Ich leg vorsichtshalber den Velohelm schon mal bereit. Nicht weil ich einen besonders tollen habe, sondern viel mehr weil ich gleich ein Thema ansprechen werde, bei dem immer mal wieder gerne mit Steinen geworfen wird. Also seid ihr bereit?
Seit das TIME Magazine einen Artikel zum Thema “Langzeitstillen” zusammen mit einem kontroversen Titelbild veröffentlicht hat, wird im Netz heftigst diskutiert. Eine hübsche blonde Frau, vor ihr ein kleiner Stuhl, darauf steht keck ihr fast vierjähriger Sohn und saugt, als wär’s die selbstverständlichste Sache der Welt, an ihrer Brust. Nicht nur das Bild ist gewöhnungsbedürftig, sondern vor allem der Titel: “Are You Mom Enough?” (Bist du Mutter genug?) nervt gewaltig.
Darf man überhaupt über das Stillverhalten einer Mutter urteilen? Den Kopf schütteln oder gar darüber bloggen? Man darf. Ich darf. Ganz besonders, wenn die Mutter auf dem Titelbild des TIME Magazines ist und es ja auch ein bisschen darum geht zu provozieren und neue Abonnenten zu finden.
Hmm. Ganz ehrlich? Ein Kind, das rennen, springen, Pommes essen, Fussball spielen, sprechen kann, in dem Alter wahrscheinlich schon ein iPhone bedient, selber bestimmt was es anziehen will, Piraten Geburtstagsparties macht, vielleicht schon ein Loch im Zahn hat, Spongebob guckt und mit Trotzanfällen, sein eigenes ICH entdeckt, holt sich seine Milch nicht aus dem Kühlschrank, sondern aus der Brust seiner Mum?
Jetzt mal ehrlich, würdet ihr eurem Kind auch den Trip Trap hinstellen, damit es an eure Brüste ran kann?
Stillen (wenn’s dann endlich mal klapp) ist ok. Ich habe auch gestillt und zwar beide Kinder. Das erste, nach WHO Empfehlung sogar ausschliesslich ganze sechs Monate. “Es ist das allerbeste und das Kind wird dann auch gut gegen Allergien geschützt sein.” Ich muss ja jetzt nicht erwähnen, welches Kind jetzt mit den Allergien kämpft und sogar einen Notfall “Epi-Pen” im Schulsack hat…
Es gibt beim Stillen durchaus schöne Momente. Wenn das schmatzende, kleine Baby, an deinen Monsterbrüsten hängt und diese genüsslich leer trinkt, dazu schmatzt und du dann nicht mehr das Gefühl hast, zu explodieren. Unglaublich süss, wenn es dann total erschöpft und satt einpennt und du dann weisst, dass es jetzt bestimmt ein paar Stündchen ruhig sein wird. Genau diese Momente hat auch die Stillberaterin beschrieben, so stand es in den Büchern und Heftchen und überall gab’s Bilder mit schwelgenden Mamis und ihren Stillkissen mit Blumen oder Elefantenmotiven.
Nicht gesagt hat sie aber:
Dass es vielleicht nicht genau so klappen könnte wie in den Heftchen. Dass deine Brüste vor dem Milcheinschuss kurz vor dem Explodieren sind, dass es sein kann, dass du die überaus, wunderbare sättigende Vormilch vielleicht nur mit Mühe und Not rausdrücken kannst, dass dein Kind immer nur mit dem Kopf hin- und her wackelt und nicht trinken will, dass es die ersten zwanzig Sekunden unglaublich weh tut und du dich ständig fragst: “Warum tu ich mir das an?” Dass deine Brustwarzen reissen, die Brüste entzünden, dass sie auslaufen, so bald irgendwo ein Kind schreit, dass es unglaublich unersättliche Babies gibt, die einfach nicht genug bekommen können und du dann einfach zu wenig Milch hast, dass das Milch abpumpen um fünf Uhr morgens (weil du dann auf den Zug springen musst), nicht grad unbedingt das höchste der Gefühle ist, dass deine Gefriertruhe voller Toni-Joghurt Gläser und eingefrorender Milch sein wird, dass BH’s mit Stilleinlagen unter dem T-Shirt einfach nur Scheisse aussehen und dass du mit dem Stillen, die Rechte an deinen Brüsten eigentlich völlig aus den Händen gibst.
