Alles wird gut – die Supernanny ist weg

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Die „Supernanny“ ist weg. Also nicht ganz. Irgendwo werden die Höhepunkte von 7 Jahren „Kampf in der Kinderstube“ sicherlich immer noch so ein bisschen herumgeistern. Nicht nur auf YouTube sondern auch in den Köpfen von uns Zuschauern.
„Endlich!“ schreien alle Erziehungsfanatiker und Experten. Die „Supernanny“ war ja schliesslich so was wie das personifizierte „Böse“. Welch grosser Aufschrei damals, als die Sendung startete. So was müsse man verbieten, das dürfe man am TV nicht zeigen, waren sich alle einig.

Wie sassen wir doch jeden Mittwoch Abend vor der Glotze, haben uns heimlich auf die Schulter geklopft.“Na so schlimm ist es ja bei uns Gott sei Dank nicht“, und waren immer wieder entsetzt über die fragwürdigen Erziehungsmethoden mancher Eltern. Und trotzdem haben wir immer wieder eingeschaltet, haben zugeschaut, wie Katja Saalfrank mit den Eltern „positives Bestärken“ geübt hat manchmal sogar über Funk. Wir haben gesehen, wie da plötzlich in deutschen Stuben schöne Herzen und Blumen mit den Fotos der Familienmitglieder aufgehängt wurden und am Ende der Sendung plötzlich alles gut war. Und wir haben uns gefragt: Geht das wirklich? Kann man in so kurzer Zeit wirklich eine ganze Familie wieder zusammen bringen? Dafür sorgen, dass die Eltern nicht mehr schlagen und verletzen?
Was am Anfang noch leichte Erziehungskost war, verwandelte sich bald in harten Erziehungsjunkfood. Vier Kinder von vier unterschiedlichen Männern, die 15-jährige Tochter schwanger, der Sohn ein Neonazi, der Vater Alkoholiker. Von Sendung zu Sendung wurden nicht mehr nur Erziehungsprobleme aufgetischt, sondern Familiendramen. Gescheiterte Existenzen, Frauen mit psychischen Problemen, gewalttätige Ehemänner, Schuldenberge, Schimmelwohnungen. Schon als Zuschauer konnte man das Elend oft nur schwer ertragen, wie musste es denn für die Familien sein?

Und dann noch vorgeführt am TV, vor einer ganzen Nation. Immer schneller, immer härter, Vorgaben wie für einen Actionfilm. Was nicht passte, wurde passend gemacht, erfuhren wir immer wieder aus den Medien, welche „Supernanny“-Familien besucht hatten. Familien die von Drehbüchern erzählten, von Szenen die immer und immer wieder wiederholt werden mussten. Action Baby! Scripted Reality, wie der Fachausdruck heisst. Eine vorgeschriebene Realität, spielen was sich die Redaktoren und Regisseure ausdenken. Laientheater also auch bei der „Supernanny“.
Das soll auch der Grund sein, warum Katja Saalfrank mit der Sendung aufhört. Nach Informationen des Magazins „Spiegel“ hat Saalfrank die Zusammenarbeit mit RTL beendet, weil der Sender die erzieherischen Inhalte der „Super Nanny“ massiv in den Hintergrund gedrängt habe: „In meine Arbeit als Fachkraft in diesem Format wurde extrem (…) und teilweise sogar gegen pädagogische Interessen eingegriffen“, zitiert das Magazin aus einer internen E-Mail der 40-jährigen Diplom-Pädagogin an RTL-Verantwortliche.
Ja und jetzt jubeln sie alle. Endlich ist die Sendung weg, das Erziehungschaos läuft wieder hinter verschlossenen Türen ab. Die Kinder werden jetzt nicht mehr vor die Kameras gezerrt, sondern leiden wieder still vor sich hin.

„Wie findest du eigentlich die Supernanny?
Das wohl eine der meistgestelltesten Fragen, die ich beantworten musste. Ja, wie finde ich sie?
Gut, weil Erziehung öffentlich gemacht wurde? Gut, weil sich das Motto vom „Es-geht-euch-nichts-an-was-ich-hier-tue“ zum „Schaut-her-ich-habe-Probleme-helft-mir“ geändert hat? Gut, dass sich vielleicht der eine oder andere so ein bisschen über Erziehung Gedanken gemacht hat? Gut, dass ab und zu in den Sendungen sogar Jugendämter und sonstige Hilfsangebote kurz thematisiert wurden?
Oder schlecht, weil es immer wieder vom eigentlichen Erziehungsthema weg ging? Weil Kinder vor den Augen der TV Kameras und der „Supernanny“ gedemütigt und geschlagen wurden und das nur mit einem Kopfschütteln quittiert wurde? Schlecht, weil einem vorgegaukelt wurde, dass mit ein paar Stunden RTL im Haus, alles wieder gut wird? Schlecht, weil man Eltern gesehen hat, die man am liebsten in einer Holzkiste im Wald vergraben hätte?
Ihr seht, ich bin unschlüssig. Die Grundidee, Eltern über das Medium TV/Internet Hilfestellungen zu geben, die find ich grundsätzlich gut. (So was ähnliches mach ich ja auch mit meinen YouTube Erziehungsvideos und meiner kostenlosen Online Erziehungsberatung hier auf Elternplanet).

