„Oh, jetzt zeig doch mal den Anderen, was du alles schon kannst…“

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Mit Kindern ist es manchmal so ein bisschen wie im Zirkus. Ausmisten, füttern, die Mähne kämmen, Aufgaben einstudieren, loben und ein Rüebli als Belohnung in den Mund stopfen. Super Vergleich, oder? :-)
Und wir Eltern haben manchmal auch so was „Zirkusähliches“.
Manchmal benehmen wir uns ein bisschen wie die Dompteure oder die Zirkusdirektoren die unbedingt wollen, dass ihre Artisten und Tiere ihr tollstes Kunststück vorführen.

Das sieht dann bei uns Eltern etwa so aus:

„Komm, Schatzi, jetzt zeig der Oma mal, wie du gut auf einem Bein hüpfen kannst.“

„Jetzt hol mal deine Blockflöte und spiel das hohe C.“

„Sag mal dem Opa das ABC auf.“

„Zeig mal dem Yannick wie lustig du schielen kannst.“

„Sing doch mal das Lied welches ihr in der Schule gelernt habt.“

„Jetzt mach doch mal die Pirouette, die kannst du doch so gut.“

„Schau mal, wie er schon sitzen kann.“

„Nimm mal den Schnuller aus dem Mund und sag mal „P-A-P-A“.

„Jetzt zeig mal der Tante Viola, wie gut du dein Fudi (=Po) schon alleine putzen kannst und das Nase putzen kannst du dann auch noch grad zeigen.“

„Ja, du kannst doch so gut ohne Stützräder fahren, zeig das mal der Simone.“

„Schau mal, wie gut er schon auf das Klettergerüst klettern kann.“

„Zeig mal deine Zahnlücke, deinen neuen Zahn, dein Loch in der Hose, deine Beule am Kopf.“

„Mach mal den Handstand, den Purzelbaum, das Rad, den Salto auf dem Trampolin.“

Und im Gegensatz zum Zirkus, wo die Artisten und die Tiere ihre Kunststücke immer schön auf Kommando machen, sieht das im „Kinderzirkus“ meistens ganz anders aus.
Die Kinderlein rennen nämlich  weg, verdrehen die Augen, lachen, weinen, trotzen.
Sprich: Sie machen ganz etwas Anderes, als die Erwachsenen möchten.

Gegen das freiwillige Vorzeigen ist ja auch überhaupt nix einzuwenden. Das ist ja herzig und manchmal führen die Kids ja auch gerne etwas vor.
Aber manchmal eben nicht.
Und es gibt auch Kinder, die das grundsätzlich nicht sehr mögen.

Als Eltern ertappt man sich nicht selten dabei, die Kinderlein, mit allen Mitteln der Kunst, zum Vorführen zu überreden.
Ja und manchmal beobachtet man (natürlich nur bei Anderen) die spektakulärsten Situationen.
Nämlich dann wenn Eltern versuchen, ihre Kinder, auf Teufel komm raus, zum „Vorzeigen“ zu animieren:

„Komm, niemand kann das so gut wie du.“

„Jetzt ist die Oma extra zu uns gekommen, damit sie das sehen kann.“

„Wenn du das jetzt machst, dann gibt es ein Schöggeli.“

„Öööhhhmmm, du kannst es wahrscheinlich gar nicht mehr…“

„Schau mal, dein Bär hat auch Freude, wenn du das vorzeigst.“

Und wenn das nix bringt, dann probieren die Eltern halt auf Teufel komm raus, die Kinder zu animieren. So klettern die Erwachsenen selber auf Stühle, machen den Purzelbaum (oder versuchen es), sagen laut und deutlich das ABC auf, wedeln mit den Armen, singen, (oder so was ähnliches), wälzen sich am Boden, quietschen, bellen wie Hunde, watscheln wie Enten, tanzen um den Tisch, hüpfen im Kreis oder probieren auf einem Bein den Flieger zu machen.

So lange, bis sich alle etwas beschämt wegdrehen und sagen:
„Eh, jetzt lass sie doch. Sie kann es ja das nächste Mal zeigen.“

Und das Kind?
Das steht ungläubig daneben und wenn es schon sprechen kann fragt es vielleicht:

„Mami, was machst du da eigentlich?
Wir sind doch hier nicht im Zirkus…“