Dieses “Du musst stillen. Und zwar bis zum 6. Monat” wurde mir so eingetrichtert, dass es mir nicht im Traum in den Sinn gekommen ist, vorher damit aufzuhören. Sie hat mir nicht gesagt, dass es auch ok ist, wenn man nicht stillt, dass jeder das mit sich selber ausmachen muss. Es war so in etwa: Stillen=Mutter Theresa, Nicht stillen=ab in die Hölle.
Ok, beim ersten Kind glaubt man ja auch noch alles, was einem andere erzählen, beim zweiten nimmt man es dann etwas gelassener. Und deshalb hab ich dann auch ohne schlechtes Gewissen, dem unersättlichen Stillbaby einfach noch einen Schoppen nachgefuttert. Einfach weil ich nicht mehr konnte und das Kind ständig Hunger hatte.
Ok, das beantwortet jetzt nicht die Frage nach dem TIME Bild: Warum lassen Frauen ihre Kinder bis ins hohe Kinderalter an ihre Brüste ran?
Der Psychologe sagt: “Ablösungsschwierigkeiten der Mutter zum Kind”. Der Stillexperte jubelt: “Prima, das beste fürs Kind.” Der Mann denkt: “So hoffentlich ist das bald vorbei…”
Die Kinder sind uns nie so nah, wie wenn sie in unseren Bäuchen sind. Der Ablösungsprozess beginnt aber schon ganz früh, nämlich mit der Geburt. Und von da an heisst es: Immer ein Stückchen loszulassen. Das tut weh. Und manchmal denkt man so: “Halt. Stop. Das geht doch alles viel zu schnell.” Trotzdem fand ich persönlich diese Ablösungsschritte wunderbar, toll, bereichernd. Ein Kind auf dem Trip Trap an meiner Brust hängend, das wär für mich unvorstellbar gewesen. Für MICH. (Ja, ja der ganze Artikel ist meine persönliche Sicht der Dinge). Weil man als Mama eh schon immer ein bisschen aufpassen muss, dass man sich nicht selber aufgibt, dass man nicht alles dem Kind unterordnet und ab und zu auch mal wieder Dinge tut, die man ohne Kind auch getan hat.
Ich denke jede Mama muss immer wieder ihre Grenzen neu setzen. Wie viel Nähe tut mir und meinem Kind gut? Wie viel Freiraum brauchen wir selber und wie viel unsere Kinder? Oft sind wir den Kindern sehr nah. Wir kommentieren, lamentieren, nörgeln, erklären, sagen, reden, erwarten, zeigen, machen den ganzen Tag. Manchmal einfach zu viel Gerede, Geschnatter, Anweisungen und Hilfe.
Loszulassen ist nicht leicht und braucht etwas Übung: Stillen bis ins hohe Trip Trap Alter ist für mich deshalb nicht gerade der beste Weg dazu, das zu üben. Mit dem Kleinkind (also so ab einem Jahr) ständig nur in Babysprache zu reden, es ausschliesslich nur zu füttern, es immer und ständig nur rumzutragen, es bis fast zum Kindergarten noch auf den Wickeltisch zu legen, aber auch nicht.
Es geht nicht nur ums Stillen. Es geht darum, die Kinder nicht zu stark an uns zu binden, sondern sie zu stärken. Ihnen Freiräume zu lassen, ihnen zu helfen, ganz viele Dinge selbst zu tun. Den Spruch von den Wurzeln und den Flügeln kennt ihr ja alle.
So und jetzt? Ist das Thema geklärt? Nein.
Auch gut.