Wer Kinder hat, der weiss: Erziehungsarbeit ist manchmal ein bisschen trashig. Laut, wild, ungehobelt, voller Fehler aber auch unterhaltsam, komisch und wunderbar. Aber ob man diese Attribute, alle so unter einen Hut bringen kann, dass die Protagonisten nicht blossgestellt und das Fernsehpublikum trotzdem unterhalten wird, da bin ich mir einfach nicht ganz so sicher. Vielleicht liegt es am „Supernanny“ Konzept, welches „härter, schneller, lauter, begleitet von Kameras“ verlangt.
Vielleicht hätte man es anders machen können. Etwas mehr „Bildung“, etwas mehr „Erzieherische Inhalte“? Etwas mehr aus der Ferne beobachten, wenn’s hart wird, die Kameras ausschalten. Hätten dann die Leute trotzdem geguckt? Die Sendung hatte ein Millionenpublikum. Beim Start 24,1 Prozent in der werberelevanten Gruppe der Fernsehzuschauer (14- bis 48-Jährige), am Schluss immer noch stolze 17 Prozent.
Ich kann’s nicht beantworten.

Für mich war „Supernanny“ Pflicht. Jede Sendung hab ich gesehen, hab mir meine Gedanken gemacht. Welchen Rat hätte ich gegeben, wo wär ich an meine Grenzen gekommen und oft auch den Kopf geschüttelt, über die Eltern aber auch über RTL. Trotzdem gibt es für mich kein „gut oder schlecht“, dass die Sendung ausgestrahlt wurde. Nur ein: JA, aber.

 

Vielleicht hat sie uns ein bisschen verändert, die Sendung. Auch die Kinderlosen wissen jetzt definitiv, WIE anstrengend aber auch wie wichtig Kindererziehung ist.  Vielleicht hat sie uns auch ein bisschen gezeigt, wie wir als Eltern ganz bestimmt NIE, aber auch gar NIE sein möchten und dass wir uns Hilfe holen müssen, bevor wir so tief im Schlammassel stecken.

RTL bietet in Zukunft keine Erziehungs-Hilfe mehr an. Aber es gibt ja Gott sei Dank ganz viele andere hilfreiche, gute und unterstützende Angebote für Eltern. Das haben wir auch bei der „Supernanny“ gelernt.

 

Der Privatsender 3+ bringt das „Supernanny“ Format in die Schweiz. 2012 sollen in der Schweiz, Eltern von der „Supernanny“ begleitet werden. Nanny und Eltern werden im Moment gesucht.

Findet ihr es gut, dass die Sendung mit Katja Saalfrank abgesetzt wurde?
Was haltet ihr von einer Supernanny für die Schweiz und wie müsste sie eurer Meinung nach sein?
Wie müsste das Format eurer Meinung nach konzipiert und produziert werden, damit es nicht ins trashige ausartet?
Kann und soll man Erziehungsthemen überhaupt öffentlich machen? Wenn ja, wie sollte das aussehen.
Die Diskussion ist eröffnet. Bin gespannt auf eure Antworten.

  • Adi

    Yep – Kathrin 4 Supernanny! Gogogo!!!

  • Yvonne

    ich habe es auch gerne geschaut – aber auch immer mit gemischten gefühlen… einerseits tat es gut, zu sehen, dass es bei anderen noch viel schlimmer zu und her geht als bei uns. man konnte auch immer wieder den einen oder anderen tipp / gedankenanstoss mitnehmen, wiedermal positiver und motivierter den tag starten am donnerstag ;o). jedoch taten mir auch die kinder / familien leid, dass sie so im tv blossgestellt wurden – wie haben jeweils die freunden/ schulkollegen/ nachbarn reagiert auf die sendung – die wussten ja dann praktisch alles, die privatesten gefühle und geheimnisse… aber eben, da spielte auch sicher das liebe geld eine grosse rolle, welches die familien erhalten haben. und die frage war auch, was ist wirklich real und was wurde aufgeputscht, damit die zuschauerquote steigt… am anfang waren es ja noch „normale“ familien / „normale“ familienprobleme. jedoch bei der neuen staffel waren es ja gewaltige familienprobleme, wo es nicht nur um kindererziehung ging – das fand ich alles zu übertrieben – eben, hauptsache die zuschauerzahl stimmte!
    aber die supernanny katja saalfrank war mir sehr sympathisch und ich finde ihren schritt total mutig und ehrlich!

    und, wäre der job bei 3+ etwas für dich ?!?!?!