“Nie mehr geh ich auf diesen Schulweg!” – “Ehm, warum?” – “Weil da grad ein Mann gestanden hat, mit einem Messer.” Urgs. Das Gespräch fand vorgestern zwischen meiner Tochter und mir statt. Ich sah im Geiste schon die Polizeiwagen unsere Strasse hinauf sausen, dazu die Verhaftung des Messerstechers. Schlagzeile im Blick, im 20Minuten sowieso. Ja, stellt euch vor, ein Fast-Mörder direkt in unserem Quartier?
Ok. Ich hab dann vorsichtshalber doch noch mal nachgefragt. Wie er denn ausgesehen und ob er was gesagt hat, wie gross das Messer war. “Also, nein. Ein Mördermesser war es nicht. Eher kleiner.” Aha. Da war ich schon mal ein bisschen beruhigt. Es könnte durchaus auch ein Sackmesser gewesen sein, wie sich nach ein paar Minuten ausführlicher Diskussion heraus stellte. Vielleicht hätte der Mann ja auch nur was im Garten gemacht.
Uff! Gott sei Dank. Kein Schwerverbrecher in der Nähe.
Einerseits ist das ja toll, wenn Kinder aufmerksam sind, Dinge beobachten die vielleicht nicht so sind wie sonst. Doch da werden aus bellenden Hunden schnell mal reissende Bestien, die den Simon fast angefallen hätten. Aus Grossvätern die vor der Schule auf ihre Enkelkinder warten, werden Entführer (“und im Auto lag eine Pistole” *ganzbestimmtderTimohatsgesehen). Aus kleinen Schulstreitereien werden Massenschlägereien mit Blut und vielen Verletzten. “Wäre der Lehrer nicht gekommen, dann wäre der Fabian jetzt tot.” Wir als Eltern sind dann erstens einmal geschockt und zweitens wissen wir dann überhaupt nicht mehr, was wir glauben sollen. Von Anfang an alles gleicht ins Lächerliche ziehen und abwerten geht ja auch nicht und jedes mal gleich das Sonderkommando Enzian anrufen ist ja auch übertrieben. Was kann man den Kids denn überhaupt glauben und warum erzählen sie oft solche wahnwitzigen Geschichten?
Kinder haben eine lebhafte Fantasie und das ist auch gut so. Wenn die Geschichten nicht grad ständig zu Kriminalfällen ausarten, so kann man durchaus so ein bisschen auf das unglaubliche Geschehen eingehen. Nachfragen, erstaunt sein, lustige Einwände machen. “Ui, da hat das Pony aber Glück gehabt, dass der Abwart es nicht gesehen hat…” Oder so.
Wenn das Kind immer wieder masslos übertreibt, ganz offensichtlich und dabei lange, ausschweifende und lustige Stories erzählt, kann man auch mal so ein bisschen mit den Augen zwinkern. So nach dem Motto: “Eh, WIE war das jetzt ganz genau?” Oder dem Kind an die lange, virtuelle Pinocchio-Nase fassen, die schon fast bis zur Türe kommt. Beim Flunkern, übertreiben und Geschichten erfinden, da würd ich nicht allzu streng sein, denn oft wollen die Kids auch einfach nur ein bisschen plaudern und Aufmerksamkeit bekommen.
Anders ist das natürlich beim ganz bewussten, richtigen Lügen. Also dort wo es darum geht, sich einen Vorteil zu verschaffen, sich vor einer Konsequenz zu drücken oder wenn Lügen aus Angst passiert. Da empfiehlt es sich dann wirklich genau hinzuschauen und auch hinzuhören. Was steckt dahinter? Warum hatte das Kind Angst?
Das bedeutet aber auch Mut machen. Die Kinder sollen wissen, dass sie uns alles erzählen dürfen. Loben und bestärken, wenn sie die Wahrheit sagen und dann zusammen überlegen, wie man das wieder in Ordnung bringen kann.
Und auch immer ein bisschen daran denken, wann man selber das letzte Mal gelogen hat. Meistens ist das nämlich noch gar nicht so lange her.



