministratoren in der Hand, diese gefährlichen Fern-Diagnosen zu unterbinden.

Manchmal fallen die Kinder auch von Wickeltischen, aus Hochstühlen, von Sofas oder machen merkwürdige Geräusche beim Atmen. Und auch da gibt es immer wieder Eltern, die diese Symptome in den ausführlichsten Ausführungen zuerst einmal auf Facebook posten.
„Also, er hat ziemlich geweint, als er vom Sofa gepurzelt ist. Am Kopf sieht man nix, er war aber ganz bleich und jetzt schläft er. Meint ihr, er könnte eine Gehirnerschütterung haben?“

Manchmal frag ich mich echt, ob das zum Standart wird, dass man Bilder von Verletzungen oder Ausschlägen zuerst einmal in seiner Chronik oder Lieblings-Facebook Gruppe postet. Dass man zuerst zehn Minuten den Unfall des Kindes in seinem Profil erklärt, bevor man rasch den Arzt anruft.
Oder gar dem Kind zu ruft:

„Warte kurz mein Liebling, ich bin gleich bei dir, ich muss zuerst noch schnell ein Foto machen und das bei Facebook hochladen.
Meine Freunde werden dann sicherlich wissen, was dir genau fehlt.“

 

 

  • Schmürzi

    Fadegrad auf den Punkt gebracht! Herzlichen Dank!
    Man könnte auch noch anhängen… ein Teil der heutigen Müttergeneration ist dank FB am Verblöden!
    Natürlich darfst Du das nicht offen im Blog kommunizieren, aber versteckt geht das auch prima! ;)

    Ich werde in Zukunft genau diesen Blog… vielleicht nicht immer aber meistens als Kommentar in den Mamigruppen hinterlassen :D

    Fies, aber ich hoffe effektiv, damit die Betroffenen wieder mal den gesunden Menschenverstand abrufen.

  • Würmli

    Danke, genau so empfinde ich auch. Könnte ich anhand von Fotos Diagnosen erstellen wäre ich sicher nicht im FB sondern irgendwo als Wundermensch ;o)
    Ich finde es ok. wenn die Eltern schreiben mein Kind hat dies und das, aber braucht es die Fotos und die Frage was es ist?

  • lilly

    da bin ich wohl falsch versichert… meine krankenkasse bietet diesen telefon service nicht an, und mein hausarzt gibt keine antworten per telefon/sms sondern nur per termin. und auch den gibts als notfalls nur um 17uhr auch wenn man morgens in aller herrgottsfrüh schon anruft. dann muss ich noch bis zu 60min in der praxis sitzen und warten und am schluss bekomm ich eine ladung chemie aber ein aussagekräftige diagnose hab ich trotzdem nicht… aber ne riesen rechnung…